Porträt der Woche

»Ich besuche hier die Uni«

»Es ist eine Umstellung, in Frankfurt zu leben«: Abraham Ben mit seinem Hund Tobi Foto: Judith König

Porträt der Woche

»Ich besuche hier die Uni«

Abraham Ben ist Münchner. Seit zwei Jahren versucht er, in Frankfurt heimisch zu werden

von Canan Topçu  25.05.2010 17:33 Uhr

Seit zwei Jahren wohne ich in Frankfurt, vorher lebte ich in München. Ich bin aus rein familiären Gründen hierher gekommen. Meine Schwester und meine Mutter sind hier, und mein Vater hat hier sein Grab. Der Umzug ist mir nicht leicht gefallen. Es ist eine Umstellung, in Frankfurt zu leben. Heimisch bin ich bisher nicht geworden. München fehlt mir, ist ja auch kein Wunder, ich habe dort mehr als 50 Jahre meines Lebens verbracht, kannte jeden Stein. Ans Hessische werde ich mich nie gewöhnen. Die Sprache, das Temperament der Leute, die Landschaft – alles ist mir fremd.

Ich habe mich für die Universität des dritten Lebensalters eingeschrieben und im vergangenen Wintersemester eine Vorlesung über die Geschichte der Frankfurter Juden zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert besucht. Zum Ende des Semesters gab es einen Rundgang, jetzt weiß ich mehr über die Stadt.

kindheit Ich bin ein sogenanntes DP-Kind, meine Eltern kamen aus Polen. In einem Displaced-Person-Lager bei Bamberg wurde ich 1947 geboren und war bis zu meinem neunten Lebensjahr nur in diesen Lagern, längere Zeit in Föhrenwald. Dort wurde nur Jidddisch gesprochen. Als ich neun Jahre alt war, haben wir eine Wohnung im Münchener Stadtteil Giesing bekommen. Das war eine Art jüdisches Ghetto, dort lebten bestimmt 70 oder 80 jüdische Familien. Eigentlich wollten meine Eltern in die USA auswandern. Aber weil mein Vater eine Lungenkrankheit hatte, waren wir dort nicht willkommen.

Meine Eltern haben sich mit der polnischen Kultur nicht identifiziert, daher hatte Polnisch bei uns keine Bedeutung. Nur wenn ich etwas nicht mitbekommen sollte, haben sie in dieser Sprache miteinander geredet. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr habe ich kein Wort Deutsch gekonnt, zu Hause wurde ja nur Jiddisch gesprochen. Deutsch habe ich erst gelernt, als ich in die Schule kam. Auf meine Schule ging übrigens auch der Franz Beckenbauer. Ich habe ihn als Jugendlichen spielen sehen und erinnere mich noch daran, dass er mit der Schulmannschaft die Münchner Schüler-Meisterschaft gewonnen hat.

bayern Ich bezeichne mich als bayrischen Juden polnischer Herkunft. Auf das Polnische lege ich Wert, auch wenn ich niemals in Polen war. Es hat sich nicht ergeben, zu sehen wäre eh nichts mehr von dem, was mit dem Leben meiner Eltern zu tun hatte. Ein Bayer bin ich auch, darauf lege ich ebenfalls Wert. Eine Tracht habe ich aber nie getragen, obwohl ich das gerne getan hätte. Den Juden war es in der Nazi-Zeit verboten, daher wollte ich es nicht.

In München war ich recht aktiv in der Gemeinde, habe so manches auf die Beine gestellt. Hier in Frankfurt bringe ich mich auch ein. Aus Bayern habe ich die Idee mitgebracht, am Totensonntag der jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Schon zum zweiten Mal fand hier am Alten Jüdischen Friedhof eine Gedenkstunde mit Kranzniederlegungen statt. Anfangs stieß es auf Schwierigkeiten, beim zweiten Mal fand es im größeren Rahmen statt, mit Vertretern der Frankfurter Politik. Arno Lustiger hat das Kaddisch gesprochen. Uns ist zugesagt worden, dass an der nächsten Gedenkfeier am 7. November der Bundesverteidigungsminister teilnehmen wird.

