Ferien

Lieber Madricha als Chanicha

Als ich zehn war, bin ich zum ersten Mal auf Machane gefahren – nach England, dort ist mein Vater aufgewachsen. Zwei Wochen war ich in Wales bei einem Machane von Netzer, das ist eine internationale zionistische Jugendorganisation. Zwei von meinen Cousins waren auch dabei, aber trotzdem musste ich mich mit einem Mal an alles gewöhnen. Zu Hause hatte ich ein Zimmer für mich alleine, und beim Machane musste ich das Zimmer mit drei anderen Mädchen teilen.

In England sind die jüdischen Gemeinden viel größer als hier. Die anderen Kinder kannten sich von verschiedenen Treffen, und ich kannte keinen. Aber dann fing es an, Spaß zu machen. Man lebt zwei Wochen in einer ganz eigenen Welt. Als uns die Eltern zum Schluss abgeholt haben, waren wir todtraurig und haben eine Stunde lang nur geweint.

klamotten
Im Sommer in England regnet es meistens. Trotzdem erinnere ich mich, dass ich als Kind oft Sonnenbrand hatte. Es gab auch »Jewish Princesses« bei den Machanot. Die hatten Papas Kreditkarte zur Verfügung, und Kleidung war ihnen sehr wichtig. Es war nicht so schlimm wie in den USA, aber extremer als in Deutschland. Ich fand aber, dass das keinen Sinn hat. Beim Machane sind wir oft draußen, und die Klamotten werden sowieso schnell dreckig.

Bis ich 16 war, war ich jeden Sommer in England auf Machane, dann hatte ich ein Jahr Pause. In diesem Sommer wusste ich überhaupt nicht, was ich mit mir anfangen sollte!

Freunde 2011 bin ich zu meinem ersten deutschen Sommermachane von UPJ-Netzer gefahren, das ist die Jugendorganisation der Union progressiver Juden in Deutschland. Ich habe es geliebt, es war wieder das Machane-Gefühl wie damals als Kind. Und endlich habe ich dort auch in Deutschland jüdische Freunde gefunden. Vorher hatte ich nur wenige. Ich lebe in Berlin und war im jüdischen Kindergarten, aber die jüdische Schule habe ich nur kurze Zeit besucht.

Weil mir das Machane vor drei Jahren so gut gefallen hat, habe ich mich zur Madricha ausbilden lassen. Das dauerte zwei Jahre. Es ist anstrengend, Madricha zu sein, man bekommt sehr wenig Schlaf. Abends machen die Kinder natürlich manchmal Ärger, wollen nicht ins Bett oder sind laut. Aber mir macht Madricha zu sein sogar noch mehr Spaß, als Chanicha zu sein. Als Madricha weiß ich vorher, was auf dem Programm steht, ich lasse mich nicht so gerne überraschen. Drei- bis viermal im Jahr treffen wir uns zu Madrichim-Seminaren, wir sind ein tolles Team. Und ich habe bei Netzer Freunde fürs Leben gefunden.

Essen
Unser Essen ist vegetarisch. Einmal, beim Machane im Sommer 2011, gab es auch Fleisch. Aber nur, weil wir an einem Koscher-Laden in der Nähe von München vorbeigekommen sind, und die Madrichim uns eine Freude machen wollten.
Wenn Kinder Gummibärchen oder Süßigkeiten dabei haben, die nicht koscher sind, dann konfiszieren wir die.

Wir haben viele Kinder beim Machane, die nicht wissen, wie man Schabbat feiert. Wir versuchen, es ihnen zu zeigen und ihnen das Judentum näherzubringen. Wir wollen das jüdische Leben in Deutschland aufbauen! Ich habe gerade Abitur gemacht und freue mich schon riesig auf das Machane im August. Es ist in einem Haus am See in Norddeutschland. Ich war aber noch nie dort.

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026