Porträt der Woche

Mann der Praxis

Wollte früher Diplomat werden: Dr. med. Mark Indig Foto: Harald Tittel

Porträt der Woche

Mann der Praxis

Mark Indig ist niedergelassener Urologe. Er nimmt jeden Tag Beschneidungen vor

von Inge Kreutz  16.10.2012 12:31 Uhr

Die Beschneidungsdebatte fand ich äußerst merkwürdig. Die Brit Mila ist doch ein jahrtausendealter Brauch! Seltsam, dass dieses Thema so hochgekocht wurde. Die Medien haben aus der Einzelmeinung eines Richters einen Riesenzirkus gemacht. Ich bin Urologe, ich nehme jeden Tag Beschneidungen vor – meist aus medizinischen Gründen, immer wieder aber auch aus religiösen.

Heute lebe ich in Trier, direkt an der luxemburgischen Grenze. Geboren wurde ich 1952 in Rumänien, in der Stadt Sigeth in Siebenbürgen. Als ich zwölf war, wanderte meine Familie in die USA aus. Meine Eltern hatten den Holocaust überlebt – in Verstecken, in ungarischer Zwangsarbeit, durch Flucht aus dem KZ, mithilfe falscher Dokumente. Meine Großeltern habe ich nie kennengelernt. Auch fünf der acht Geschwister meines Vaters wurden ermordet. Unter ihnen: mein Onkel Mark, nach dem ich benannt bin.

namen Im Judentum erhalten Kinder die Namen verstorbener Verwandter, damit deren Seele in ihnen weiterlebt – das ist der Gedanke. Mark war der einzige »Studierte« unter seinen Geschwistern. Er war Ingenieur, lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in Paris – bis er den Nazis in die Hände fiel. Angeblich sehe ich ihm ähnlich. Überhaupt sind die Parallelen erstaunlich. Auch ich bin der einzige Akademiker in meiner Familie. Auch ich schrieb mich an der Uni für Ingenieurwissenschaften ein.

Mehrfach wechselte ich das Fach, das ist in den USA einfacher und weiter verbreitet als hier. Psychologie, Geschichte, Wirtschaft. Bei Politikwissenschaft blieb ich schließlich. Ich studierte bei Arthur Schlesinger und Elie Wiesel. Nach dem Bachelor wollte ich in den diplomatischen Dienst. Doch der Vater meiner damaligen Freundin, er war Gynäkologe, fand, das sei kein Beruf für einen Familienvater: Die ständige Umzieherei – unzumutbar. »Mach was Vernünftiges«, riet er mir, »studier Medizin!«

Ein politischer Mensch bin ich geblieben. Ich habe mich mein Leben lang für Gerechtigkeit eingesetzt. Dieser Kampf treibt mich an, er ist der Motor meines Engagements. Ich bin in der Ärztekammer aktiv, in der kassenärztlichen Vereinigung, in der deutsch-israelischen Gesellschaft, im Beirat für Migration. Zum einen habe ich inzwischen einen Namen hier in Trier und kann deshalb etwas bewegen. Zum anderen weiß ich, wie es ist, unter Ungerechtigkeit zu leiden.

Ein Beispiel: Man wollte meine Frau und mich nicht heiraten lassen. Ich konnte kein Original meiner Geburtsurkunde vorlegen, weil wir sie in Rumänien hatten zurücklassen müssen. Erst nach mehr als einem Jahr lenkten die Behörden ein – nachdem ich mit der Presse gedroht hatte.

studium Meine Frau habe ich im saarländischen St. Wendel kennengelernt. Dort arbeitete ich Ende der 70er-Jahre als Arzt, sie als Krankenschwester. Es war meine erste Stelle nach dem Studium. In den USA hatte man damals so gut wie keine Chance auf einen Medizinstudienplatz. Deshalb war ich nach Europa zurückgekehrt und hatte in Clausenburg studiert, auf Rumänisch: Cluj. Ich beherrsche ja die Sprache. Nach Deutschland verschlug mich der Medizinernotstand, hier konnte man sich die Stellen quasi aussuchen. Zunächst hatte ich gezögert, weil ich kein Deutsch sprach. Doch ein Bekannter machte mir Mut: »Das werden dir die Frauen schon beibringen.«

Es gefiel mir in Deutschland. Die Leute waren locker und lustig, keine Spur von den »kalten Deutschen«, die ich erwartet hatte. Ich war damals voreingenommen. Zunächst habe ich raushängen lassen, dass ich Jude bin. Doch nie kam mir ein böses Wort zu Ohren. Manchmal entschuldigten sich sogar Menschen bei mir, obwohl sie persönlich nichts für den Holocaust konnten.

