Musik

Jiddisch und Tango

Begeisterten das Publikum im Jüdischen Gemeindezentrum: Lea Kalisch und Tobias Moss an der Gitarre Foto: Tom J.M.Hauzenberger

Die Allround-Künstlerin Lea Kalisch scheut keine Irritation, wenn es ihrer Kunst dient. Ihr Auftritt als jüdische Rapperin im orthodoxen Outfit ist unvergesslich. Wenn sie mit Schtreimel erscheint und jiddische Klassiker singt, zieht die charismatische Schweizerin alle Blicke auf sich. Der Spruch von der rappenden Rebbetzin ist kein Gag, sondern entspricht der Realität, ist die Sängerin, Schauspielerin und Entertainerin doch tatsächlich mit einem Rabbiner verheiratet.

Kennengelernt haben sich Lea Kalisch und Tobias Moss im YIVO Institute in New York, gegründet zur Bewahrung und Erforschung der Geschichte und Kultur des osteuropäischen Judentums. Den beiden ging es um die jiddische Sprache, gleichzeitig aber auch um Lied- und Musiktraditionen. Mehrgleisige Professionalität zeichnet das inzwischen verheiratete Paar aus. Tobias Moss arbeitete nach seinem Studium am Hebrew Union College in New York und nach dem Erhalt seiner Smicha 2019 fünf Jahre am »Temple Israel« in Minneapolis, einer der größten liberalen Synagogen in den USA. Seit September 2024 amtiert er als Rabbiner der liberalen Gemeinde Or Chadasch in Wien. Jede freie Minute gehört der Musik, insbesondere an der Gitarre.

Den ersten Auftritt von Lea Kalisch im Jüdischen Gemeindezentrum gab es 2023 im Rahmen der 14. Jüdischen Filmtage. Damals wurde der amerikanische Spielfilm Vigil – Nachtwache gezeigt, der hauptsächlich von Überlebensschuld völlig unterschiedlichen Ursprungs handelt, zudem jedoch vom Ausbrechen junger Menschen aus dem so schützenden wie einengenden Kokon orthodoxen Lebens. Lea Kalisch verkörperte eine der Frauen.

Ihr Film erzählt von einer jungen jüdischen Frau, die ihre Liebe zur Tangomusik entdeckt.

2024 kehrte sie mit dem Programm »Hiphop meets Klezmer« als Sängerin zurück und entfachte, gemeinsam mit vier Musikern aus Prag, die sich »Šenster Gob«, also »Schönste Gabe«, nannten, ein musikalisches Feuerwerk. Jetzt, 2026, brachte Kalisch nach München, was sie zwei Jahre intensiv beschäftigt hatte: »Yiddish & Tango«. Und zwar in zweifacher Form, nämlich als Spielfilm und als Konzertprogramm. Als Erstes präsentierte sie im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage ihr Debüt als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin, die auch noch eine der zwei tragenden Frauenrollen verkörpert, nämlich Un Tango Para Rachel. Es ist ein nur 25-minütiger Spielfilm, der hauptsächlich in Argentinien gedreht wurde, wo die Produktionskosten günstiger sind. Trotz Unterstützung durch eine amerikanische Stiftung war eine längere Fassung nicht möglich.

Sie konnte Tango nur in Argentinien wirklich erlernen

Doch es wird viel erzählt: Eine junge jüdische Frau entdeckt ihre Liebe zur Tangomusik, die sie an einem Ort findet, den ihr Mann ihr vorsorglich verbietet. In einer Straße voller Spelunken und Armut wagt sie, ein Bordell zu betreten, um dort bei der Prostituierten Rivka das Tangotanzen zu lernen. Rachel begeht für ihren Traum eine Grenzüberschreitung nach der anderen, verweigert ihrem Mann Gehorsam und Beischlaf und verkleidet sich als Mann, um nachts auf der Straße nicht aufzufallen. Tango zu tanzen, die Freude an der Bewegung zu solch sinnlicher Musik, wird ihr größtes Erlebnis in einem lieblosen, kargen Ehealltag des Jahres 1915.

Fragt man Lea Kalisch, wie sie zu diesem Thema kam, sind die Antworten so vielfältig wie ihre Neugier. Schon als Kind nahm sie Prostituierte im Straßenbild wahr, ohne zu wissen, was diese taten. Als sie den Tango für sich entdeckte, war klar, sie konnte ihn nur in Argentinien wirklich erlernen. Übrigens war Tobias Moss zehn Jahre zuvor der Musik wegen ebenfalls in Argentinien.

Die Jüdinnen aus Osteuropa wurden mit falschen Versprechungen nach Übersee gelockt.

Bei Lea Kalisch kam noch ein spannendes Momentum hinzu, und zwar die tragischen Schicksale jüdischer Mädchen aus Osteuropa, die mit falschen Versprechungen nach Übersee gelockt wurden. Statt Armut und Antisemitismus in der Alten Welt zu entkommen, eine gute Stelle oder einen netten jüdischen Mann zu finden, landeten sie oft im Bordell, ausgebeutet und »betreut« von einer jüdischen Zuhälterorganisation namens »Zwi Migdal«, die sogar ihre eigenen Synagogen und Friedhöfe unterhielt. Diese historischen Fakten schwingen unausgesprochen im Kurzfilm mit, der – trotz eines klammen Budgets – einen Extrapreis für die Ausstattung verdienen würde.

Sie schaffte es, das Publikum zum Aufstehen und Mitswingen zu bringen

Und dann gab es eben noch ein Konzert, in dem Tango und »Walz« und schließlich ein jiddisches Lied vorkamen, von Kalisch komponiert im Stil einer »Bachata«, ursprünglich aus der Dominikanischen Republik stammend.

Sie schaffte es sogar, das Publikum zum Aufstehen und Mitswingen zu bringen. Für ihre Interpretationen von »Di goldene Pawe« und »A Lidele fun Schulem« in Jiddisch und Arabisch sowie »Jidl mit’n Fidl, Arie mit’n Bass« ernteten die Sängerin und ihren beiden kongenialen Musiker, Pavel Shalman (Geige) und Tobias Moss (Gitarre), schließlich begeisterten Applaus.

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