Porträt

Im Einsatz für andere

»Ich wuchs sehr behütet, liebevoll und jüdisch-traditionell auf«: Jutta Josepovici (60) aus Frankfurt am Main

Porträt

Im Einsatz für andere

Jutta Josepovici arbeitete für die ZWST und die Frankfurter Jüdische Gemeinde

von Eugen El  15.03.2026 07:42 Uhr

Eigentlich sollte Deutschland nur eine Zwischenstation sein. Meine Eltern kamen Anfang der 60er-Jahre mit meinen beiden Brüdern und meiner Oma aus Polen nach Frankfurt am Main. 1966 wurde ich dann geboren. Mein Vater hatte in Frankfurt Fuß gefasst; er arbeitete zwar schwer, konnte aber seine Familie damit ernähren, und so entschlossen sie sich, doch noch eine Weile in der Bundesrepublik zu bleiben. Ich glaube, die sogenannten gepackten Koffer wurden trotzdem nie so ganz ausgepackt.
Ich wuchs sehr behütet, liebevoll und jüdisch-traditionell auf, und die Familie als solche spielte durchweg eine wichtige Rolle.

Wir hatten immer ein volles Haus, und die jüdischen Feiertage mit Synagogenbesuch und traditionellen jüdischen Köstlichkeiten, die meine Mutter und meine Tante Lisa backten und kochten, haben wir alle geliebt. Tante Lisa, die selbst leider keine Kinder bekommen konnte, war für mich und meine Brüder wie eine zweite Mutter und las uns alle Wünsche von den Augen ab.

Ich besuchte den jüdischen Kindergarten, die jüdische I. E. Lichtigfeld-Schule und später den Religionsunterricht. Ich war Chanicha und Madricha im Jugendzentrum und bei der Zionistischen Jugend in Deutschland (ZJD) und fuhr regelmäßig auf Machanot. Der damalige Jugendzentrumsleiter Moishale Gerstein und auch die israelische Tanzlehrerin Tirza Hodes waren prägend für unsere Jugend.
Tirza hat später auch meine eigenen Kinder auf den Machanot begleitet und ihnen tanzend Israel und seine Mentalität vermittelt. Es war mir enorm wichtig, regelmäßig mit meinen jüdischen Freunden Zeit zu verbringen, und so trafen wir uns auch öfter einfach nur so im Baumweg in den Räumen der Gemeinde oder in der ZJD. Wir warteten immer auf die nächsten Ferien, um unsere Freunde aus ganz Deutschland wiederzutreffen.

Wir wurden überwältigt von Menschen, die mit Koffern in unserem Büro standen

Meine Erziehung und die Einflüsse der jüdischen Gemeinde prägten mein ganzes Leben und den besonderen Bezug zu Israel. Ich bin sicher, dass meine Tätigkeit als Madricha maßgeblich mit meiner Studienwahl zusammenhängt. Ich studierte Sozialpädagogik in Frankfurt und beendete mein Studium 1990 – exakt in dem Jahr, als die große Welle der jüdischen Kontingentflüchtlinge aus der bald ehemaligen UdSSR nach Deutschland strömte.

Es war eine aufregende Zeit für die jüdische Gemeinschaft, und so konnte ich direkt in der Sozialabteilung unserer Gemeinde einen Job finden und mit anpacken. Wir wurden überwältigt von Menschen, die mit Koffern in unserem Büro standen, nicht wussten, wo sie hinsollten, und kein Wort Deutsch sprachen. Ich konnte zwar kein Russisch, aber mir hat mein Jiddisch, gerade bei den älteren Menschen, weitergeholfen. Meine Eltern sprachen untereinander Jiddisch; ich verstand alles, mir war aber nicht bewusst, dass ich es, als ich musste, auch sprechen konnte.

Nach meiner Elternzeit arbeitete ich in der Eingangsstufe der Lichtigfeld-Schule

1990 heiratete ich auch meinen Mann, den ich bereits in den jüdischen Jugendorganisationen kennengelernt hatte, und 1992 und 1996 bekamen wir zwei wundervolle Töchter, die ebenfalls traditionell erzogen wurden. Beide sind mittlerweile verheiratet, und ich bin bereits Großmutter. Nach meiner Elternzeit arbeitete ich über ein Jahrzehnt in der Eingangsstufe der Lichtigfeld-Schule, musste dann aber leider krankheitsbedingt aufhören.

Als ich wieder gesund war, begegnete ich Beni Bloch, mit dem ich schon seit der Jugend guten Kontakt hatte, und er überzeugte mich, die gerade vakante Stelle der Sozialreferentin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zu übernehmen. Es war eine überaus interessante Tätigkeit: Ich besuchte unzählige jüdische Gemeinden in ganz Deutschland, bereitete mit einem tollen Team Seminare für Sozialarbeiter und Menschen in sozialen Berufen vor und lernte Menschen aus ganz Europa und Israel kennen.

