Kino

»Ich habe keine Heimat«

Albrecht Weinberg mit Pflegerin Gerda Dänekas, zu der eine sehr enge Verbindung entstand Foto: Mindjazz Pictures

Es sind Worte, die nachhallen: »Ich habe keine Heimat.« Am Ende des Films steht dieser schlichte Satz, der viel über das Leben eines Mannes erzählt, der Deutschland verlassen wollte, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen – und schließlich doch zurückkehrte. Am vergangenen Sonntag feierte der Film im Münchner Rio Filmpalast Premiere. Rund 100 Gäste waren gekommen, darunter die Regisseurin Güner Yasemin Balcı, die aus Berlin angereist war.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erinnerte in ihrem Grußwort daran, dass viele Überlebende nach 1945 in die Städte und Regionen zurückgekehrt seien, in denen sie einst gelebt hatten. Doch, so sagte sie, »von einem Wiederfinden der Heimat erzählen diese Geschichten fast nie«.

Auch Weinbergs Rückkehr ins ostfriesische Leer ist keine klassische Heimkehr. Zu tief sitzen die Erinnerungen an Ausgrenzung, Verfolgung und die Konzentrationslager, die er und seine Geschwister überlebten. Mehr als 40 Familienmitglieder wurden ermordet. Weinberg selbst wurde als Jugendlicher deportiert und überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Dora-Mittelbau und Bergen-Belsen.

1947 wanderten er und seine Schwester Friedel nach New York aus. Deutschland wollte Weinberg nie wieder betreten.

1947 wanderten er und seine Schwester Friedel nach New York aus. Deutschland wollte Weinberg nie wieder betreten. Er wollte vergessen. Erst 60 Jahre später führte ihn eine Einladung zurück nach Ostfriesland, später zog er gemeinsam mit seiner Schwester in ein Pflegeheim in Leer, wo eine enge Verbindung mit Pflegerin Gerda Dänekas entstand. Nach Friedels Tod zog Albrecht Weinberg bei Gerda ein – gemeinsam begannen die beiden, in Schulen zu gehen. Weinberg erzählte jungen Menschen von seinem Leben, offen, herzlich und zugewandt.

Die Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern bestimmten Weinbergs spätes Wirken. Er selbst wollte, ebenso wie nun das filmische Denkmal seines Lebens, vor allem die jüngere Generation erreichen. Die Regisseure Güner Yasemin Balcı und Jesco Denzel begleiteten Weinberg und Dänekas dafür vier Jahre lang. Im Mai dieses Jahres starb Weinberg. Die Vorpremiere in Leer vor mehr als 700 Zuschauern hatte er aber noch erlebt, an seinem 101. Geburtstag im März.

Dass der Münchner Premierenabend ausgerechnet wenige Stunden nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stattfand, unterstreicht die Dringlichkeit des Sujets. Die NS-Zeit, stellte auch Charlotte Knobloch fest, habe sich »noch nie so nahe angefühlt. Die Vergangenheit begleitet uns«. Und sie fügte hinzu: »Nur wenn wir ihr begegnen, können wir verhindern, dass sie uns verfolgt.«

»Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf« ist ab dem 10. September bundesweit im Kino zu sehen.

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