Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Vier Tage lang hat die kleine animierte Möwe mit dem riesigen Chai-Anhänger die Highlights des Jugendkongresses (JuKo) der ZWST online präsentiert. Jetzt, da das Treffen vorbei ist, sitzt sie etwas betrübt in der S-Bahn, fährt durch Hamburg und denkt an die schönen Momente zurück: an die Ausflüge, die Workshops, die Party.

Bereits zum zweiten Mal war die Hansestadt Hamburg Gastgeber der bundesweit größten Konferenz für jüdische junge Erwachsene, zu der die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Zentralrat der Juden eingeladen hatten. Mehr als 400 junge Jüdinnen und Juden waren der Einladung an die Elbe gefolgt. Und während der Jugendkongress einerseits geprägt war von den aktuellen schwierigen politischen Themen, den Ängsten und der Bedrohungen, stand neben Sichtbarkeit und Zusammenhalt vor allem das Miteinander im Fokus.

Gelegenheit, sich tiefgründiger über relevante Themen zu unterhalten

Der Vorsitzende der Hamburger Gemeinde, Philipp Stricharz, zeigte sich begeistert, dass die Hansestadt 2026 erneut Gastgeberin des JuKo war, und betonte im Interview die Bedeutung des Kongresses als Ort des Austauschs: »Es ist für uns als Minderheit eine Möglichkeit, zusammenzukommen und auch Gleichgesinnte aus anderen Städten zu treffen.« Es sei aber auch die Gelegenheit, sich tiefgründiger über relevante Themen zu unterhalten. »Hier kommen zwar junge Menschen, aber mit echten, ernsten Erwachsenenthemen in einer total lockeren Atmosphäre zusammen«, so Stricharz. »Das ist so wahrscheinlich ein einmaliges Format in Deutschland.« Für seine Stadt und die Gemeinde freute es den Vorsitzenden sehr: »Hamburg scheint jetzt die Würdigung zu bekommen, die es schon lange verdient hätte, und den JuKo auszurichten ist ein weiterer Schritt nach vorne.«

Was für eine Bedeutung der Jugendkongress für die junge jüdische Community hat, ließ sich bereits im Foyer des Veranstaltungsortes erahnen. Am Anreisetag herrschte dort ein freudiges Durcheinander vor dem Anmeldeschalter des Hotels. Überall war zu sehen, wie Teilnehmende einander begrüßten und sich in die Arme fielen, viele kannten sich bereits von früheren Jugendkongressen. Deutsch, Englisch, Hebräisch und sogar ein paar Sätze Spanisch waren in dem Getümmel zu hören. Und natürlich wurden unzählige Selfies gemacht und kurze Videos aufgenommen – es war schließlich ein Zusammentreffen von 18- bis 35-Jährigen. Besonders beliebtes Motiv war das Banner, auf dem in großen Blockbuchstaben stand: »Strong. Jewish. Here.« Denn genau um dieses Motto sollte sich in den vier Tagen in Hamburg in zahlreichen Workshops, Paneldiskussionen und organisierten Ausflügen alles drehen. Die Ehrengäste des Abends machten kurze Einsprecher für die Social-Media-Kanäle – natürlich mit der zart fliederfarbenen Kippa, die eigens für den JuKo angefertigt worden war.

Bei der Hawdala lagen sich alle in den Armen und riefen laut: »Am Israel Chai!«

Der Auftakt war als interaktives »World Café« konzipiert, sodass die Teilnehmer mit den Speakern und vor allem miteinander ins Gespräch kommen konnten. Dazu setzte das Moderationsduo auf der Bühne Impulse wie: »Welcher Motivationsspruch begleitet euch durchs Leben?«, stellte aber auch ernstere Fragen, etwa zum 7. Oktober 2023 oder in welchem anderen Land man leben würde, sollte man nicht mehr in Deutschland bleiben können. Hier zeichnete sich bereits ab, was sich auch durch die Redebeiträge von Zentralratspräsident Josef Schuster, Zentralratsvize- und ZWST-Präsident Abraham Lehrer und dem israelischen Botschafter Ron Prosor ziehen sollte: Jüdisches Leben in Deutschland ist von vielerlei Bedrohungen und Ängsten geprägt, aber will sich nicht darüber definieren lassen.

Jüdisches Leben in Deutschland ist von vielerlei Bedrohungen und Ängsten geprägt, aber will sich nicht darüber definieren lassen

Bei der Eröffnungsveranstaltung sagte Abraham Lehrer: »Drei Tage lang könnt ihr in einem geschützten Raum eure Gefühle und Meinungen äußern.« Lehrer stellte die Veranstaltung in den Kontext des wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Juden würden zunehmend isoliert und von Nichtjuden gemieden, sagte der ZWST-Präsident und Vizepräsident des Zentralrats. Den »schlimmsten« Antisemitismus gebe es dabei nicht, es sei »wie Pest oder Cholera«.

