Frau Assaf-Zakharov, Sie sind Rechtswissenschaftlerin und haben eine Professur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Wie kommt es, dass Sie in Berlin das Projekt »Du bist am Zug« mit ins Leben gerufen haben, das privat gestaltete Plakate mit persönlichen Botschaften in der Stadt zeigt, die derzeit zu sehen sind?
Als ich vor Jahren für einen Forschungsaufenthalt nach Berlin kam, habe ich mich in die Stadt verliebt. Seitdem lebe ich in Israel und hier. Jetzt finde ich Berlin noch schöner, denn ich genieße es, durch die Straßen zu gehen und die von Berlinerinnen und Berlinern gestalteten persönlichen Plakate zu entdecken. Jedes erzählt eine andere Geschichte, gibt einen Einblick in eine andere Lebenswelt.
Insgesamt stellt die Wall GmbH 2000 Plakatflächen zur Verfügung. Haben Sie ein Lieblingsmotiv?
Sie sind in ihrer Gestaltung und ihren Botschaften sehr unterschiedlich. Ich mag sie alle und vor allem ihre unglaubliche Bandbreite.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so ein Projekt auf die Beine zu stellen?
Ich mache es ja nicht allein, sondern es wurde von dem Fotografen Tim Schnetgöke und mir initiiert. Er fotografiert seit vielen Jahren unbeauftragte Interventionen im öffentlichen Raum, unter anderem Graffiti, aber auch ganz viele andere Formen, wo Menschen persönliche Spuren in der Stadt hinterlassen. Wir kannten uns schon eine Weile und haben diskutiert, warum es so ist, dass man im öffentlichen Raum nur das sieht, was für uns vorentschieden wird. Andere Menschen entscheiden zum Beispiel, welche Farbe die Häuser in einer Gegend haben oder wie hoch sie sein dürfen, oder wo ein Zaun steht. Am auffälligsten ist die Werbung – politische und kommerzielle. Menschen, die in der Stadt leben, bleiben hingegen weitgehend unsichtbar. Wir haben uns gefragt: Warum ist das so? Was wäre, wenn es anders wäre?
Sie wollten es dann ausprobieren?
Ja. Wir haben erwartet und auch gehofft, Menschen würden zeigen, was ihnen wichtig ist und was sie beschäftigt.
Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe über 500 Mails an alle möglichen Leute und Einrichtungen geschrieben und unser Projekt vorgestellt, mit der Bitte, uns zu unterstützen. Keiner wollte so ein Risiko eingehen. Und das ist verständlich: Es sollte ja eine ganz freie Plattform sein, ohne Themenvorgaben, ohne Wettbewerb. Welcher Sponsor würde so etwas akzeptieren? Dann hatten wir endlich Glück – Wall meldete sich zurück. »Eine interessante Idee. Lassen Sie uns das ausprobieren.« 2022 haben sie uns 1500 Plakatflächen zur Verfügung gestellt: »Füllen Sie diese Flächen mit allem, was Menschen in der Stadt so von sich aus teilen möchten.«
Hatten Sie eine Ahnung, was passieren wird?
Nein. Uns wurde immer wieder prognostiziert, dass die Botschaften wie auf X aussehen könnten. Gleichzeitig waren wir aber optimistisch, dass Menschen das Medium Plakat anders benutzen würden.
Inwiefern?
Die Teilnehmenden teilen das Schönste, was man sich vorstellen kann: Kunst, Gedichte, gute Wünsche, eigene Erfahrungen. Ganz andere Themen, als wir normalerweise im öffentlichen Diskurs sehen.
Nach welchen Kriterien suchen Sie und Ihr Team die Entwürfe aus?
Gar nicht. »Du bist am Zug« steht für Chancengleichheit. Dieses Jahr gab es zum ersten Mal mehr Einsendungen als Plätze. Es waren mehr als 1200, und wir können nur 1000 zeigen, da jeder Entwurf an zwei Stellen ausgehängt wird. Da haben wir gelost. Denn wenn man irgendwelche Kriterien hätte, würden die Teilnehmenden sich diesen Kriterien unterordnen.
Mit welchen Themen befassen sich die Menschen?
Wir haben sie danach befragt, sie konnten mehrere Optionen wählen. Mit knapp
54 Prozent standen Gemeinschaft und Zugehörigkeit ganz oben, das Thema Berlin folgte mit 44 Prozent, und für etwa 35 Prozent war das Thema Liebe sehr wichtig. Danach folgten unterstützende und ermutigende Botschaften für andere sowie meine Lieblingsantwort unter der Rubrik: »Keine konkrete Aussage. Es ist einfach schön.« 30 Prozent wählten eigene Erfahrungen, hingegen nur elf Prozent gaben die Antwort: »Ich habe eine wichtige Botschaft zu vermitteln.«
Wie interpretieren Sie das?
