Hochwasser

»Land unter« in Dessau

Am meisten gefährdet: Die Dessauer Gemeinde liegt nur etwa 200 Meter von der Mulde entfernt. Foto: dpa

Das Wasser steht knapp unter der Schwelle zum Hintereingang der Dresdner Gemeinde. Heinz-Joachim Aris bleibt gelassen. »Wir haben vorgesorgt. Vor der Tür liegen Sandsäcke, von innen ist die Fluchttür, die zur Elbseite hinausführt, durch ein Schott gesichert«, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Erinnerungen an das Hochwasser vor elf Jahren kämen auf. Diesmal steigt das Wasser zwar rascher, hatte am Dienstagmittag in Dresden aber noch nicht den Scheitelpunkt erreicht.

Die Gemeinde arbeite wie gewohnt, betont Aris. »Der Strom läuft, wir haben derzeit eine Synagogenführung, alles ist normal.« Die Wasserstands-Prognose lautet dennoch: »Stetig steigendes Hochwasser«. Noch am Vorabend war die Straße an den Brühlschen Terrassen unterhalb des 2001 eröffneten Gemeindezentrums passierbar. »Jetzt sehe ich nur noch Wasser«, berichtet Aris. Ganz verschont sei man jedoch nicht, »der heftige Regen drang durch die Dachkonstruktion«.

Schäden Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser 2002 habe das aufsteigende Grundwasser massive Schäden angerichtet. »Wir haben den Unterstützungsfonds der Zentralwohlfahrtsstelle in Höhe von 65.000 Euro damals in Anspruch genommen«, sagt der Landesvorsitzende.

Der Fahrstuhl, dessen Motor sich im Keller befindet, war durch die Feuchtigkeit beschädigt worden. Auch das ehemalige Gemeindehaus in der Bautzener Straße, wo heute noch einige Kurse und die Sonntagsschule abgehalten werden, habe es vor elf Jahren schwer getroffen. »Wir hoffen, dass wir diesmal weitestgehend verschont bleiben«. Er sei zuversichtlich, dass alles hält, betont Aris.

Max Privorozki macht sich am Dienstag noch Sorgen um den sachsen-anhaltinischen Gemeindetag, der am Sonntag in Magdeburg abgehalten werden sollte. Die eigene Gemeinde in Halle sei durch das Hochwasser an der Saale nicht betroffen. »Es läuft, alle Mitarbeiter konnten in die Innenstadt kommen. Strom und Internet funktionieren«, meldet der Vorsitzende, der an diesem Dienstag auf die Gäste zu seinem 50. Geburtstag wartet. Am Mittwochvormittag dann die Entscheidung: Der Gemeindetag muss verschoben werden.

Polizei Die Magdeburger verfolgen stündlich die Pegelstände, die Polizei war gerade am Dienstagnachmittag in der Gemeinde, um den Vorstand Wadim Laiter zu informieren. »Bei uns ist noch alles in Ordnung«, sagt Laiter der Jüdischen Allgemeinen. »Wir warten ab, der Höchststand der Elbe wird erst in zwei Tagen in Magdeburg erwartet.«

Die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt habe jedoch aus den Verheerungen von 2002 gelernt und umfangreiche Flutungsmöglichkeiten geschaffen. »Das Wasser wird nun umgeleitet, sodass es die Stadt nicht erreichen wird«, erklärt Laiter, der sich viel mehr Sorgen um die Gemeinde Dessau macht.

Die Gemeinde in der 63 Kilometer entfernten Stadt sei vom Hochwasser der Mulde die bedrohteste aller drei jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt. Ein Mitarbeiter wohne in Dessau. »Die Straße ist wohl nicht passierbar, aber er kommt mit dem Zug. Vor einer halben Stunde war die wichtigste Brücke über die Mulde noch offen, wir warten ab.«

Inzwischen ist diese Brücke überflutet, meldet sein Dessauer Kollege Alexander Wassermann. Der Vorsitzende befürchtet noch einiges für seine Gemeinde. »Wir liegen nur etwa 200 bis 300 Meter von der Mulde entfernt, und die halbe Innenstadt steht schon unter Wasser.« Im Stadtgebiet hat der linke Nebenfluss der Elbe zwar Möglichkeit, Wiesen zu überfluten, doch der Pegel steigt.

Rettungsmassnahmen »Das Archiv, das bei uns im Keller lagert, haben wir vorsorglich nach oben getragen. Alle haben mitgeholfen«, lobt der Gemeindevorsitzende seine Mitarbeiter. Er stehe im stündlichen Kontakt mit der Stadtverwaltung. »Auch die Polizei ist da, um uns zu helfen, falls es nötig wird.« Der erwartete Höchststand ist noch nicht erreicht, berichtet er.

Beim Jahrhunderthochwasser 2002 war die Mulde neben der Elbe, der Müglitz und der Weißeritz eines der am stärksten betroffenen Flussgebiete. Er hoffe, dass es nicht so schlimm kommen wird, doch einige Kilometer flussaufwärts sei bereits ein Deich gebrochen. Für Dessau galt am Dienstagnachmittag Warnstufe 4. Nach Expertenmeinung wurde der Scheitelpunkt am Mittwoch gegen 9 Uhr erwartet.

Der Main sei zwar über die Ufer getreten und einige nahe liegende Straßen überflutet, die jüdische Gemeinde liege aber so weit ab, dass keine Gefahr für sie bestehe, meldet Josef Schuster aus Würzburg. »Es geht alles seinen gewohnten Gang«, sagt der Gemeindevorsitzende. »Vielleicht gibt es einige wenige Beeinträchtigungen im Straßenverkehr, aber Würzburg liegt nicht im Brennpunkt des Geschehens.«

Auch die Jüdische Gemeinde Regensburg ist bislang von Wasserschäden verschont geblieben. »Das Wetter ist gut«, erzählt eine Mitarbeiterin. Die Fernsehbilder zeigten zwar schreckliche Ansichten von der Flut, die stammten aber von der Uferstraße. »Die Menschen dort sind sehr schlimm dran«, sagt sie.

solidarität Der Präsident des Zentralrates der Juden, Dieter Graumann, ist in Sorge um die Menschen, die von der Hochwasserkatastrophe in Ost- und Süddeutschland betroffen sind. »Wir können nur hoffen und beten, dass sich die Situation schnell normalisiert«, sagte Graumann am Mittwoch. Er äußerte Anerkennung für die vielen ehrenamtlichen Helfer, die in Bayern und den östlichen Bundesländern gegen die Wassermassen ankämpften: »Hier zeigt sich, dass Solidarität gerade in schweren Stunden Bestand hat.« Der Zentralrat hoffe, dass den betroffenen Menschen, die ohne Verschulden in Not geraten seien, rasch und unbürokratisch geholfen werde.

Auch Israels Botschafter sprach den Menschen in den Hochwassergebieten seine Anteilnahme aus. »Wir sind in Gedanken bei den Betroffenen und hoffen auf eine baldige Entspannung der Lage«, erklärte Yakov Hadas-Handelsman.

Die Hochwasserlage in Chemnitz hatte sich schon am Dienstag deutlich entspannt. »Am Montag hatten unsere Kinder schulfrei«, berichtet Gemeindevorsitzende Ruth Röcher. Sie selbst habe zwei Nächte mit ihrem Mann zusammen Wache gestanden, damit kein Wasser in ihr Wohnhaus lief. »Die Gemeinde selbst ist nicht betroffen«, so Röchers Fazit, nur die Gemeindezeitung habe nicht rechtzeitig gedruckt werden können. »Sie ist nun drei Tage später erschienen.« (mit epd)

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