Köln

Gottesdienst unter Polizeischutz

Polizeiautos vor der Kölner Synagoge in der Roonstraße Foto: Constantin von Hoensbroech

»Es ist so bedrückend.« Die Betonung liegt auf »so«, und das »o« zieht das Gemeindemitglied der Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) besonders in die Länge. Niedergeschlagen blickt der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, auf die Kolonne von Einsatzfahrzeugen und Mannschaftswagen der Polizei, die auf der Fahrbahn gegenüber dem Gotteshaus an der Roonstraße aneinandergereiht stehen.

Selbst in einigen Zufahrtsstraßen zu dem Gebäude im neoromanischen Stil stehen Polizeibeamte. Zu groß ist die Sorge, dass sich gewaltbereite und oder antisemitische Protestler aus der im Herzen der Innenstadt soeben aufgelösten Palästinenser-Demonstration lösen und vor der Synagoge ihrem Hass auf Israel freien Lauf lassen. »Was macht das nur mit unseren Kindern?«, fragt das Gemeindemitglied und weist darauf hin, dass die jungen Gemeindemitglieder durch die Bedingungen der Pandemie doch ohnehin schon erheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Nun kommt das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung – in ganz Deutschland – hinzu.

Alarmbereitschaft Die Ereignisse in anderen nordrhein-westfälischen Städten in den Tagen zuvor, wie beispielsweise in Bonn, Düsseldorf und vor allem Gelsenkirchen, hatten die verantwortlichen Sicherheitskräfte, auch innerhalb der SGK, in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Wie berechtigt die Sorge war, ließ sich beobachten, als die Polizei die Demonstration aufgrund der Nichteinhaltung von Corona-Auflagen auflöste. Besonders aufgeheizt und aggressiv wurde die Stimmung unter den rund 800 Teilnehmern – offiziell angemeldet waren 300 bis 400 Personen –, als die Einsatzkräfte die grölende Menge zum Bahnhof begleitete.

»Ich hatte eigentlich gerade einige schöne Tage in Israel«, sagt das Gemeindemitglied. Dort habe es die wiedergewonnenen Freiheiten nach der weitestgehenden Aufhebung der Einschränkungen des öffentlichen Lebens genossen. Dann reiste der Mann in dem Moment ab, als das Land erneut aus dem Gaza-Streifen angegriffen wurde. »Nun mache ich mir ständig Sorgen um Freunde und Angehörige und habe auch noch täglich hier mit dieser Situation zu tun«, sagt der Mann und setzt mit spürbarer, ja geradezu sichtbarer Müdigkeit hinzu: »Einfach bedrückend.«

Der vergangene Schabbat war in der Tat besonders intensiv für die Synagogen-Gemeinde. Nachmittags die stundenlangen Patrouillen der Polizei und die ständige Sorge vor einem Akt der Aggression gegen die Gemeinde. Vormittags hingegen gab es ein besonderes Zeichen der Solidarität. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) nahm gemeinsam mit seiner Frau am Gottesdienst teil. »Das vom Besuch ausgehende Signal ist für die jüdische Gemeinschaft in Köln und ganz Nordrhein-Westfalen bedeutsam. Es unterstreicht die Solidarität und Verbundenheit von Herbert Reul und der Landesregierung mit den etwa 4000 Mitgliedern der Synagogen-Gemeinde Köln«, betonte der vierköpfige Vorstand der Gemeinde in einer Erklärung.

Meldestelle Ob das von diesem Besuch »ausgehende Zeichen« ankommt? Die Verantwortlichen der Kölner Meldestelle für Antisemitismus, die erst vor zwei Monaten ihre Arbeit offiziell aufgenommen hat, berichten, dass sie bereits zahlreiche Meldungen über die unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Antisemitismus in Köln erhalten haben. Vor zwei Wochen waren in der Kölner Innenstadt drei Stolpersteine, die an deportierte und ermordete Kölner Juden erinnern, mit den Buchstaben der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS beschmiert worden.

Ein wiederum bedrückender Befund – zumal in eben der Stadt, die so viel Wert auf ihr jüdisches Erbe mit der nachweislich ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen legt. Besonders von Köln soll doch eigentlich im aktuell laufenden Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« ein nachhaltiges Signal der Verbundenheit ausgesendet werden. Nun steht auch Köln in der Reihe von deutschen Städten und Gemeinden, die mit Antisemitismus verbunden werden. Bedrückend.

Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg über den neu gegründeten Verband jüdischer Pädagogen, Ausbildung von Lehrern und Fakten statt Meinungen

von Katrin Richter  22.06.2026

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026

Berlin

Kampflibellen am BER

Bei der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Schönefeld haben auch israelische Firmen die neueste Technik vorgestellt. Ein Besuch zwischen Kraftstofftanks und Drohnenabwehr

von Leon Stork  18.06.2026

Nordrhein-Westfalen

Landtag ehrt Sieger von »Shalom - Jüdisches Leben heute«

Mehr als 2200 junge Menschen haben mit mehr als 450 Beiträgen jüdisches Leben greifbarer gemacht

 17.06.2026