Tourguides

Go-Area Neukölln

Dieser Platz steht symbolisch für den Widerstand gegen die Diktatur der Nationalsozialisten», sagt Ariel Nil Levy und deutet auf das Straßenschild: Alfred-Scholz-Platz. Alfred Scholz war Sozialdemokrat und ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus, erzählt Levy weiter. 1920 war er zum ersten Bezirksbürgermeister von Neukölln gewählt, 1933 von den Nazis aus seinem Amt gedrängt worden.

Seit 2014 trägt der belebte Platz an der Karl-Marx-Straße im Herzen des Berliner Bezirks Neukölln den Namen des SPD-Politikers. «Ich beginne hier gerne unsere Tour – man ist sofort mitten im Geschehen», erklärt Levy. Seine Kollegin Lamiya Nadir nickt zustimmend.

projekt Der jüdische Israeli und die muslimische Aserbaidschanerin sind Stadtführer. Nicht, weil es ihr Beruf ist – Levy ist Schauspieler und lebt seit 17 Jahren in Deutschland, Nadir ist vor ein paar Jahren aus Aserbaidschan nach Berlin gekommen und arbeitet als Deutschlehrerin in Integrationsklassen. Das evangelische Projekt «Crossroads» hat beide als Stadtführer ausgebildet.

Seit nunmehr drei Jahren zeigen Levy und Nadir Touristen den Bezirk, in dem beide auch leben und arbeiten. Interessierten gemeinsam «ihr» Neukölln nahezubringen, ist für beide eine Herzensangelegenheit, wie sie sagen. «Für die Leute ist es etwas Besonderes, dass wir zusammen diese Tour veranstalten. Wenn sie hören, dass wir, der Jude und die Muslimin mit dem Kopftuch, Freunde sind, staunen sie oft nicht schlecht. Manche können sich das gar nicht vorstellen», sagt Nadir.

An diesem sonnigen Nachmittag führen die beiden Stadtführer eine zehnköpfige Reisegruppe aus einer Hamburger Kirchengemeinde durch Neukölln. «Von Neukölln hört man ja so einiges: Viele Migranten, eine hohe Kriminalitätsrate, aber auch eine lebhafte junge Kunst- und Kulturszene soll es hier geben – wir wollten uns selbst einmal ein Bild machen», begründet Annette Müller das Interesse. Sie ist die Pastorin der Kirchengemeinde und hat die Tour über «Crossroads» gebucht.

gentrifizierung «Es ist gut, dass Sie alle schon ein paar Vorstellungen von Neukölln haben – einiges werden wir bestätigen können, andere Dinge werden wir rigoros als Vorurteile entlarven», erklärt Levy lächelnd. Auf der Tour werde man sich die soziokulturellen Veränderungen im Bezirk anschauen und die religiöse Vielfalt näher unter die Lupe nehmen. Unter anderem sind der Besuch einer Moschee und eines Hindu-Tempels geplant.

Vom Alfred-Scholz-Platz schlendert die Gruppe die Rollbergstraße hinauf bis zur ehemaligen Kindl-Bierbrauerei. Vor dem weithin sichtbaren Turm des historischen Sudhauses bleiben die Stadtführer stehen. «In den Räumen des aus der Weimarer Zeit stammenden Gebäudes befindet sich heute auf Initiative eines Schweizer Investors ein Zentrum für zeitgenössische Kunst», erläutert Levy. Wenn man bedenke, dass Neukölln historisch immer ein Arbeiterstadtteil war, sei das schon eine interessante Entwicklung, meint der Tourguide.

Aber nicht nur die Bestimmung des alten Sudhauses hat sich geändert. Das gesamte einstige Brauereigelände ist im Wandel: Ein internationales Künstlerkollektiv hat sich hier angesiedelt, direkt daneben befindet sich mit dem «SchwuZ» Berlins größter schwul-lesbischer Klub, bald schon sollen auf dem Gelände Luxusapartments entstehen. «Die Gentrifizierung ist in Neukölln in vollem Gange. Der Charakter des Bezirks ändert sich Schritt für Schritt», sagt Nadir.

synagoge Bevor es weiter zur Kaffeepause ins kuschelige Café Ole geht – das einzige Café in Berlin, das von einem Gehörlosen betrieben wird, ist an sich schon ein Neuköllner Unikum –, bleiben Levy und Nadir vor dem Haus in der Isarstraße Nummer acht stehen. Eine an der Hauswand befestigte Gedenktafel gibt einen ersten Hinweis darauf, warum hier ein Stopp angebracht ist. Hier befand sich von 1907 bis 1938 die Synagoge des 1896 gegründeten «Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf». Vereinsrabbiner Georg Kantorowsky konnte noch 1940 der drohenden Deportation entkommen und mit seiner Frau über Schanghai nach San Francisco emigrieren.

«Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Neukölln eine große jüdische Bevölkerung. Viele jüdische Migranten aus Osteuropa siedelten sich hier an. Die Wohnungsmieten waren erschwinglich, und es gab Räume für die Textilwirtschaft», erklärt Stadtführerin Nadir. Die Synagoge des heute nahezu in Vergessenheit geratenen jüdischen Betervereins wurde während der Pogromnacht vom 9. November 1938 angezündet und brannte fast vollständig aus. Im Innenhof ist nur noch ein Teil der Frauenempore zu sehen.
«Leben denn heute noch Juden in Neukölln?», will eine Tour-Teilnehmerin wissen. «Seit einigen Jahren kommen viele junge Israelis nach Berlin, und viele von ihnen ziehen nach Neukölln», antwortet Levy.

Der Israeli steigt in die Debatte um Neukölln als vermeintliche No-Go-Area für als jüdisch erkennbare Menschen ein. Er weiß, dass viele Gemeindemitglieder Angst davor haben, sich hier offen als Juden zu erkennen zu geben – wegen der hohen muslimischen Bevölkerungszahl und der antisemitischen Übergriffe, die es im Bezirk gab.

angst Seine Erfahrung ist eine andere. «Als Jude fühle ich mich sicher, wenn ich im Bezirk unterwegs bin. Ich will mich nicht von diffusen Ängsten leiten lassen. Man braucht hier einfach keine Angst zu haben», so Levys Einschätzung. Er selbst trage zwar im Alltag keine Kippa, auch einen Davidstern habe er nicht sichtbar um den Hals hängen. Einen ganzen Bezirk als No-Go-Area zu betiteln, halte er aber für die falsche Diskussion.

Und überhaupt: Wenn ihn jemand dumm anmachen sollte, wisse er sich schon zu wehren. «Ich will jemand sein, der Brücken baut, und nicht jemand, der Vorurteile und Ängste schürt», sagt der Schauspieler. Deshalb sei es ihm als Guide wichtig, das multikulturelle Neukölln zu zeigen.

Am Ende der Tour stehen die Stadtführer mit ihrer Gruppe am Hermannplatz. Die Besucher aus der Hansestadt nehmen viele neue Eindrücke und Informationen mit. «Ich fand die Tour überaus spannend. Vor allem diese Vielfalt hier im Bezirk hat mir gefallen», sagt eine Teilnehmerin. Der Rundgang durch Neukölln hat den Besuchern einen neuen Blick auf die «No-Go-Area» eröffnet – dank der Geschichten hinter den Orten, aber auch nicht zuletzt wegen des interreligiösen Guide-Tandems.

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