Ich habe das Gefühl, dass sich die Stimmung seither verschlechtert hat. Heute wird Israel attackiert, und dann heißt es: »Man muss doch kritisieren dürfen!« Das halte ich in vielen Fällen für Antisemitismus durch die Hintertür. Auch bei der Beschneidungsdebatte schwingen Ressentiments mit. Gegen Juden, gegen Araber, gegen Muslime. Sicher, in manchen anderen Ländern ist Antisemitismus stärker ausgeprägt als in Deutschland. Doch dort hat der Hund nur gebellt. Hier hat er gebissen. Und damit verbunden ist die Angst, dass er erneut beißen könnte.

Fremde Ich fühle mich als Deutscher, bin aber amerikanischer Staatsbürger. Es ärgert mich, dass es in Deutschland keine doppelte Staatsbürgerschaft gibt. Solange diese Option nicht besteht, werden sich viele fremd im eigenen Land fühlen. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens hier verbracht – ist doch klar, dass ich mich mit diesem Land identifiziere! Aber die USA haben mir in der schwersten Phase meines Lebens geholfen. Diese Staatsbürgerschaft aufzugeben, fände ich unanständig.

Wir haben damals in Rumänien 15 Jahre lang auf die Ausreise gewartet. Als es so weit war, mussten wir das Land verlassen mit dem, was wir am Leibe trugen. Meine Schwester war damals ein Jahr alt. Für sie durften wir gerade mal zwei Windeln mitnehmen.

An meine ersten Eindrücke in den USA erinnere ich mich gut. Wir fuhren vom New Yorker JFK-Flughafen aus zu Verwandten. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine Autobahn. Es war Nacht. Ich hatte Angst. Nirgendwo entdeckte ich ein Geschäft und fürchtete, wir bekämen nichts zu essen. In dem Städtchen, in dem meine Tante lebte, waren wir die ersten Einwanderer seit Langem. Die Lokalzeitung berichtete über uns. In der Schule hatte niemand je von Rumänien gehört. Nach einem Jahr zogen wir nach New York, mein Vater hatte dort eine Anstellung in seinem alten Beruf als Kellner gefunden.

Außer mir sind alle Familienmitglieder in den USA geblieben. Mein Bruder und meine Schwester leben in Los Angeles. Unsere Mutter wohnt bis heute in New York. Meine Eltern waren sehr fromme Juden. Sie haben, selbst als sie hungerten, den Speck liegen lassen und nur das Brot gegessen. Ich lebe nicht koscher, und ich arbeite auch am Schabbat. Es kommt doch darauf an, was man im Herzen hat! Dennoch bedeutet mir das Judentum sehr viel. Dass ich Jude bin, macht einen großen Teil meiner Identität aus.

minjan Ich helfe in der jüdischen Gemeinde mit, wann immer meine Zeit es zulässt. Lange Jahre sind wir hier in Trier nur eine Handvoll aktiver Juden gewesen. Da kam es oft auf jeden an, damit uns beim Gebet nicht der zehnte Mann fehlte. Nach Trier kam ich 1980 wegen einer Stelle als Urologe in einer Klinik. 1992 übernahm ich meine Praxis. Ich hätte mich gern früher niedergelassen. Doch weil ich kein deutscher Staatsbürger bin, erhielt ich keine Approbation. Erst, wenn man zehn Jahre lang als Arzt im Land tätig ist, kann man diese Zulassung auch als Ausländer beantragen.

Mein jüngerer Sohn, Fabian, Jahrgang 1990, schlägt ebenfalls eine medizinische Richtung ein: Er studiert Osteopathie. Kevin, drei Jahre älter, hat Eventmarketing studiert und arbeitet in einer Firma für Internetmarketing in Hamburg. Beide fühlen sich als Juden. Meine Frau ist keine Jüdin, aber auch sie war dafür, dass die Kinder jüdisch aufwachsen. So ließen wir die Jungen beschneiden – im Krankenhaus. Beide wurden auch Barmizwa, in Luxemburg bei einem liberalen, in Israel anerkannten Rabbiner. Er sah kein Problem darin, dass ihre Mutter nicht Jüdin ist.

Mein Sohn hat einmal die Grundschule gewechselt, weil er gezwungen werden sollte, am katholischen Religionsunterricht teilzunehmen. Keiner darf versuchen, jemanden zu missionieren. Ich respektiere alle Religionen, und jede soll tun, was sie für richtig hält – solange sie die anderen in Ruhe lässt.

So sehe ich auch die Menschen: Wir sind anatomisch identisch, wir essen alle mit dem Löffel, und wir sterben irgendwann. Alle sind gleich. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich nicht ständig beweise, dass ich Jude bin: Ich sehe mich als Weltbürger.

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