Porträt der Woche

Kurvendiskussion per App

»Ich war der Erste in meiner ganzen Familie, der Barmizwa gemacht hat«: Sergej Spanier (30) lebt in Frankfurt. Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Kurvendiskussion per App

Sergej Spanier ist Mathelehrer, läuft Marathon und schreibt ein E-Learning-Buch

von Barbara Goldberg  04.09.2017 17:18 Uhr

Ich mag Mathe. Was für andere ein Angstfach ist, macht mir Spaß. Aber das war beileibe nicht immer so. Wissen Sie, wie viele Mathenachhilfelehrer ich verschlissen habe? Aber dann hat meine Oma den besten Lehrer der Welt für mich gefunden, und von da an lief es. Sogar sehr gut. So gut, dass ich anschließend Mathematik studiert und einen Bachelor- und Master-Abschluss erworben habe.

Momentan schreibe ich an meiner Doktorarbeit; darin beschäftige ich mich mit einem Thema auf dem Gebiet der Finanzmarkt-Mathematik. Aber ich glaube, gerade weil ich früher selbst Probleme in Mathe hatte, eigne ich mich jetzt besonders gut als Lehrer für dieses Fach. Ich weiß, wovon ich rede. Das ist mein Vorteil. Denn ich kenne sie alle: die Klippen und Fallen, in die man beim Rechnen geraten und in denen man sich verheddern kann. Genau auf diesem Wissen baut auch mein didaktisches Konzept auf.

Schon als Student habe ich zahlreiche Tutorien geleitet und dabei herausgefunden, dass mir das Unterrichten großen Spaß bereitet. Das brachte mich dann auch auf meine Geschäftsidee: Ich beschloss, mich selbstständig zu machen und Vorbereitungskurse für das Mathe-Abitur anzubieten.

whatsapp Ich selbst habe 2007 Abitur gemacht und gehörte damit zum ersten Jahrgang seit Einführung des Zentralabiturs in Hessen. Damals, in den Monaten vor den Prüfungen, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben systematisch zu lernen begonnen. Dabei habe ich begriffen, wie wichtig diese Vorgehensweise für den Erfolg ist.

Auch diese Erfahrung ist in mein Unterrichtskonzept eingeflossen: Meine Schüler müssen regelmäßig Arbeitsblätter bearbeiten. Ich habe eigens eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, über die sie mir Fragen stellen können, falls sie mit einer Aufgabe nicht zurande kommen. So kann ich ihnen auch außerhalb des Unterrichts zur Seite stehen und sie unterstützen.

Außerdem habe ich im Laufe der Zeit ein System von Übungsaufgaben entwickelt, das die unterschiedlichen Anforderungen und Aufgabenstellungen aller Abiturprüfungen während der vergangenen Jahre abbildet. Daher kann ich Oberstufenschüler tatsächlich darauf vorbereiten, was sie im Mathe-Abitur erwartet. Mittlerweile zählen auch Studenten der Wirtschaftswissenschaft zu meinen Kursteilnehmern. Außerdem arbeite ich an der Fachhochschule Frankfurt und der International School of Management als Dozent für Mathematik.

sport Auf meiner Website und auf meinen Flyern nenne ich mich »Elitetutor«, was mir manche Leute schon als Arroganz vorgeworfen haben. Mir hat einfach der Klang dieser Wortschöpfung gefallen. Und überhaupt: Ich kenne meinen Wert, ich weiß, dass ich gut bin in meinem Job, weil er genau das ist, was ich machen will.

Ich mag nicht nur Mathe, ich mag es vor allem, Mathematik zu unterrichten. Was mag ich noch? Lesen und Sport natürlich. Ich laufe Marathon, und zwar Ultra-Marathon, also längere Distanzen als die normalen 42 Kilometer.

Zu meinen Läufen gehören die 100 Kilometer von Biel, der K 78 in Davos – mit 77,5 Kilometern Länge und einem Höhenunterschied von 2800 Metern als der weltweit größte Berg-Ultramarathon bekannt – sowie der Jungfrau-Marathon und der Graubündner Bergmarathon. Die meisten Leute sind immer total beeindruckt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Ultra-Marathon-Läufer bin, aber ich finde das gar nicht so besonders oder aufregend. Das ist eben einfach der Sport, der mir gefällt.

auswanderung Geboren wurde ich 1987 in Moldawien, in der kleinen Stadt Kischinew. Als ich vier Jahre alt war, entschloss sich meine Familie dazu, als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland auszuwandern. Die erste Zeit war ich nur mit meinen Großeltern zusammen, denn meine Eltern kamen erst später nach.

