9. November

»Licht der Menschlichkeit«

In der Nacht zum 9. November soll Licht in Gotteshäusern, Institutionen und Privathäusern der ganzen Welt brennen. Foto: Getty Images / istock

Die Großmutter seiner Frau hat diese Zeit erlebt. Es waren Tage und Nächte, die zu den ganz dunklen in Deutschland gehören.

Die Großmutter war ein Kind, als 1938 die NS-Novemberpogrome gegen Juden, Synagogen und Geschäfte wüteten, und lebte damals in Magdeburg. Auch dort wurde das Innere der Synagoge zerstört. Zuvor hatte es die Großmutter noch geschafft, ihr Gebetbuch aus dem Gebäude zu retten. So erzählt es Frankfurts Gemeinderabbiner Avichai Apel.

frankfurt Frankfurt hat heute eine der bundesweit größten jüdischen Gemeinden mit etwa 6400 Mitgliedern und Synagogen für Gläubige unterschiedlicher religiöser Strömungen. Das größte Gotteshaus ist die Westend-Synagoge – das Gebäude von 1910 mit seinem aufwendig gestalteten Innenraum überstand als einziges von damals vier großen Synagogen in der Stadt die Novemberpogrome und die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Gleichwohl war es schwer beschädigt worden.

Am Vorabend des Neujahrsfestes Rosch Haschana im September 1945 kamen einige der wenigen Überlebenden der mehr als 11.000 deportierten Frankfurter Juden gemeinsam mit jüdisch-amerikanischen Soldaten in der notdürftig instand gesetzten Westend-Synagoge zusammen. 1948 wurde die jüdische Gemeinde wiedergegründet, das Gotteshaus im Laufe der folgenden Jahrzehnte renoviert und neu gestaltet.

Die Aktion soll verstanden werden als ein »Symbol der Solidarität und des gegenseitigen Engagements im gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Hass und Intoleranz«.

Heute ist die Westend-Synagoge weit über Frankfurt hinaus bekannt. Sie beteiligt sich in diesem Jahr an einer weltweiten Aktion zum Gedenken an die Novemberpogrome. Eine Kampagne ruft dazu auf, in der Nacht zum 9. November Licht in Gotteshäusern, Institutionen und Privathäusern der ganzen Welt brennen zu lassen.

symbol Das soll verstanden werden als ein »Symbol der Solidarität und des gegenseitigen Engagements im gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Hass und Intoleranz«, wie die Veranstalter von dem internationalen Bildungsprojekt »March of the Living« erklären. Angesprochen sind unter #lettherebelight Menschen aller Religionen. Bisher beteiligen sich den Angaben zufolge Dutzende Gotteshäuser.

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Geplant ist auch, persönliche Botschaften und Gebete aus der virtuellen Kampagne auf die Mauern der Altstadt von Jerusalem zu projizieren. »Vor dem Hintergrund des zunehmenden Antisemitismus und Rassismus und angesichts von Covid-19 werden diese individuellen Ausdrucksformen von Optimismus und Einheit dazu beitragen, die Welt gegen Dunkelheit und Hass zu erhellen«, heißt es.

»Die Aktion finde ich unheimlich wichtig«, sagt Rabbiner Apel der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). »In der Nacht damals haben viele Menschen gelitten.« Mit dem Anzünden und Zerstören von Synagogen hätten es Anhänger der Nationalsozialisten auf einen zentralen Ort abgesehen, in dem Menschen ihre Gebete und ihre Seelen zum Ausdruck brächten.

sterne »Indem wir in der Westend-Synagoge das Licht über Nacht eingeschaltet lassen, möchten wir zeigen: Wir haben über die Nazis gesiegt, wir sind da und machen auch im übertragenen Sinn die Nacht wieder hell«, erklärt Apel, der auch Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ist. Das eingeschaltete Licht symbolisiere auch die Seele. »Sterne, die am Tag leuchten, sind nicht so hell wie Sterne in der Nacht«, betont der Rabbiner.

Salomon Korn vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt erklärte zum Auftakt der Kampagne, dass damit das Bewusstsein gegen wachsende Diskriminierung und Intoleranz geschärft werden solle.

Salomon Korn vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt erklärte zum Auftakt der Kampagne, dass damit das Bewusstsein gegen wachsende Diskriminierung und Intoleranz geschärft und »das Licht der Menschlichkeit in diesen schwierigen Zeiten zum Vorschein« gebracht werden solle.

Aus Sicht der »March of the Living«-Präsidentin Phyllis Greenberg Heideman und des Weltvorsitzenden des Projekts, Shmuel Rosenman, soll der Welt »mit unserer Stimme« gesagt werden, »dass Angriffe auf Juden und Nichtjuden gleichermaßen, sei es aus Gründen der Religion, der Rasse, der Hautfarbe oder des Glaubens, unentschuldbar sind«.

Der frühere israelische Oberrabbiner Israel Meir Lau sagte, dass die Beleuchtungsaktion zeige, dass Juden nicht nur mit der Vergangenheit und der Erinnerung zu tun hätten, sondern mit Hoffnung für eine »schöne lichterfüllte Zukunft«.

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