Ehrung

»Glücksfall für unsere Stadt«

Rachel Salamander (2.v.l.) mit dem Historiker Julius H. Schoeps (l.), Oberbürgermeister Dieter Reiter und Elke-Vera Kotowski, Chefkuratorin der Moses Mendelssohn Stiftung Foto: Michael Nagy/Presse- und Informationsamt München

So festlich, wie sich der Saal im Alten Rathaus vergangene Woche präsentierte, mit fein gedeckten Tischen, die jeweils einer jüdischen Frau von Format – wie Rose Ausländer, Hilde Domin, Else Lasker-Schüler und Rahel Varnhagen – gewidmet waren, stand eine große Feier bevor. Sie galt der Münchner Ehrenbürgerin Rachel Salamander.

Die Literaturwissenschaftlerin und Pu­blizistin, die im Herbst 1982 mit der Gründung der Literaturhandlung im Universitätsviertel ein neues Kapitel jüdischer Geistesgeschichte, Wissensvermittlung und Buchkultur aufschlug, wurde zu ihrem 75. Geburtstag mit einem großen Fest, einer besonderen Auszeichnung und der Anwesenheit vieler Freunde und Wegbegleiter aus den vergangenen 40 Jahren beschenkt.

Schon am Treppenaufgang hatte die Jubilarin versucht, so viele Gäste wie möglich persönlich zu begrüßen: Charlotte Knob­loch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, IKG-Vizepräsident Yehoshua Chmiel und Tochter Ariella, die Geschäftsführerin der Literaturhandlung, die Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, den Schriftsteller Albert Ostermaier, der ihr 2022 zum 40. Jubiläum der Literaturhandlung eine Ode widmete, Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, den Gastronomen Charles Schumann, Alt-OB Christian Ude, die Historiker Dan Diner und Michael Wolffsohn, Stadträte und Schauspieler und nicht zuletzt Vertreterinnen der Monacensia, der sie 2022 ihren Vorlass überließ.

Darin hatte sie Materialien aus vier Jahrzehnten gesammelt: Schriftwechsel mit Gästen der Literaturhandlung, Texte, Mitschnitte und Fotos, die Amos Oz, Saul Friedländer oder Hans Jonas, Marcel Reich-Ranicki, Hilde Spiel und Grete Weil zeigen. Salamanders damaliger Kommentar zur Übergabe, »Im Grund handelt es sich um ein Bild des jüdisch-deutschen Geisteslebens nach 1945«, galt auch an diesem Abend. Wer nicht (mehr) persönlich an diesem Festakt teilnehmen konnte, erschien in einem Bilderreigen an der Saalwand.

Oberbürgermeister Dieter Reiter erinnerte in seinem Grußwort an die Auszeichnungen, die Rachel Salamanders Tätigkeit während der vergangenen Jahrzehnte würdigten: Zum 50. Geburtstag habe sie für ihre außergewöhnliche Leistung den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München erhalten, zum 70. sei die Ehrenbürgerwürde, die höchste städtische Auszeichnung überhaupt, hinzugekommen. Sie sei »ein Glücksfall für unsere Stadt« und habe München mit ihrer »einmaligen Sammlung von höchstem kulturgeschichtlichen und wissenschaftlichen Wert ein unglaublich schönes Geschenk gemacht«.

Nun wurde die Schenkende zum 75. Geburtstag selbst beschenkt: mit der Moses Mendelssohn Medaille, die seit 1993 an Persönlichkeiten verliehen wird, »die sich im Sinne und in der Tradition des Denkens von Moses Mendelssohn für Toleranz und Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert haben«.

Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro stiftet Rachel Salamander der Monacensia.

Darauf wies der Historiker Julius H. Schoeps, ein Nachfahre des Namensgebers Mendelssohn, bei der Übergabe hin. Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro stiftete Salamander sogleich der Monacensia und belegte damit, was der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel in seiner von analytischer Kraft und persönlicher Verbundenheit getragenen Laudatio schon zum Ausdruck gebracht hatte.

Vor dem Hintergrund beklemmender Sprachlosigkeit in Deutschland habe Rachel Salamander auf singuläre Weise dazu beigetragen, »den Dialog in diesem Land wieder zu ermöglichen, und zwar auf jenem intellektuellen, moralischen und emotionalen Niveau, das die entscheidende Bedingung seines Gelingens war und bleibt«. Salamanders Lebenswerk sei auf besondere Weise mit einer moralischen Idee verbunden: »der des Friedens«.

Die viel gelobte Rachel Salamander weiß, und so begann sie ihre Danksagung: »Es liegt in der Natur von Ehrungen, dass sie auszeichnen, was vergangen ist. Ich hatte das Glück, im Schatten von Auschwitz, in einem der besten Deutschlands der Geschichte aufzuwachsen.« Und sie fuhr fort: »Ich besaß, um mit Schiller zu reden, die schöpferische Freiheit, etwas Neues in die Welt zu bringen.« Die aktuelle Ehrung falle jedoch in eine Zeit, »wo nichts mehr so ist, wie es war, als ich mit meiner Arbeit begann«, resümierte Salamander, die nie naiv war, sondern »mit einem Frühwarnsystem geboren«.

Der 7. Oktober 2023 habe unmissverständlich klargemacht, dass es auch aktuell keine jüdische Generation ohne Verfolgung und Vernichtung gebe. Salamander ging in ihrem Pessimismus angesichts von Entzweiungen und Cancel Culture so weit zu sagen: »Das Gespräch der Verschiedenen, das mir am Herzen lag, ist Vergangenheit.« Sie stellte fest: »In einem Klima, in dem die jüdische Existenz attackiert wird, gibt es für sie keine schöpferische Freiheit.«

Kein Blatt vor den Mund nehmend angesichts der ernsten Lage dankte Rachel Salamander für die Auszeichnung mit der Moses Mendelssohn Medaille und zitierte den Namensgeber, der einst sagte: »Ich handle mit Vernunft.« An diesem Lebensmotto will auch die Geehrte unbeirrt festhalten.

Erinnerung

Verantwortung lebt weiter

In Dachau fand kurz vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag erstmals ein »March of the Living« statt

von Esther Martel  09.02.2026

Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

»Sich be-kennen«: Der Zentralrat der Juden bietet einen interaktiven Onlinekurs über die Vielfalt des Judentums für Schulen und interessierte Gruppen an

von Helmut Kuhn  09.02.2026

Berlin-Neukölln

Kritik am Kandidaten

Ahmed Abed sorgte jüngst für einen Eklat, als er einen israelischen Gast als »Völkermörder« beschimpfte. Doch bei der Linkspartei steht der Politiker mit palästinensischen Wurzeln hoch im Kurs

von Imanuel Marcus  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Berlin

Lesen, Lernen, Spaß

Der Saftblatt-Baum stand im Mittelpunkt der Erzählstunde des Projekts PJ Library

von Naomi Gronenberg  08.02.2026

Wettbewerb

»Kein Reichtum ist größer«

Aus 13 Ländern kamen Jugendliche zum europäischen Finale des Bibelquiz Chidon Hatanach in München

von Esther Martel  08.02.2026

Porträt der Woche

Der Geheimnisträger

Leonid Komissarenko war Rüstungstechniker – und emigrierte, um seine Frau zu retten

von Anja Bochtler  08.02.2026

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026