Ralph Giordano

»In jüdischer Erde«

Er war einer der großen Mahner wider die Nazi-Barbarei, einer, der in seinen Büchern, Romanen und Publikationen, in Filmen, Vorträgen und Interviews stets vehement gegen das Verschweigen der Schoa eintrat, gegen das immer wieder aufkeimende »Nun ist es aber mal gut« vieler, die nichts mehr vom Holocaust, nichts mehr von der Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden wissen wollten.

Als Zeitzeuge hielt er Vorträge, ging in Schulen, erzählte der Jugend von den Verbrechen der Alten. Er war einer, der den Kulturbruch Deutschlands mit seiner Familie in einem Kellerloch seiner Heimatstadt Hamburg durchleben musste, mit seinen zwei Brüdern, seiner jüdischen Mutter Lilly, seinem sizilianischen Vater. Am 20. März wäre Ralph Giordano 95 Jahre alt geworden.

Vor mehr als drei Jahren, am 10. Dezember 2014, starb er. Ralph Giordano wurde damals neben seiner nichtjüdischen Ehefrau Roswitha, die schon zwölf Jahre früher, am 16. September 2002, gestorben war, auf dem städtischen Südfriedhof Köln beerdigt. Jetzt will Marina Elli Jakob, die Frau, die ihm in seinen letzten zehn Jahren bis zu seinem Tod zur Seite stand, Giordano nach Hause in seine Heimatstadt Hamburg holen und ihn auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf zur letzten Ruhe betten lassen.

Dafür setzt sich die 51-jährige Krankenschwester und Großhandelskauffrau seit drei Jahren ein und sieht sich damit in Gegnerschaft zu Ralph Giordanos Stiefsohn, dem Sohn seiner letzten Ehefrau Roswitha. Die Umbettung muss bei der Friedhofsverwaltung Köln beantragt werden, und dafür sind die Unterschriften des Miterben und des Testamentsvollstreckers notwendig.

Halacha Ein strittiger Punkt ist die Frage nach Störung der Totenruhe. Dem widerspricht Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky entschieden. Schon bei einer Gedenkfeier im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg im Januar 2015 hatte Bistritzky betont, wie eng sich Giordano mit dem Judentum verbunden fühlte. »Herr Giordano war kein gläubiger Jude, aber sehr stolz auf seine Zugehörigkeit zum Judentum.«

Bistritzky bedauerte ausdrücklich, dass Giordano nicht auf einem jüdischen Friedhof beerdigt wurde. »Ralph Giordano findet erst dann seine Totenruhe, wenn er als Jude in jüdischer Erde begraben liegt, in einem ewigen Grab, das nie aufgehoben wird, wie es auf einem städtischen Friedhof üblich ist«, sagt der Hamburger Landesrabbiner.

»Um dem jüdischen Gesetz zu entsprechen, würde ich es außerordentlich begrüßen, Ralph Giordano sel. A. – den halachischen Vorschriften folgend – seine letzte Ruhe auf dem Friedhof seiner Jüdischen Gemeinde Hamburg zu ermöglichen«, stellt Bistritzky eindeutig fest. »Ralph Giordano ist Jude und war bis zu seinem Tod Mitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg«, so der Landesrabbiner, der der orthodoxen Bewegung Chabad Lubawitsch angehört. Er sei selbstverständlich bereit, die Zeremonie zu Giordanos Umbettung zu leiten.

Bibliothek
Am 16. Februar dieses Jahres hatte Marina Jakob die Bibliothek des Schriftstellers der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme als Dauerleihgabe überlassen. Zu diesem Anlass soll der Stiefsohn ihr mündlich sein Einverständnis zur Umbettung signalisiert haben. Bis heute sei jedoch eine schriftliche Einwilligung ausgeblieben.

Die Kulturbehörde des Hamburger Senats befürwortet die Umbettung. Bereits bei Umbenennung des Platzes am Barmbeker Bahnhof in »Piazzetta-Ralph-Giordano« nannte Kultursenator Carsten Brosda den verstorbenen Schriftsteller und Publizisten »einen der großen Söhne unserer Stadt«. Ralph Giordano, der 1923 in Hamburg zur Welt kam, hatte Kindheit und Jugend in Barmbek verbracht. »Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihrem Antrag auf Ausbettung stattgegeben wird und Ralph Giordano auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf seine letzte Ruhe fände«, schreibt Brosda an Marina Jakob.

»Ich würde es begrüßen, wenn diese bedeutende Hamburger Persönlichkeit, dessen Herz trotz der in den Jahren seiner Kindheit und Jugend erlittenen Ausgrenzung und Verfolgung immer Hamburg, Barmbek und der Gelehrtenschule des Johanneums verbunden blieb, seine Ruhestätte auf dem Hamburger Parkfriedhof Ohlsdorf finden würde«, ließ Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, verlauten.

Einsicht Marina Jakob hat viele Fürsprecher für die Umbettung Ralph Giordanos. Auch das Internationale Auschwitz Komitee votiert für eine Umbettung. »Ohne Zweifel war Ralph Giordano eine Persönlichkeit der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte, die für die Erinnerungskultur in Deutschland von großer Bedeutung bleiben wird. Von daher unterstützen wir, dass er in Hamburg bestattet wird. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat dies ja bereits bestätigt.

Wir hoffen sehr, dass die in Köln lebenden Angehörigen von Ralph Giordano die Größe und die Einsicht besitzen, einer Umbettung nach Hamburg zuzustimmen«, schreibt Christoph Heubner, Vizepräsident des Auschwitz Komitees, an Marina Jakob. Sie erhält sogar Zuspruch vom Urenkel Richard Wagners, Gottfried Wagner, der sinngemäß schreibt, Ralph Gior­dano müsse in seiner Heimatstadt Hamburg seine letzte Ruhe finden.

Isabella Vértes-Schütter, Vorstandsvorsitzende des Bertini-Preises, den Ralph Giordano erstmals 1998 ausgelobt hatte, um Jugendliche auszuzeichnen, die sich gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einsetzen, attestiert Marina Jakob, sie sei der Mensch, der wisse, wo Ralph Giordano seine letzte Ruhe finden sollte.

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