Jewrovision

Hamburg, wir kommen!

München
Jemand klatscht in die Hände. Alle setzen sich – einer neben den anderen – und schauen aufs Klavier. Sehr brav sieht das aus, wenn da nicht diese zappelnden Füße wären. Zu allen »Jujuju«- und »Jojojo«-Stimmübungen, zu den Dreiklängen rauf und runter, zappelnde Füße unter den Stühlen, die irgendwann nicht mehr zu halten sind. 16 Jungen und Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren springen auf und bieten eine Show, dass die Wände wackeln.

Nur der Platz reicht nicht, also beschließt die Gruppe, schnell umzuziehen: vom Musikraum im ersten Stock in den Robert-Wagner-Saal im Keller. Luisa Pertsovska, Musikpädagogin des Hauses, die seit vielen Jahren erfolgreich die Kinder und Jugendlichen der Münchner Gemeinde musikalisch fit für die Jewrovision macht, geht auf und ab und gibt Töne vor, nach denen man sich 100-prozentig richten kann. Dem Backgroundchor macht sie Dampf.

Hüftschwung Anastasija Kamerloh und Stanislav Kukharkov, die ein strenges Auge auf die Choreografie haben, wollen wieder und wieder diesen einen Schritt sehen, den man unbedingt mit rechts anfangen muss und »dann über Kreuz und dann schaukeln, schaukeln, schaukeln«. Sie rufen ein wütendes »Spasiba« nach hinten, wenn der Tanztrupp – Mädchen in bequemen Hosen, die in einer Ecke hocken und auf ihren Einsatz warten – zu laut quatscht. Roman kümmert sich heute mal um die CD-Einspielung, Jennys Hüftschwung ist unwiderstehlich, Alice hat Power, Bobby ist ein alter Hase im Geschäft, Mischa ebenso. Und Sonia? Wo ist eigentlich Sonia? Die ist krank.

Dreimal in der Woche proben die Münchner. Irgendwann dann auch im großen Hubert-Burda-Saal, damit sie Bühnengefühl bekommen. Liad Levy-Mousan, Jugendleiter des JuZe Neshama, gibt die Termine durch. Viel mehr als Mikrofone brauchen sie für die Proben nicht. Im Moment reichen sogar noch imaginäre Luftmikros, die sie sich wie Stars vor den Mund halten: »Wir setzen nicht auf Effekte, sondern auf die gesangliche Darbietung.« Drei Mädchen präsentieren sich im Bühnenoutfit.

»Hunderttausend Sachen haben wir anprobiert« – statt den Jeans unter den glitzernden Röcken muss man sich schicke Strumpfhosen denken. Galina Ivanizky, Projektmanagerin im Jugendzentrum, trägt seit Wochen Münchens Jewrovision-Beitrag als Ohrwurm mit sich herum. Sie denkt über den Wettbewerb nach, und über seine Zukunft. »Man könnte zum Beispiel für die Gewinner Preise einführen«, schlägt sie vor. Als Motivation. (Katrin Diehl)

Berlin
»Ihr müsst den Mund weiter aufmachen und lauter Mazel Tow singen«, fordert Lirona die Mädchen und den einzigen Jungen auf. Die Jugendlichen, die alle in Leggings und T-Shirts gekommen sind, stellen sich noch einmal auf, um Tanzschritte und Gesang perfekt zu kombinieren. Einige müssen immer wieder kichern, so dass sie sich kaum konzentrieren können. Aber dann klappt es besser.

Die Jewrovison-Truppe des Jugendzentrums Olam, Doppelsieger von 2010 und 2011, probt derzeit mehrmals die Woche im Gemeindehaus in der Fasanenstraße. 17 Mädchen und drei Jungen im Alter von 13 bis 19 Jahren sind insgesamt dabei, aber »es fehlt immer jemand«, sagt Eyal Levinsky, stellvertretender Leiter von Olam. In diesem Moment klingelt sein Handy. Ein Mädchen teilt ihm mit, ihr Zug habe Verspätung.

Anweisungen Mit Aufwärmtraining hatte die Probe angefangen. Nun sind die Muskeln warm, und die Mädchen absolvieren ihre Tanzschritte mit viel Schwung. Doch Silvana, die die Kids anleitet, ist nicht zufrieden. »Wo ist euer Oberkörper? Der muss etwas nach hinten gebeugt sein. Die Hände gerade halten. Und nie mit dem Rücken zum Publikum!« Mit energischer Stimme gibt sie Anweisungen. Dann nimmt sie sich eine 16-Jährige vor, um mit ihr noch einmal die Schrittfolge durchzugehen.

»Wir haben uns für traditionelle Musik entschieden und diese mit einer eigenen Handlung und einem eigenen Text versehen«, sagt Eyal Levinsky. Das diesjährige Thema der Jewrovision lautet Barmizwa. Der 13-jährige Simon, der im vergangenen Jahr schon eine Hauptrolle hatte, wird auch diesmal im Mittelpunkt stehen: »Mir machen die Proben total viel Spaß, und ich freue mich riesig auf den Auftritt in Hamburg«, sagt er. Die Details der Performance sind noch geheim.

