Ilse Ruth Snopkowski

»Ich gehe glücklich«

Grande Dame der Jüdischen Kulturtage: Ilse Ruth Snopkowski Foto: Christian Rudnik

Ilse Ruth Snopkowski

»Ich gehe glücklich«

Die Münchnerin organisierte 30 Jahre die Kulturtage – jetzt sagt sie Servus

von Katrin Diehl  07.11.2016 21:21 Uhr

Jetzt, wo sie »so frech« ist, zu sagen, »das ist auch mein Verdienst«, wo die »Tarnkappe« endgültig vom Kopf ist, wo sie etwas von der Gelassenheit eines »alten Hasen«, die guten Verbindungen zu den namhaften Personen in der Bayerischen Staatsregierung oder dem Kulturreferat der Stadt besitzt, hört sie auf. »Schenken Sie mir noch 20 Lebensjahre, und ich mache weiter«, sagt Ilse Ruth Snopkowski, deren Name eng mit den Münchner Jüdischen Kulturtagen verbunden ist, die seit mehr als 30 Jahren verlässlich zur Herbstzeit stattfinden.

Und ganz lassen wird Ilse Ruth Snopkowski es doch nicht können. »Ich freue mich immer, wenn ich den Menschen etwas über das Judentum vermitteln darf«, sagt sie und fährt noch schnell zum Rotary Club nach Starnberg, um einen Vortrag über »Juden in Bayern nach 1945 bis heute« zu halten. »Aber«, so stellt sie unmissverständlich fest, »diese Kulturtage werden meine letzten sein«, um nachzuschieben, »auch weil ich finde, dass ein jeder den Zeitpunkt kennen sollte, an dem es angesagt ist, an Jüngere zu übergeben.«

Nachfolger Nach den 30. Kulturtagen vom 13. bis zum 22. November sieht sie diesen Zeitpunkt für sich gekommen und natürlich hofft sie, dass sich für die nächsten Jahre jemand finden wird, der übernimmt, »vielleicht, wenn die Leute merken, dass ich ernst mache und wirklich gehe«. Ihre Zuversicht diesbezüglich hält sich allerdings in Grenzen. Sie gehöre, erklärt Snopkowski ihr Engagement, noch einer Generation an, in der die Ehefrau dem Ehemann den Rücken freihielt und stärkte.

Der Ehemann, das war der bekannte Arzt Simon Snopkowski, dem sie »bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden« von 1972 bis zu seinem Tod 2001 »zur Seite stand«. Simon Snopkowski hatte 1981 zusammen mit vier weiteren Schoa-Überlebenden den Verein »Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition« gegründet, der auf Initiative seiner Frau immer wieder Veranstaltungen organisierte, bis daraus 1987 die »Jüdischen Kulturtage« wurden. »Damit haben wir die jüdische Kultur in der Stadt präsenter gemacht, eine Pionierleistung, zumal sich die jüdische Gemeinschaft nur sehr allmählich gegenüber der Öffentlichkeit geöffnet hat.«

Die wiederkehrende Veranstaltungsreihe hat der jüdischen Kultur in München Popularität verschafft. Um sie herum hat sich ein vor allem nichtjüdisches Stammpublikum gebildet, für das die zehn Tage im November zum Jahresprogramm gehören. »Klezmer ist eine feste Größe, wir sind aber kein Klezmer-Festival, sondern bieten aus sämtlichen Kultursparten etwas, von Buchpräsentation über Podiumsdiskussionen bis hin zu Theateraufführungen.«

Snopkowski-Preis Die Gesellschaft mit ihr als Vorsitzenden – »das bleibe ich auch erst einmal« – hat dann 2006 zum Gedenken den »Simon-Snopkowski-Preis« ins Leben gerufen, der »im Einvernehmen mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus« vornehmlich Schüler in Bayern dazu motiviert, sich in Projekten mit der jüdischen Geschichte Bayerns und des Holocausts auseinanderzusetzen.

Nächstes Frühjahr kehren turnusgemäß auch die »Jüdischen Filmtage« wieder, die vorbereitet werden müssen, sobald die Kulturtage vorbei sind. Fragt man dann nach dem Team, das all das stemmt, dann erfährt man, dass da eine »sehr professionelle Halbtagskraft ist, und ansonsten mache ich alles ehrenamtlich«, wozu Botendienste, Verhandlungen mit Künstlern sowie Kooperationspartnern und vieles mehr gehören. »Mädchen für alles zu sein, das ist Knochenarbeit, und das schaffe ich einfach nicht mehr«, sagt Snopkowski.

Wenn sie die Leitung der Jüdischen Kulturtage niederlegt, dann stellt das eine Zäsur da. Sie selbst empfindet es als einen bewussten Schritt mit der Aussicht, einmal durchatmen zu können, 1980 hatte sie neben allem anderen auch noch die »Gesellschaft zur Förderung der Krebshilfe in Israel, Komitee für Bayern« gegründet.

»Ich möchte endlich ein bisschen mehr Freiraum für mich haben, möchte auch noch meine vier Enkel genießen, solange sie mir nicht davonwachsen.« Manchmal gibt Ilse Ruth Snopkowski einen kleinen kurzen Blick frei auf sich, unverstellt von ihrem Mann und unverstellt vom Bemühen um die jüdische Kultur in Bayern, auch wenn Sätze wie: »Habe heute die Äste um unser Landhaus am Tegernsee geschnitten«, noch sehr ungewohnt klingen.

Wiener Dialekt Geboren wurde Ilse Ruth Snopkowski in Znaim, einer Stadt in Südmähren, heute Tschechien. Die Großeltern sprachen Wienerisch. »Wenn ich Wienerisch höre, fühle ich mich immer sehr zu Hause.« Das Gymnasium besuchte sie in den 50er-Jahren in Miesbach in Oberbayern. Danach kam ein Sprachstudium in München und Oxford. München mag sie bis heute. »Die Menschen, die Kultur, die wunderschöne Umgebung.«

Zur schönen Umgebung gehören auch die Berge, gehört auch die Zugspitze. Dort fuhr die junge Ruth regelmäßid Ski und brach sich ein Bein. Sie kam ins Krankenhaus »Rechts der Isar« nach München, wo ein gewisser Dr. Snopkowski Nachtdienst hat. »Er hat mich wirklich sehr beeindruckt, wie er sich nach Jahren im KZ, dann im DP-Lager hochgearbeitet hat.« Die beiden heirateten. Kinder kamen. Sohn Peter war der erste Junge, der in der Synagoge in der Possartstraße, zu der sie bis heute gehört, seine Barmizwa feierte. »Als das Stibl damals eingerichtet worden ist, habe ich für Vorhänge und Besteck gesorgt.« Vor einem Jahr fand die Barmizwa eines Enkels an der Kotel statt. Das habe sie besonders bewegt, sagt sie.

Ilse Ruth Snopkowski hat für ihre Leistung viele Preise erhalten – »immer ein Ansporn für mich, diesem auch gerecht zu werden«, unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Dieses Jahr kommt noch die »Medaille in Gold des Bezirks Oberbayern« hinzu. »Ich bin dankbar, dass ich das ehrenamtlich machen durfte, dass ich da hinein einen großen Anteil meines Lebens investiert habe. Denn ich habe ja auch etwas bekommen, Wissen, Verständnis, wunderbare menschliche Kontakte mit Künstlern. Und eigentlich gehe ich glücklich.«

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