Relativ wenige Menschen meinten, dass sie eine wichtige Botschaft haben. Es war ihnen aber wichtig, ihre Botschaft zu vermitteln. Bedeutet das nicht, dass das, was wir als wichtig definieren, den Menschen nicht unbedingt wichtig ist? Vielleicht sind ja in unserem Leben nicht Politik oder Wirtschaft wichtig, sondern Zugehörigkeit, Liebe und Schönheit?
Gab es auch jüdische Inhalte?
Wir hatten einen Mann mit Kippa, der auf dem Bild eine Frau umarmt. Es gab auch mehrere Beiträge zu Stolpersteinen.
Mit der Hebräischen Universität in Jerusalem und Wall konnten Sie Sponsoren gewinnen und das Projekt stemmen.
Ja, wir sind dadurch in der glücklichen Position, dass wir »Du bist am Zug« mit Unterstützung durch viel ehrenamtliche Arbeit überhaupt durchführen können.
Wie hoch ist Ihr Etat?
30.000 Dollar. Die Druckerei Printpiloten unterstützt uns schon von Anfang an mit einer großzügigen Ermäßigung für die Druckkosten. Trotzdem ist das Budget sehr knapp, weil das Projekt so gewachsen ist, dass es wirklich sehr viel zu tun gibt.
Wie ist die Resonanz der Betrachter, die die Plakate gesehen haben?
Derzeit findet man Plakate in der Stadt, und wir erhalten Nachrichten auf Instagram, wie: »Oh, das ist eine tolle Aktion. Darf ich noch teilnehmen?« Und jemand schrieb uns: »Wo finde ich die Forschungsergebnisse?« Wir haben im vergangenen Jahr eine Befragung durchgeführt, da wir erfahren wollten, wie die Plakate ankommen. Und da haben wir herausgefunden, dass die Stimmung besser wird und Berlin mehr als Stadt der Teilhabe wahrgenommen wird.
Sie erforschen die Semantik urbaner Räume und ihre rechtliche Regulierung. Hat sich durch diese Plakataktion etwas verändert?
Das hoffen wir. »Du bist am Zug« bringt ein Stück Nähe und Kreativität in den Berliner öffentlichen Raum, und wir denken, dass wir mit der Zeit wachsen und das Projekt auch in andere Städte und vielleicht eines Tages auch nach Israel bringen können.
Wie und wo findet man die Plakate?
Mit einer interaktiven Schatzkarte auf https://karte.dubistamzug.net. Die blauen Punkte bedeuten, es ist ein Plakat, das noch entdeckt werden muss – wir wissen, dass es dort hängt, wissen aber nicht, welches Motiv es ist und von wem es gestaltet wurde. Wer es zuerst findet, klickt es an, lädt ein Foto davon hoch, dann wird der Punkt grün. So finden die Menschen Plakate füreinander. Das ist so schön.
Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Es ist eine gewisse Gamification, die der Realität geschuldet ist. Am Anfang wussten wir gar nicht, dass Wall uns nur die Standorte verraten wird, aber nicht, wo welches Plakat hängt. Das haben wir erfahren, als es schon geschehen war – die Mitarbeiter von Wall können unmöglich jedes Plakat dokumentieren. Da hatten wir auch das Glück, dass eine Teilnehmerin, Svenja Arndt, uns ihre Hilfe angeboten und eine Schatzkarte für das Projekt gemacht hat. Und dieses Jahr hat sie diese wunderbare interaktive Karte entwickelt, wo man selbst die eigenen Funde eintragen kann.
Werden Sie über das Projekt eine Forschungsarbeit schreiben?
Natürlich. Es ist Teil einer Forschung zur Entwicklung neuer Ausdrucksformen im öffentlichen Raum, die ich mit zwei weiteren Wissenschaftlerinnen – Jasmin Jossin und Pazit Ben-Nun Bloom – durchführe. Aber noch wichtiger ist uns, dass wir die Welt wirklich ein Stück besser machen möchten. Ich glaube sehr daran und bin in der glücklichen Position, dass ich zu jedem Thema forschen darf und meine Universität mich 100-prozentig unterstützt, sogar finanziell.
Was hat Jura mit dem Projekt zu tun?
Die Frage höre ich oft. Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler beschreiben ja nicht nur die Rechtslage, sondern überlegen sich auch, wie sie verbessert werden könnte, wie beispielsweise, wenn jeder das Recht hätte, ab und zu als Einzelperson am öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Ich glaube, solche individuellen Stimmen könnten unseren Diskurs sehr positiv beeinflussen.
Mit der Rechtswissenschaftlerin sprach Christine Schmitt.