Josef Schuster nannte in seiner Rede den Jugendkongress »eine Feier der jüdischen Zukunft in Deutschland«. Der Druck habe zugenommen, doch »jüdisches Leben ist lebendig, muss sichtbar, frei und vielfältig bleiben«. Dabei wandte sich Schuster an die jungen Teilnehmenden und forderte sie auf, »mitzureden und mitzugestalten, denn auf euren Schultern liegt die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland«. Hier habe vor allem die junge Generation eine ganze besondere Verantwortung, und darin liege auch eine Stärke der Gemeinschaft. So wünsche er sich, dass Meinungsverschiedenheiten offen ausgetragen würden. Schuster betonte aber auch, dass jüdisches Leben mehr sei als nur der Kampf gegen Antisemitismus.

»Seid stolz darauf, jüdisch zu sein«, gab Ron Prosor, der Botschafter Israels in Berlin, den Teilnehmern des Jugendkongresses mit auf den Weg. Es sei nachvollziehbar, dass viele Juden in Deutschland Angst haben, sich offen als jüdisch zu zeigen, so Prosor. Der 7. Oktober 2023 habe nicht nur in Israel, sondern auch in der Diaspora »tiefe Wunden geschlagen«. Doch Stärke bedeute, »sich von der Angst nicht bestimmen zu lassen«, sagte der Botschafter. Es sei wichtiger denn je, selbstbewusst jüdisch zu sein. Botschafter Prosor rief den JuKo auf, nicht den Kopf zu senken, denn: »Sichtbarkeit kann Kraft geben.«

Comedyshow zum Abschluss des Abends

Als abschließender Redner rief auch Hamburgs Gemeindechef Philipp Stricharz zu einem selbstbewussten Auftreten auf: »Wir und ihr alle zusammen sind die deutschen Juden. Ihr seid nicht die Zukunft, ihr seid die Gegenwart, das Hier und Heute, und wir lassen uns nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen.«

Dass es zum Auftakt nicht nur um ernste Themen ging, zeigte die anschließende Comedyshow zum Abschluss des Abends, bevor die Teilnehmer in die inhaltlichen Schwerpunkte des Jugendkongresses eintauchten – etwa zu den Bedrohungen der Demokratie durch Extremismus und Antisemitismus oder der Frage nach einer Modernisierung der Wehrpflicht.

Dabei zeigte sich schnell: Das ist eine meinungsstarke Generation, die nicht davor zurückschreckt, Politiker zu konfrontieren oder innerjüdische Positionen zu hinterfragen. So entbrannte zwischen Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, und der Bundestagsabgeordneten Lamya Kaddor (Grüne) eine Diskussion über die richtige Antisemitismusdefinition. Und bei der Debatte zur Wehrpflicht wurden auch die Zweifel der Betroffenen an der Position des Zentralrats deutlich, der die neu eingeführte Musterungspflicht für alle jungen Männer ausdrücklich begrüßt.

Auch bei der Vollversammlung der JSUD wurde klar, dass die Studierenden ihre eigenen Standpunkte zu verteidigen wissen: »Wir haben mit unserem Forderungskatalog gegen Antisemitismus an Hochschulen alle mächtig genervt«, sagte Ron Dekel stolz. Nun werde sich sogar die Wissenschaftsministerkonferenz damit auseinandersetzen. »Das ist wahrscheinlich unser krassester politischer Erfolg im letzten Jahr«, sagte Dekel.

Schabbat als willkommene Pause von der harten Politik

Der Schabbat war eine willkommene Pause von der harten Politik – die jedoch nicht lange anhielt. Schon am nächsten Morgen gab es am Frühstücksbüffet nur noch ein Thema: Der Iran wurde angegriffen. Viele Teilnehmer versuchten, ihre Verwandten in Israel zu erreichen. Die Sorge vor Gegenschlägen und die Ungewissheit über den Ausgang dieses Krieges schwangen den ganzen Nachmittag mit. Besonders bewegend: Zwei Vertreterinnen des exiliranischen Jugendverbandes »Ayande« blieben trotz der Sorge um ihre Familien vor Ort, um einen Workshop zu halten. »Wir wurden hier aufgefangen. Viele junge Jüdinnen und Juden können sich mit unserer Lage identifizieren«, sagte Sprecherin Ronja Nayeri.

Bei der Hawdala lagen sich alle in den Armen – und riefen lautstark: »Am Israel chai!«. Danach wurde die ganze Nacht auf einem Boot auf der Elbe getanzt.

»Kann sein, dass wir gestern ein bisschen heftiger gefeiert haben, weil ein gewisser Diktator nicht mehr ist«, grinste am nächsten Morgen ein Teilnehmer mit tiefen Augenringen. Trotz der Schwere der Themen, die junge Juden in Deutschland umtreiben – die Freude ließen sich die jungen Teilnehmer in Hamburg nicht nehmen.

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