Interview

»Heute bin ich eine stärkere Persönlichkeit«

Agata Maliszewska studiert jüdische Theologie in Potsdam. Foto: privat

Interview

»Heute bin ich eine stärkere Persönlichkeit«

Agata Maliszewska über ihren Umgang mit den Folgen des Halle-Attentats und die Streichung ihres BAföG

von Eugen El  12.01.2021 09:10 Uhr

Frau Maliszewska, Sie haben das Attentat auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 überlebt. Im Sommer 2020 wurde Ihnen das BAföG gestrichen. Wie kam es dazu?
Mein BAföG wurde gestrichen, da ich die Voraussetzungen für den Erhalt der Gelder nicht erfüllte. Als EU-Ausländerin bin ich verpflichtet, mindestens zehn Stunden in der Woche zu arbeiten, was ich im Sommer 2020 nicht machen konnte.

Sie konnten nicht arbeiten, da Sie damals am Prozess gegen den Halle-Attentäter teilnahmen und als Nebenklägerin aussagten. Was hat der Prozess in Ihnen ausgelöst?
Als der Prozess begann, traten bei mir wieder Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung auf. Es war aufreibend, mit der Person, die mich töten wollte, im gleichen Saal zu sein. Ich hatte wieder Schlafstörungen, war benommen und konnte mich überhaupt nicht konzentrieren. Ich hatte Blackouts und Flashbacks.

Wie haben Sie den Tag Ihrer Aussage erlebt?
Der Tag meiner Aussage war für mich sehr stressig. Ich fühlte mich aber in gewisser Weise erleichtert, nachdem ich Zeugnis abgelegt hatte. Es war eine starke Erfahrung, im Gerichtssaal zu sein und die Geschehnisse aus meiner Perspektive zu schildern. Heute bin ich eine stärkere Persönlichkeit.

Ist das BAföG-Amt auf Ihren Widerspruch gegen die Streichung eingegangen?
Aus meiner Sicht hat das BAföG-Amt meinen Widerspruch überhaupt nicht berücksichtigt. Ich habe mich vergessen gefühlt und war bestürzt. Ich hatte mit dem Wiederauftreten des Traumas und stressigen Situationen zu tun. Ich erhielt die Antwort, dass das von mir eingereichte medizinische Statement keine Grundlage für einen besonderen Umgang bezüglich der BAföG-Regeln darstelle.

Sind Sie enttäuscht über den unsensiblen Umgang der Behörde mit Ihrem Anliegen?
Ja, das bin ich. Für mich persönlich war es sehr schwer, irgendeine Art von Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, wurde ich weggeschickt und gebeten, die letzte Rate vom Juli zu zahlen. Ich konnte nicht glauben, dass das wirklich geschieht. Ich war am Boden zerstört.

Haben Sie Zuspruch und Unterstützung in dieser Sache erhalten?
Dank der wunderbaren Mitarbeiter der Beratungsstelle OFEK und der Mobilen Opferberatung erhielt ich finanzielle Unterstützung und Beratung zu den BAföG-Unterlagen.

Wie bewältigen Sie die traumatischen Folgen des Attentats?
Seit dem Anschlag ist mehr als ein Jahr vergangen. Der Prozess ist beendet. Im Dezember habe ich zusätzlich im Landtag von Sachsen-Anhalt Zeugnis abgelegt und hoffte, dass ich diese ganze Sache hinter mir lassen und nach vorn blicken kann.

Ist das Ihnen gelungen?
Seit Anfang Januar bin ich immer noch dabei, die BAföG-Angelegenheit zu lösen, die in ihrem Hintergrund mit dem Anschlag von Halle verknüpft ist. Diese Situation löst viele Emotionen aus und stiehlt meine Zeit. Ich glaube, dass ich erst durchatmen kann, wenn eine Einigung in der BAföG-Sache erzielt ist.

Mit der Potsdamer Studentin der jüdischen Theologie und Überlebenden des Halle-Attentats sprach Eugen El.

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