Wettbewerb

»Kein Reichtum ist größer«

Gelebte jüdische Bildung, europäische Begegnung und ein starkes Zeichen für die Zukunft: Am Vorabend des Internationalen Holocaust-Gedenktags wurde München erneut zum Zentrum jüdischer Jugendbildung. Im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) fand das europäische Finale des Chidon Hatanach statt – eingebettet in den European Youth Summit of Jewish Heritage and Future.

Bereits zum fünften Mal insgesamt wurde der Chidon Hatanach in München ausgetragen, zum zweiten Mal fiel hier die Entscheidung nicht nur auf nationaler, sondern auf gesamteuropäischer Ebene. 45 Jugendliche aus 13 europäischen Ländern waren vom 25. bis 27. Januar in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, um ihr Wissen im Tanach miteinander zu messen und sich zugleich intensiv mit Fragen von Erinnerung, Identität, Antisemitismus und der Zukunft jüdischen Lebens in Europa auseinanderzusetzen.

Wissen, Bildung, Tradition, Kontinuität

Nach dem Vorbild des von David Ben Gurion initiierten israelischen Chidon Hatanach verbindet der Wettbewerb seit Jahrzehnten Wissen, Bildung und die Auseinandersetzung mit Tradition und jüdischer Kontinuität. Das europäische Finale in München schuf einen Raum, in dem diese Tradition auf die gegenwärtigen Herausforderungen jüdischen Lebens in Europa traf.

Organisiert wurde der europäische Chidon Hatanach gemeinsam von der Europäischen Janusz Korczak Akademie, der Jewish Agency for Israel und der Conference of European Rabbis. Zu den anwesenden Organisatoren zählten Eva Haller und Stanislav Skibinski von der Europäischen Janusz Korczak Akademie. Seitens der Jewish Agency for Israel begleitete unter anderem Doron Almog, Präsident der Jewish Agency, den Wettbewerb. Für die Europäische Rabbinerkonferenz war Rabbiner Amir Ostashinsky vor Ort.

Nach drei Finalrunden – angelehnt an den israelischen Modus – wurde der Sieger ermittelt.

Die Schirmherrschaft übernahmen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München und Oberbayern, sowie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. In ihrem Grußwort betonte Charlotte Knob­loch die zentrale Bedeutung jüdischer Bildung: »Nichts schmückt eine jüdische Gemeinde mehr als gelehrte Menschen, die in ihr ein- und ausgehen. Kein Reichtum ist größer als das Wissen, und keine Kenntnis ist wertvoller als die der Schriften unserer Tradition.« Deutlich unterstrich sie den Zusammenhang von Wissen, Erinnerung und Zukunft: »Wissen, wohin wir gehen, können wir schließlich nur, wenn wir wissen, woher wir kommen und auf welchem Fundament wir stehen.«

Das Programm wurde durch Video-Grußworte von Staatsminister Florian Herrmann, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, und Isaac Herzog, Präsident des Staates Israel, eröffnet. Zu den Ehrengästen zählten unter anderem Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, sowie zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Religionsgemeinschaften. Auch Mitglieder des Münchner Stadtrats, Vertreterinnen der bayerischen Ministerien, Roman Haller, ehemaliger Direktor der Claims Conference Deutschland, Doron Rubin vom Bund traditioneller Juden in Deutschland sowie Vertreter von »Christen an der Seite Israels« nahmen teil.

Höhepunkt des Summit war das mündliche Finale

Der Höhepunkt des Summit war das mündliche Finale des Chidon Hatanach am Abend. Zunächst traten die zwölf besten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem schriftlichen Wettbewerb gegeneinander an, bevor sich in einer zweiten Runde die sechs Besten qualifizierten.

Nach drei Finalrunden – angelehnt an den israelischen Modus – wurde schließlich der Sieger ermittelt. Gewonnen hat Harry Kerzhner aus Leipzig, der mit beeindruckender Textkenntnis und Souveränität überzeugte. Die Wettbewerbsteilnehmer mussten neben Wahr-/Falsch-Fragen und Multiple-Choice-Aufgaben auch offene Fragen lösen. Unter anderem sollten sie begründen, warum Naomi und Elimelech Bethlehem verließen, und beantworten, was Jonas Prophezeiung an die Stadt Ninive enthält.

Über den Wettbewerb hinaus bot das Rahmenprogramm Raum für intensive inhaltliche Auseinandersetzungen.

Über den Wettbewerb hinaus bot das Rahmenprogramm Raum für intensive inhaltliche Auseinandersetzungen. In einer Debatte mit Felix Klein und Ludwig Spaen­le diskutierten die Jugendlichen Strategien zur wirksamen Bekämpfung von Antisemitismus in Europa und tauschten ihre persönlichen Per­spektiven aus. Felix Klein unterstrich, dass es ihm besonders am Herzen liege, mit jungen Juden ins Gespräch zu kommen, ihre Perspektiven zu hören und ihre Wünsche in seine Arbeit einzubinden. Spaenle zeigte sich insbesondere besorgt darüber, dass antisemitische Äußerungen seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft kämen.

Zeitzeugengespräch mit Roman Haller

Ein Zeitzeugengespräch mit Roman Haller, Besuche im Bayerischen Landtag mit anschließendem Gespräch mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner sowie im Münchner Rathaus mit der Dritten Bürgermeisterin Verena Dietl rundeten das Programm ab.

Die Ergebnisse der Diskussionen werden nach dem Summit in einem Positionspapier zusammengefasst und an politische Entscheidungsträger in ganz Europa übermittelt. Der European Youth Summit und der Chidon Hatanach haben damit einmal mehr gezeigt: Jüdische Bildung, gelebte Erinnerung und europäische Vernetzung sind ein starkes Fundament für eine selbstbewusste jüdische Zukunft.

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