Seit Januar sind er, Arthur, Lirona und Silvana dabei, gemeinsam mit den Jugendlichen das Bühnenbild, die Choreografie und die Texte zu entwickeln. Vorausgegangen war ein Casting, bei dem sich etwa 50 Jugendliche als Sänger oder Tänzer vorgestellt hatten. »Leider konnten wir nur 20 nehmen«, sagt Eyal Levinsky. Bis zum großen Tag am 1. März hat die Gruppe noch viel zu tun. Die Choreografie muss fließender werden, alle müssen sich auf den Punkt genau bewegen, und das Video, in dem sich Olam vorstellt, muss auch noch bearbeitet werden. »Aber das schaffen wir noch«, sagt Eyal Levinsky. (Christine Schmitt)

Köln
»Du solltest an bestimmten Stellen ein bisschen mehr Leidenschaft in den Text legen«, sagt George Weiss und erklärt dem jungen Mädchen, was genau er meint. Beim nächsten Durchlauf des Liedes nickt der 64-Jährige anerkennend, zieht sich seine Schürze zurecht und verschwindet wieder in der Küche.

»Sehr hilfreich und interessant«, nennt Mary Brunck dankbar die Ratschläge des ehemaligen Kochs der Synagogen-Gemeinde, der gelegentlich an seinem alten Arbeitsplatz aushilft und gerade die Probe des Teams Jachad verfolgt hat. Die Jugendleiterin motiviert die Gruppe daraufhin erneut. Die Mädchen gruppieren sich um den Flügel im Gemeindesaal der Synagogen-Gemeinde Köln und stimmen das nächste Lied an.

Titelverteidigung »Wir wollen unsere Gemeinde und unsere Stadt gebührend vertreten, schließlich dürfen wir als Gewinnerstadt des letzten Jahres die Jewrovison mit einem Einführungs-Act eröffnen«, sagt Gesangslehrerin Ina Sokol. Doch das eigentliche Ziel heißt Titelverteidigung. Dreimal haben die Kölner den Wettbewerb für sich entscheiden können, und auch dieses Jahr rechnen sie sich wieder gute Chancen aus.

Szenenwechsel nach der Gesangsprobe: Im Herzen von Köln hat die Tanzschule Schulerecki den Tänzern wieder kostenfrei Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, um für ihren großen Auftritt in Hamburg zu proben: »Ich glaube, dass wir eine Darbietung haben, die voller Freude und Gefühl ist und die das Motto Barmizwa richtig gut trifft«, sind sich die Tänzer einig. Die Botschaft ihres Auftritts: »We can change the world bejachad!« (Ulrike Gräfin von Hoensbroech)

Frankfurt Am Main
Amichais Video ist schon lange im Kasten – und so viel darf man verraten: Die jungen Schauspieler schaffen es, heftigste Emotionen auf die Leinwand zu bringen. Seit November laufen die Proben in Frankfurt am Main. Und die Jugendlichen spüren: Langsam wird es ernst, nur noch zwei Wochen sind es bis zum großen Auftritt in der Hansestadt.

Zwi Bebera, Leiter des Jugendzentrums, ist hoffnungsvoll: »Das ganze Jugendzentrum fiebert dem Event entgegen. Jede Stadt hat ihre eigene Identität. Mir fällt auf, dass Frankfurter im Vergleich zu Teilnehmern aus anderen Gemeindestädten als sehr selbstbewusst wahrgenommen werden. Ich kann nur hoffen, dass durch unsere Show unsere Vision, unser Engagement für die Sache, die monatelangen Proben und die Auseinandersetzung mit dem Thema Barmizwa transparent werden. Ganz bewusst haben wir einen anspruchsvollen Song gewählt. Wir wollen eine faire Chance, um uns hervorzuheben. Wir haben beim Dreh des Videos, bei den Kostümen und beim Bühnenbild wirklich keine Mühen gescheut.«

Zwei »Amichai-Busse« starten am 28. Februar von der Mainmetropole aus in den Norden. Eltern dürfen nicht in diesen Bussen mitfahren: Die Jugendlichen sollen unter sich sein. Direkt vor Ort, im Congress Center Hamburg, werden die jugendlichen Künstler dann aber von vielen Angehörigen und Fans empfangen. Der Wunsch ist groß, dass die Show so ankommt, wie es sich die Jugendlichen vorgestellt haben. Hinter dem kurzen Bühnenauftritt stecken schließlich vier Monate harte Arbeit. (Channah Trzebiner)

Kartenreservierung per Mail unter jewrovision@zentralratdjuden.de oder telefonisch unter 030/ 28 44 56 0.

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