Wir wohnten am Anfang in Stuttgart in einer ehemaligen US-Kaserne. Die Erwachsenen erzählen immer, wie eng und bedrückend diese Unterkunft damals war, so ähnlich wie die Situation heute in den Flüchtlingsheimen. Als Kind habe ich das gar nicht so empfunden. Ich fühlte mich einfach geborgen und wohlbehütet, und das lag vor allem an meiner Oma, die sich liebevoll um mich gekümmert hat. Wir sind uns sehr nahe – bis zum heutigen Tag.

Warum hat meine Familie Moldawien verlassen? Ganz einfach: Wegen des aufkommenden Antisemitismus und wegen des besseren Lebens, das wir uns hier erhofft haben. »Scheißjude« zu sagen, war in Moldawien eine alltägliche Geste. Und an den Universitäten war der Zugang für Juden stark eingeschränkt – ihr Anteil an den Studenten durfte an einer Hochschule nicht mehr als drei Prozent betragen.

sababa Als jüdische Einwanderer wurden wir schließlich der Frankfurter Gemeinde zugeteilt, das ist der Grund, warum wir hierher gezogen sind. In Frankfurt besuchte ich den Jüdischen Kindergarten im Ostend und später die Lichtigfeld-Schule, bis ich in der fünften Klasse auf ein öffentliches Gymnasium wechselte.

Am Anfang konnte ich kein Wort Deutsch, aber sowohl im Kindergarten als auch in meiner Grundschulklasse sprachen viele Kinder Russisch. Ich glaube, die Hälfte meiner Mitschüler stammte ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion.

Meine Eltern und Großeltern waren nicht religiös. Ich bin also nicht in diese Tradition hineingeboren und darin aufgewachsen. Aber für mich stand dennoch fest: Ich will Barmizwa werden. Und das habe ich auch gemacht, übrigens als Erster in meiner ganzen Familie.

Aktuell engagiere ich mich in der Gemeinde beim »Klub Sababa«, einem Treffpunkt für junge jüdische Leute im Alter zwischen 20 und Mitte 30. Einmal im Monat tagt der Klub: Meistens hält dann jemand einen Vortrag, wir diskutieren miteinander, und anschließend gibt es eine Party. Das Ganze geht auf eine Idee von unserem Kulturdezernenten Marc Grünbaum zurück.

slalom Am meisten beschäftigt mich aber im Augenblick ein anderes Projekt: Ich schreibe ein Buch! Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich so etwas einmal machen würde. Eigentlich hatte ich nur an einem Wettbewerb für E-Learn-Lösungen teilgenommen und eine App entwickelt, mit der man auf seinem Handy Übungsaufgaben in Mathematik lösen kann. Wenn man dabei nicht weiterkommt, gibt es die Rubrik »Tipps«, mit Erklärungen und kleinen Hilfen für die nächsten Rechenschritte.

Diese App habe ich eingereicht und dafür als Preis ein Stipendium bekommen. Doch dann kam der Springer-Verlag auf mich zu und schlug vor, ergänzend zur App ein Begleitbuch mit ausführlicheren Darstellungen und Erläuterungen zu publizieren. Daran schreibe ich jetzt. Meine App heißt »Crystal Math«. Wieder war es der Wortklang, der mir so gut gefallen hat. Meine Mathe-Professoren waren allerdings nicht ganz so begeistert von diesem Namen, wie man sich vorstellen kann.

Außerdem produziere ich zurzeit gemeinsam mit meinem Bruder Leon, der als Filmemacher erfolgreich ist, mehrere Videoclips, in denen ich einzelne mathematische Themen erläutere.
Mit meinen unterschiedlichen Projekten will ich Schülern zeigen, dass Mathe wirklich Spaß machen kann. Ich biete mittlerweile sogar eine Skifreizeit kombiniert mit Mathetraining an: Kurvendiskussion beim Slalomlauf sozusagen.

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