Ich konnte zwar kein Russisch, aber bei den älteren Menschen hat mir Jiddisch weitergeholfen.

Während einer Arbeitsreise nach Israel lernte ich viele generationsübergreifende Projekte kennen. Besonders faszinierte mich das sogenannte Zeitzeugentheater. Mit Unterstützung von Beni Bloch, Aron Schuster und dem »Treffpunkt«-Team brachte ich neun Jugendliche und sechs Schoa-Überlebende zusammen, die mit einem ausgebildeten Team von Theaterpädagogen, einer Regisseurin und einem Psychoanalytiker die Geschichte der teilnehmenden Überlebenden bearbeiteten und daraus ein Theaterstück entwickelten. Die Jugendlichen haben das Stück nachgespielt und die Schoa-Überlebenden sehr sensibel mit einbezogen. Diese neun Monate waren für uns eine bewegende Zeit, die uns alle geprägt hat. Selbst ich als Kind von Überlebenden, aber auch die Jugendlichen und die älteren Teilnehmer durften eine Erfahrung machen, die uns ein Leben lang begleiten wird.

Dort hatte ich geregelte Arbeitszeiten und konnte mich meiner Familie besser widmen

So spannend meine Arbeit bei der ZWST auch war, merkte ich doch, dass das viele Reisen mich anstrengte, und so entschloss ich mich, ein Angebot meiner jüdischen Gemeinde anzunehmen und die Leitung der Sozialabteilung zu übernehmen. Dort hatte ich geregelte Arbeitszeiten und konnte mich meiner Familie besser widmen. Zu der Zeit ahnte ich nicht, was alles auf unsere Abteilung und die Gemeinde zukommen würde.

Wenige Monate nach Antritt der Stelle brach die Corona-Pandemie aus, und die Sozialabteilung hatte alle Hände voll zu tun, unsere älteren und schwächeren Gemeindemitglieder zu versorgen. Wir organisierten Balkongespräche, kauften ein, führten »Essen auf Rädern« ein und waren gemeinsam mit unserem Rabbinat seelsorgerisch tätig.

Als wir all das hinter uns gebracht hatten, begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Über tausend ukrainische Geflüchtete kamen, und es galt, sie zu versorgen. Mein gesamtes Team packte mit an, und wir arbeiteten fast rund um die Uhr. Mein damaliger Dezernent, Leo Latasch, und ich führten Gespräche mit der Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt, mit der Ausländerbehörde, diversen Hotelbesitzern und verschiedenen Trägern von Flüchtlingsunterkünften. Wir konnten erreichen, dass viele unserer jüdischen Geflüchteten und ihre Angehörigen gemeinsam in Unterkünften untergebracht wurden. Wir besuchten sie regelmäßig, und besonders meine russischsprachigen Mitarbeiter hatten alle Hände voll zu tun, um die traumatisierten Menschen zu beruhigen und Gemeinschaft zu zeigen.

Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, in einer Gemeinschaft zu leben, und welchen Stellenwert das Ehrenamt haben sollte.

Wir vermittelten ihnen den Kontakt zum jüdischen Kindergarten und zur Schule, wo extra Klassen für die ukrainischen Kinder eröffnet wurden. Ein Willkommenszentrum wurde eingerichtet und die vielen Familien liebevoll betreut. Gemeinsam mit der ZWST brachten wir ältere Menschen in Altenheimen unter. In der Stadt herrschte eine große Solidarität.
Besonders bewegend waren auch die vielen Ehrenamtlichen, die ihre Hilfe angeboten haben. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, in einer Gemeinschaft zu leben, und welchen Stellenwert das Ehrenamt haben sollte. Aber kaum hatten wir diese Lage einigermaßen im Griff, kam der 7. Oktober, der uns alle aus dem Gleichgewicht brachte. Trotzdem mussten und wollten wir handeln und halfen mehr als 40 israelischen Familien, die in Frankfurt gestrandet waren.

Wir richteten einen Co-Working-Raum ein, damit die Eltern remote arbeiten konnten, versorgten die stark traumatisierten Kinder und nahmen auch hier dankbar Hilfe von außen an.

Ich habe viele Jahrzehnte für die jüdische Gemeinschaft gearbeitet. Ende Mai werde ich meine Tätigkeit als Leiterin der Beratungsstelle (früher Sozialabteilung) der Jüdischen Gemeinde Frankfurt beenden. Die Herausforderungen, vor denen die jüdischen Gemeinden in Zukunft stehen, sind groß: Zum einen der verstärkt aufkommende Antisemitismus, der vielen unserer Gemeindemitglieder Angst bereitet – und zum anderen die Altersarmut, gerade bei den aus der früheren UdSSR kommenden Menschen, die hier in Deutschland kaum Rente beziehen.

Mal sehen, was das Leben nach 35 Jahren sozialer Arbeit noch so zu bieten hat.

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