90. Geburtstag

In liberaler Tradition

Rabbiner Nathan Peter Levinson gilt vielen als der Nachfolger von Rabbiner Leo Baeck sel. A. im Nachkriegsdeutschland. Alle haben ihn zudem als einen Versöhner kennengelernt, der sich um den christlich-jüdischen Dialog verdient gemacht hat. Am 23. November feiert Rabbiner Levinson im Kreise seiner Freunde, Verwandten und Weggenossen im Centrum Judaicum seinen 90. Geburtstag.

Unter den Gästen in der Neuen Synagoge, in der er vor 77 Jahren Barmizwa wurde, sind seine Tochter Sharon Levinson und der ehemalige Gemeindevorsitzende Albert Meyer, der, wie beide immer gerne erzählten, sein »einziger in Berlin lebender Verwandter« ist.

Wirken Die Stationen seines rabbinischen Wirkens sind lang: Er amtierte in den USA, Japan, Berlin, Mannheim, Heidelberg, Ham-burg, um nur einige wichtige zu nennen. Nach seiner Pensionierung lebte der 1921 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg Geborene abwechselnd in Deià auf Mallorca und in Jerusalem, bevor er wieder nach Berlin übersiedelte. Wann immer er zu Feiertagen oder besonderen Anlässen gerufen wurde, stand er auch im hohen Alter, solange es seine Gesundheit zuließ, der Jüdischen Gemeinde in Berlin zur Verfügung.

Auf Wunsch der World Union for Progressive Judaism kam Rabbiner Levinson 1949 zurück nach Berlin. Er sollte dort, am Ausgangspunkt liberal-jüdischer Tradition, die Arbeit im Sinne Leo Baecks fortführen, dessen Schüler er 1940 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in der heutigen Tucholskystraße gewesen war.

In seinen wunderbaren Memoiren berichtet er von seiner ersten Predigt in Gegenwart von Leo Baeck, der ihm in freundlicher, aber bestimmter Art sagte: »Mein lieber junger Kollege, Sie haben eine sehr gute Ansprache gehalten, aber warum müssen Sie alles sagen, was Sie wissen?«

Lehre Mit großer persönlicher Hingabe engagierte sich Levinson in den 70er-Jahren bei der Gründung der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien, die dann jedoch aus seiner Sicht die ihr gestellte Aufgabe nicht erfüllte, nämlich Rabbiner, Kantoren, Religionslehrer und Kultusbeamte auszubilden. Levinsons Tochter Sharon, die alle Stationen des Wirkens erlebte, würdigte vor zehn Jahren ihren Vater anlässlich seines 80. Geburtstags in bewegenden und zutreffenden Worten als einen, der in »seinem unendlichen Bemühen um Aussöhnung der Menschen in Deutschland nach dem Krieg das Verdienst seines Lebens« errang.

»Um den Bürgern dieses Landes das Judentum näherzubringen, ist er landauf landab gereist«, um zahlreichen jüdischen Gemeinden gleichzeitig dienen zu können, hat Radiosendungen, Vorträge und Predigten gehalten, ja den Spitznamen »rasender Rebbe« erhalten, weil er »gern mit schnellen Autos die Autobahnen zwischen Konstanz und Hamburg abgedüst« ist. »Das Reisen gehört zu Peter Levinson seit seiner Emigration.«

Nathan Peter Levinson wohnte zu Beginn der 50er-Jahre als Berliner Gemeinderabbiner in der Teplitzer Straße. Wenn ich später in meiner Jugendzeit mit meinem Vater oder meiner Mutter dort auf dem Weg zum Roseneck vorbeikam, wurde ich von ihnen immer mit dem erklärenden Nachsatz darauf hingewiesen: »Peter ist der Nachfolger Leo Baecks. Ein Jammer, dass er nicht in Berlin geblieben ist.« Gerade so, als wäre er damals freiwillig aus Berlin gegangen. Es war vielmehr eine fristlose Kündigung des Gemeindevorstandes nach einer mutigen Pressekonferenz zur Rettung von in der DDR bedrohten Juden, die sein Wirken in Berlin 1953 für lange Jahrzehnte unterbrach.

Bereicherung Peter Levinson ist für mich der letzte deutschsprachige Rabbiner seiner Generation, der tatsächlich noch jene Mischung aus höchster wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, aus aufgeklärter akademischer Liberalität und jüdisch-traditionellem Wissen darstellt, für das die deutsch-jüdische Rabbinergeneration um Leo Baeck stand.

So war für mich jedes Zusammentreffen mit ihm eine intellektuelle Bereicherung: Wenn er in den 60er-Jahren gelegentlich mit seiner – viel zu früh verstorbenen – ersten Frau Helga nach Berlin kam, ging er gemeinsam mit meinen Eltern, und oft auch mit mir, essen, um dabei den Lauf der jüdischen Welt zu erörtern. Das blieb so in den folgenden beiden Jahrzehnten mit der unvergessenen Pnina Navé-Levinson, seiner zweiten Frau.

Die Gespräche mit Peter kreisten immer um den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland. Wenn der Punkt eines Gespräches erreicht ist, wo man sagen würde: »Ja, jetzt ist der Kernpunkt getroffen«, nickte Peter auf unnachahmliche Weise wissend mit dem Kopf.

Seit vielen Jahren ist Peter Levinson krankheitsbedingt verstummt. Er wohnt in einer Berliner Seniorenresidenz, wird freundschaftlich von Pfarrerin Annemarie Werner betreut und zu allen wichtigen Begebenheiten im Leben der Jüdischen Gemeinde gebracht. Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, dass er nicht nur an den Veranstaltungen Anteil nimmt, sondern auch Freunde erkennt.

Der Autor ist Historiker und Rabbiner der Synagoge Hüttenweg in Berlin.

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