Café »Delikaktus«

Iwrit geht durch den Magen

Amit Baum (l.) und Natali Blanc probieren es. Foto: Peter Bollag

Eine holländische Familie bestellt Kaffee, Kuchen und Wasser. Zwei Russisch sprechenden jungen Frauen hat es das frische Hummus mit kleinen Pitot angetan. Drei Männer in T-Shirts und kurzen Hosen entscheiden sich für die Quiche. Im Café »Delikaktus« herrscht zur Mittagszeit Hochbetrieb. Die Tische in dem kleinen Lokal und im daran anschließenden Gärtchen sind besetzt. Enttäuscht von dannen zieht ein älteres Ehepaar, weil ihr Wunsch nach Alkohol nicht erfüllt werden kann. Das Delikaktus ist alkoholfrei, außerdem aber auch vegan – und koscher.

»Es war unser lang gehegter Wunsch, in unserer Gemeinde über ein koscheres Café zu verfügen«, sagt Mosche Flomenmann, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Lörrach und Landesrabbiner von Baden. Er überwacht Tag für Tag persönlich die Kaschrut. Lange stand das kleine Lokal direkt neben der Synagoge samt dem Gemeindezentrum leer, weil man anscheinend nicht die richtigen Betreiber fand.

Mit dem israelischen Paar Natali Blanc und Amit Baum konnte diese Lücke nun geschlossen werden. Seit Anfang Juni betreiben die beiden engagiert das »Delikaktus«. »Es ist wirklich ein gelungener ›Schiduch‹«, sagt Rabbiner Flomenmann. Denn das Paar aus Israel, das zuerst einige Monate in Freiburg bei einem veganen Catering-Service gearbeitet hatte, suchte nach der Möglichkeit, selbst etwas zu betreiben, und wurde in Lörrach fündig.

Nachhaltigkeit Aus der Gastronomie kommen die beiden allerdings nicht. Amit ist Ingenieur im Fachgebiet »Nachhaltigkeit« und Natali Psychologin. Sie bieten nun täglich, außer an Schabbat und Feiertagen, einen Mittags- und auch Abendtisch an, dazu Aufstriche, Smoothies und Kekse, alles auch zum Mitnehmen.

Das Angebot wird in der Grenzstadt durchaus genutzt, obwohl sich das »Delikaktus« etwas versteckt in einer Nebenstraße der Lörracher Innenstadt befindet, allerdings nur einige Schritte vom Zentrum entfernt. »50 bis 60 Leute kommen am Mittag zu uns«, sagt Amit Baum in gutem Deutsch. Ohne in irgendeiner Form belehrend zu wirken, versuchen Baum und Blanc ein Konzept der Nachhaltigkeit zu betreiben. Wer Hummus nach Hause mitnehmen möchte, zahlt ein kleines Pfand für den Glasbehälter – Müllvermeidung wird großgeschrieben. Um die Tische haben sich die beiden Israelis ebenso gekümmert wie um die anderen Dinge der Innenausrichtung.

Koscher Alle Speisen sind koscher. Rabbiner Flomenmann bekennt im Gespräch, dass er selbst ganz gerne Fleisch isst. »Aber vegan liegt voll im Trend«, räumt er ein. Immerhin: Da im Café keine Kuhmilch, sondern die Soja-Variante oder Kaffee mit geschäumter Hafermilch angeboten wird, stellt sich die Frage nach »Chalav Israel«, also koscherer Milch, nicht, was einiges vereinfacht.

Mit dem »Delikaktus« sei auch der Ruf nach einem Treffpunkt für die Gemeindemitglieder befriedigt, sagt Rabbiner Flomenmann. »Auch gerade für diejenigen unter unseren Mitgliedern, die ihren Lebensmittelpunkt nicht unbedingt nur in der Synagoge haben.« Dazu passt auch ein Iwrit-Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene, der jeweils am Donnerstagabend angeboten wird und sich nach Aussage von Amit Baum großer Beliebtheit erfreut.

Natürlich zieht so etwas auch viele Israelis an, die im Dreiländereck leben und möglicherweise einen Treffpunkt fern der Heimat suchen, der sich sonst nur schwer finden lässt. »Wir hatten in dieser kurzen Zeit schon Gäste, die auf dem Weg zum Basler Flughafen einen Umweg einlegten, um bei uns essen zu können«, sagt Amit Baum nicht ohne Stolz.

Unter ihren Kunden seien auch arabische und iranische Gäste. Vielleicht wird das Café also auch zu einem Ort, an dem sich friedlich und nachhaltig vegan-koscher essen – und über die Nahostpolitik diskutieren lässt.

Brandenburg

Potsdam soll jüdische Kita bekommen

Zum jüdischen Leben gehören auch jüdische Schulen und Kitas. Eine Kindertagesstätte wird derzeit in Potsdam geplant

 09.01.2026

Leipzig

Kinder greifen koscheres Café an

Sie bewarfen offenbar Mitarbeiter mit Plastikflaschen, beschimpften sie und versuchten, in den Schankraum einzudringen: Die Polizei ermittelt gegen mehrere Kinder und Jugendliche in Leipzig

 08.01.2026

Entführungsfall

Jugendamts-Zeugin im Block-Prozess: »Unglaubliche Belastung«

In dem Hamburger Prozess geht es eigentlich um die Entführung der Block-Kinder. Die hat aber eine jahrelange Vorgeschichte. Eine Jugendamts-Mitarbeiterin schildert eine wichtige Wende im Sommer 2021

von Stephanie Lettgen, Bernhard Sprengel  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Hedwig Dohm oder Dag Hammarskjöld sind Namen, die Schulen heute gerne tragen. Andere Schulen sind nach Menschen benannt, deren Wirken heute kritischer gesehen wird als in der Vergangenheit

von Pat Christ  08.01.2026

Gegenwart

Jetzt erst recht!

Das Festjahr für jüdisches Leben in Deutschland war ein großer Erfolg. Es wird Zeit, dass nun auch auf europäischer Ebene das reiche jüdische Erbe gewürdigt wird

von Andrei Kovacs, Abraham Lehrer  08.01.2026

Mannheim

Schätze der Synagogalmusik

Die jüdischen Kantoren treffen sich zur Jahreskonferenz und laden zu drei Konzerten ein

von Christine Schmitt  08.01.2026

Programm

Kicken, Karneval, König Salomo: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Januar bis zum 14. Januar

 08.01.2026

Frankfurt am Main

Salomon Korn wird mit Ignatz-Bubis-Preis ausgezeichnet

Salomon Korn erhält den Ignatz-Bubis-Preis. Die Auszeichnung wird am Montag in der Frankfurter Paulskirche überreicht

 07.01.2026