Ich sehe zu, dass ich meine Zeit sinnvoll verbringe, bin ja Rentner. Über 40 Jahre war ich Geschäftsmann, hatte ein Geschäft für Damen- und Herrenbekleidung in Garching bei München. Mit der Schule hatte ich nicht so viel am Hut, ich wollte nicht lernen. Danach habe ich zwar eine Fotografenlehre gemacht, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Meine Eltern hatten sich in der Textilbranche selbstständig gemacht. So bin ich dann auch ins Geschäft eingestiegen, und es blieb dabei. 32 Jahre lang hatte ich einen eigenen Laden. Als es nicht mehr so gut lief, habe ich es aufgegeben.

In Garching wusste jeder, dass ich Jude bin. Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht. Warum auch? Es wäre gar nicht möglich gewesen, schon mein Name verrät es. Antisemitismus habe ich nie erlebt, vielleicht haben die Leute hinter meinem Rücken gesprochen, aber davon habe ich nichts mitbekommen. Heute vermuten viele aufgrund meines Aussehens, dass ich Türke oder Araber bin.

Nordic Walking Ich habe ein kleines Ehrenamt. Im Jüdischen Altersheim betreue ich einen 90-jährigen Herrn, er stammt aus Lodz und ist Schoa-Überlebender. Er hat nur noch eine Tochter, die wohnt aber weiter weg, also besuche ich ihn ein- bis zweimal die Woche. Oft bin ich sonntagnachmittags bei ihm. Vorher, am Vormittag, mache ich mit zwei anderen Männern Nordic Walking. Wir treffen uns um halb neun und gehen eine Stunde zügig durch den Grüneburgpark. Jeden Donnerstagabend, wenn das Wetter es zulässt, mache ich mit meinem Schwager und dem Leiter des Jüdischen Friedhofs eine Tour mit den Stöcken. Wir sind dann etwa eine Stunde unterwegs. Zudem gehe ich sehr viel mit dem Hund raus. Und im Sommer bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. Das macht sich bemerkbar: Ich habe, seitdem ich in Frankfurt wohne, 17 Kilo abgenommen. Jahrelang war ich Funktionär bei Maccabi München, mit dem Sport selbst habe ich es aber nie so gehabt. Das hat sich geändert.

Samstags gehe ich in der Früh in die Synagoge, abends treffe ich Freunde. Zum Glück habe ich hier einen großen Bekanntenkreis. Ich habe kurz nach meinem Umzug einen jüdischen Stammtisch initiiert, der sich jeden Dienstagabend trifft. Es kommen zwischen acht und 15 Personen zusammen, lauter jüdische Menschen, die sich über alle möglichen politischen und gesellschaftlichen Themen austauschen. Ab und an gibt es auch Vorträge.

Gemeinsam mit zwei Herren habe ich zudem den Jiddisch sprechenden Klub gegründet. Diese Idee habe ich aus München mitgebracht, wo ich so einen Klub geleitet habe. Wir treffen uns einmal im Monat, jeden ersten Mittwoch, und sprechen nur Jiddisch miteinander. Auch in dieser Runde gibt es Vorträge. Einmal war Arno Lustiger da, und ich habe ihn dazu bringen können, auf Jiddisch Die Internationale zu singen. Das war wirklich toll.

Jiddisch Jede Woche, an unterschiedlichen Tagen, so wie ich es mir einrichten kann, gehe ich zu einem jungen Lehrer, um besser Jiddisch zu lesen und zu sprechen. Daran liegt mir viel. Manche meinen, dass es aussterben werde. Aber das glaube ich nicht, es gibt doch ein wachsendes Interesse daran. Ich habe eine Sammlung mit jiddischer Musik und Jiddisch synchronisierten Filmen, alten und neuen. Das meiste habe ich in Israel gekauft, ein-, zweimal im Jahr bin ich dort. Ich habe eine Rarität in meiner Sammlung: einen zehnminütigen Cowboy-Film in litauischem Jiddisch. Das hört sich sehr, sehr lustig an.

Ein sehr wichtiges Kapitel in meinem Leben sind die Jahre im DP-Camp in Föhrenwald. Ich habe früher unter anderem für die Jüdische Volkshochschule Führungen durch das ehemalige Lager gemacht. Meist sind wir nur durch drei oder vier Straßen gegangen. Wir sind vor Häusern stehen geblieben, und ich habe erzählt, wer darin wohnte und was er für ein Leben geführt hat. Zu manchen aus dieser Zeit habe ich noch immer Kontakt. Vielleicht setze ich mich eines Tages hin und schreibe ein Buch über Föhrenwald. Das ist ein Projekt, das ich gerne noch anpacken möchte.

Aufgezeichnet von Canan Topcu

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