Ausstellung

»Konsequente Säuberung«

In der Verwaltung (hier das Rote Rathaus) und bei den städtischen Betrieben gibt es noch große Lücken in der Erforschung der nationalsozialistischen Willkür. Foto: imago, (M) Frank Albinus

Kampflos möchte Hertha Block ihre Stellung nicht aufgeben. Die Bibliothekarin liebt ihren Beruf, er ist ihr »Lebenswerk und Aufgabe« geworden. Am 26. Juli 1933 war sie zusammen mit den Schriftstellern Werner Ilberg und Walter Stolle von der SA verhaftet worden. Acht Wochen wurde Block im Gefängnis in der Schöneberger General-Pape-Straße festgehalten, musste zusehen, wie ihre Freunde gefoltert wurden – um nach der Entlassung ihre Stelle zu verlieren. Die Begründung: Sie habe »noch im Juni 1933 mit kommunistisch eingestellten Literaten Verkehr gepflegt«.

Block entscheidet sich, Einspruch einzulegen – und schreibt einen Protestbrief an Staatssekretär Julius Lippert. Unter seiner Leitung war es seit Frühjahr 1933 zu einer unvergleichlichen »Säuberungsaktion« in der Berliner Stadtverwaltung gekommen: Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadt werden durchleuchtet, um vor allem Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten aus ihrer Stellung zu entfernen.

Das Schicksal der Verfolgten zeigt nun die Ausstellung »... auf dem Dienstweg. Die Verfolgung von Beamten, Angestellten und Arbeitern der Stadt Berlin 1933 bis 1945«, die am Mittwoch im Alten Stadthaus eröff-net wurde. »Mit 100.000 Bediensteten war die Stadt der größte Arbeitgeber«, erklärt Kurator Christian Dirks, dessen Agentur Bergzwo die Ausstellung gemeinsam mit dem Centrum Judaicum im Auftrag der Senatsinnenverwaltung konzipiert hat.

Eine Schwierigkeit bei der Recherche war der dürftige Forschungsstand. »Es hat uns als Historiker schon überrascht, dass das Thema in der Wissenschaft so unterrepräsentiert ist«, sagt Dirks. Bei der Recherche griff er auf die Wiedergutmachungsakten und die Dokumente des Landesarchivs zurück. Im Archiv finden sich vor allem die Akten des Landeskommissariats unter Leitung von Julius Lippert. »Der war in seiner Säuberungsaktion sehr konsequent«, führt Kurator Dirks aus. Viele Dokumente habe er persönlich abgezeichnet – diese sind im Landesarchiv enthalten. Eben jenem Julius Lippert schreibt Bibliothekarin Hertha Block nach ihrer Entlassung am 28. November 1933 einen Brief, in dem sie um Wiedereinstellung bittet. »Da es sich in dieser ganzen Angelegenheit für mich um eine Lebens- und Schicksalsfrage handelt, wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie mir die schon eingangs erbetene Unterredung gewähren würden«, so die damals 25-Jährige. Und tatsächlich empfängt sie Lippert persönlich, kommt allerdings zu dem Schluss, die Bibliothekarin sei eine »liberalistisch angekränkelte Intellektuelle«. Sie wird nicht wiedereingestellt, sondern im Juli 1936 erneut für 15 Monate verhaftet. Wieder in der Freiheit, lässt sie ihre Kontakte zum Widerstand ruhen.

Einzelschicksale Hertha Block gehört zu den unbekannteren der von Christian Dirks gesammelten Schicksale. Doch genau darum ging es den Ausstellungsmachern. »Wir wollten keine Gesamtschau machen, sondern exemplarisch einige Einzelschicksale vorstellen«, erklärt Dirks. »Die Arbeit hat gezeigt, dass hier noch unendlich viel Forschung möglich ist«, ergänzt Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicums. In ihrer jetzigen Form besteht die Schau aus acht beidseitig bespielbaren, über zwei Meter langen Tafeln, die elf Schicksale vorstellen. Sie ist dabei speziell für die Hängung in Foyers gedacht. »Es ist ja durchaus denkbar, dass städtische Betriebe, aktuelle oder ehemalige, wie etwa die frühere Bewag, auch Interesse an dem Thema haben«, so Dirks. »Gerade bei den städtischen Betrieben gibt es überall große Lücken«, setzt Simon hinzu.

Ausstellungsidee Aus genau solch einer Lücke ist die Idee für die Ausstellung entstanden. Im November 2008 enthüllte Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) eine Gedenktafel zur Erinnerung an das Schicksal damaliger Mitarbeiter der Stadt. »In seiner Ansprache meinte er, man wisse nicht genau, wie viele das damals betraf«, erinnert sich Hermann Simon. »Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass wir da gerne helfen würden.« Körting habe sich beim Wort nehmen lassen und die Entwicklung der Ausstellung mit viel persönlichem Engagement begleitet. »Das war eine schöne Erfahrung«, bilanziert der Direktor des Centrum Judaicums. Es sei auch Körtings persönlicher Wunsch gewesen »... auf dem Dienstweg« zunächst den heutigen Bediensteten zu zeigen. Bis auf den Eröffnungstag ist die Ausstellung daher erst mal nicht öffentlich – erst ab Anfang Februar wird sie durch verschiedene Berliner Institutionen wandern.

Bei der Auswahl der gezeigten Einzelschicksale haben sich die Ausstellungsmacher bewusst für einen Querschnitt entschieden: Jüdische wie nichtjüdische Verfolgte, Männer wie Frauen, Beamte wie Arbeiter. Sie alle haben gemein, dass ihr bisheriges Leben und das ihrer Familien oft mit ein paar nüchternen Worten ein Ende fand. »Der Direktor des Strandbades Wannsee, Clajus, wird von seinen Dienstgeschäften entbunden und bis zur Lösung seines Vertragsverhältnisses, die sofort zu veranlassen ist, beurlaubt«, lautet etwa die Verfügung des damaligen Oberbürgermeisters Sahm. Der beliebte Sozialdemokrat Hermann Clajus hatte das Strandbad zu einem Publikumsmagneten gemacht, doch sein Erfolg schützte ihn nicht vor der Verfolgung. Er wusste, was ihm drohte: Wenige Stunden vor seiner Verhaftung durch die SA nahm er sich in seinem Dienstzimmer das Leben.

Hertha Block dagegen überlebt die Säuberungsaktion der Nazis. Nach der Befreiung fängt sie umgehend in ihrem alten Beruf an – und arbeitet bis zu ihrer Pensionierung 1972 in »ihrer« Bücherei.

Die Ausstellung »... auf dem Dienstweg. Die Verfolgung von Beamten, Angestellten und Arbeitern der Stadt Berlin 1933 bis 1945« ist vom 3. bis zum 26. Februar im Foyer der Berliner Wasserbetriebe und vom 1. bis zum 31. März im Foyer des Rathauses Charlottenburg zu sehen.

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