Berlin

»Israel braucht unsere Solidarität«

Kinder, Junge, Alte, Juden, Nichtjuden – es ist eine bunte Kundgebung, die sich unter dem Motto »Solidarität mit Israel – free Gaza from Hamas« am Joachimsthaler Platz versammelt hat. Und eine gut eingepackte dazu, denn an diesem neblig-trüben Sonntagnachmittag ist es mit gerade fünf Grad über null schon vorwinterlich kalt. Trotz des miesen Wetters wirkt der Demo-Ort aber schon zu Beginn gut gefüllt. Die Einsatzleiterin der Polizei sagt, dass »250 Personen anwesend« seien.

Junge linke Berliner, die sich selbst als »israelsolidarisch« bezeichnen, halten eine israelische Fahne. Sie seien »aus Solidarität mit den Streitkräften und der Zivilbevölkerung gekommen«, denn es stehe außer Frage, dass Israel sein Existenzrecht militärisch verteidigen müsse und dürfe, sagt Jan. So ähnlich äußern sich auch einige Mitglieder von der Jungen Union, die »immer mit dabei« sind, wenn es »um Israel-Soli geht, wir halten die Flagge hoch, auch wenn das vielleicht nicht dem Mainstream entspricht«.

Reden
Viele der Redner versuchen, vor allem dem nichtjüdischen Publikum zu erklären, wie die Situation in Israel schon vor der jetzigen Eskalation war. Sie erzählen von Ängsten und Einschränkungen – und fragen, was Deutschland tun würde, wenn ein Landesteil immer und immer wieder mit Raketen beschossen würde. »Wir sind hier, um die Wahrheit all den Verzerrungen entgegenzusetzen, die hierzulande so oft verbreitet werden«, sagte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Israels Regierung habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihre Bürger zu beschützen.

Kramer verwies auf die Hamas, die vor fünf Jahren gewaltsam die Macht in Gaza übernommen hat: »Ihr wichtigstes Ziel ist es, die israelische Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Das ist, wohlgemerkt, ein Kriegsverbrechen, begangen im Dienst der Phantasie von einem Völkermord an Israels Juden.« Bei der Abwehr des antiisraelischen Fundamentalismus hätten Israels Freunde eine wichtige Rolle zu erfüllen. Es gelte, sich auf Israels Seite zu stellen, so Kramer weiter. »Für ein klares Bekenntnis zu Israels Existenzrecht braucht Israel unsere Unterstützung.«

Berichterstattung In der mittlerweile auf rund 300 Personen angewachsenen Menge steht ein prominenter Ex-Politiker und nickt. Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister der Stadt, ist extra gekommen, um ein Zeichen für Israel zu setzen. »Ein Teil der öffentlichen Berichterstattung über den Konflikt ist nicht ausgewogen«, formuliert er betont vorsichtig seine Kritik an den deutschen Medien. »Dass die nächtelangen Raketenangriffe beispielsweise erst zur Kenntnis genommen wurden, als erste Gegenreaktionen Israels – berechtigte Gegenreaktionen – erfolgten, hat mich, sagen wir, zum Widerspruch gereizt.« Und ja, es sei gut zu sehen, dass er nicht alleine sei, sondern »viele Freunde Israels den Weg hierher gefunden haben«.

»Ich habe in Berlin noch nie so viele Juden auf einem Flecken gesehen«, sagt Avi, ein junger Israeli mit kunstvoll verknotetem rotem Bart. Er ist erst am Vortag nach Deutschland gekommen, um Freunde zu besuchen und zufällig auf die Solidaritätsdemo mit seinem Heimatland gestoßen. »Sehr toll« sei die Demo, sagt er, und natürlich mache er sich Sorgen um die Leute daheim, aber gleichzeitig hoffe er, »dass das Problem mit den Terroristen endlich für alle Zeiten gelöst wird«.

Zum Abschluss wird die Hatikvah angestimmt – die Menschenmenge singt, wenn auch nicht in jedem Fall textsicher, energisch mit. Einige der Älteren haben Tränen in den Augen.»Dieses Lied, mitten in Berlin, von so vielen Leuten, die nicht einmal alle Juden sind, gesungen zu hören, ist einfach nur wunderschön«, sagt ein Senior.

Twitter Unter denen, die zur Kundgebung kamen, sind auch zwei Amerikanerinnen. Lauren Appelbaum und Samantha Karlin »haben zwar kein Wort von den Reden verstanden«, wie sie beide sagen. Aber sie sind beeindruckt, »was für ein großartiges Zeichen hier gesetzt wurde«. Lauren hatte ihre Eindrücke von der Demo gleich per Twitter verbreitet, »die Hatikvah gemeinsam mit mehr als 300 Berlinern zu singen, habe ich in dieser Woche nicht erwartet«, schrieb sie, »es ist sehr bewegend«. Auf ihre Tweets hin habe sie einige Reaktionen bekommen, Israelis, die sie nicht einmal kenne, hätten sich sogar bedankt und über die Solidarität aus Berlin gefreut, berichtet sie weiter. Außerdem sei das Motto so sehr treffend, »free Gaza from Hamas, denn die vielen Palästinenser, die einfach nur in Frieden leben wollen, sind ja auch Opfer«.

Organisation Wie wichtig das Internet und seine Social Networks wie Twitter und Facebook mittlerweile geworden sind, bestätigt auch Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus. »Diese Demo auf die Beine zu stellen, war absolut Netzwerkarbeit«, berichtet er, keine 48 Stunden seien von der durch Sebastian Mohr und das Mideast Freedom Forum entwickelten Idee bis zur Realisierung an diesem Sonntagmittag vergangen. »Wir haben uns gern angeschlossen und den Aufruf auf allen uns zugänglichen Kanälen verteilt«, sagt Levi.

Ja, das sei ziemlich viel Arbeit gewesen, bestätigt Mohr. »Er hat die letzten zwei Nächte nicht geschlafen, sondern vorbereitet und gemacht und getan«, werden seine Mitstreiter genauer. Die Mühe habe sich aber gelohnt, er sei glücklich und zufrieden über die vielen Teilnehmer, sagt Mohr.

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