Berlin

Glauben im Einklang

Das Aletchko-Duo begeisterte mit israelisch-orientalischen Klängen. Foto: Marco Limberg

Sie drehen sich, immer mehr, immer schneller. Die Augen sind meditativ verschlossen, die Arme weit ausgestreckt. Das wallende weiße Gewand schwingt im Rhythmus der Drehung mit. »Dass denen nicht schwindlig wird«, flüstert ein Mann im Publikum seiner Sitznachbarin ins Ohr.

Sich tanzend immer wieder um die eigene Achse zu drehen, ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Für einen trainierten Derwisch aber ist das kein Problem. Der sogenannte Sema-Tanz sei eine Form des meditativen Gebets und Teil der islamischen Sufi-Tradition, erklärt Ersin Cicek, einer der »drehenden Derwische«, nach der tänzerischen Darbietung auf der Bühne vor einem gut gefüllten Saal.

Die Gruppe trat als einer der vielen künstlerischen Acts an diesem sommerlich heißen Sonntag im Rahmen von »Faiths in Tune« auf – die Werkstatt der Kulturen in Neukölln hatte zum ersten Festival der Religionen in Berlin geladen.

konzept »Interreligiöser Dialog funktioniert am besten, wenn man sein Gegenüber nicht zuerst als Angehörigen einer bestimmten religiösen Gemeinschaft wahrnimmt, sondern als Mensch. Über die Musik wollen wir das Gespräch und den Respekt zwischen Menschen verschiedener Glaubensrichtungen fördern«, erklärt Festivaldirektorin Anja Fahlenkamp.

Mit ihrem Verein »COEXIST – Interfaith Music Festival« hat die 25-Jährige das Fest auf die Beine gestellt. Nachdem die gebürtige Berlinerin bereits in ihrer Studienstadt London mehrere Festivals organisiert hat, bei denen Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten miteinander feiern, wollte sie die Idee auch in Berlin umsetzen.

»Schon seit Langem setze ich mich gegen Rassismus und für Dialog ein. Ich weiß selbst, was es heißt, einer religiösen Minderheit anzugehören«, begründet Fahlenkamp, Tochter des Berliner Kantors Jochen Fahlenkamp, ihre Motivation.

Wie in der britischen Hauptstadt stieß das Konzept auch in Berlin auf großes Interesse. So war der Veranstaltungssaal bei allen Vorführungen gut besucht, ebenso wie der »Markt der Vielfalt« im Innenhof, wo sich die verschiedenen Religionsgemeinschaften mit Informationsständen vorstellten und kulinarische Spezialitäten anboten. Familien mit Kindern gehörten zu den Besuchern, aber auch viele ältere Berliner.

duo Das Musikprogramm war so bunt wie vielfältig: Neben den tanzenden Derwischen konnten die Gäste den Klängen eines Gesangsduos der Bahai zuhören oder die Rhythmen hinduistischer, alevitischer, buddhistischer und schintoistischer Musiker kennenlernen. Neben christlichen Chorälen waren auch Rastafari-Bands, Hare-Krishna-Gesangsgruppen und Sänger der afro-brasilianischen Candomblé-Religion vertreten.

Auch das jüdische Aletchko-Duo begeisterte mit seinen originellen Kompositionen klassischer, osteuropäischer und israelisch-orientalischer Rhythmen.

»Für mich als jüdischer Musiker ist es wichtig, ein Projekt zu unterstützen, das Menschen zusammenbringt und zum multikulturellen Miteinander beiträgt – und genau das ist der Gedanke beim Festival der Religionen«, sagt Alexej Kochetkov, Geigenvirtuose und einer der beiden Protagonisten des Musikerduos.

verständigung Organisatorisch ermöglicht wurde der kostenfreie Besuch des Festivals durch Fördermittel der Berliner Lottostiftung. Die Gelder dafür kamen auch dank Unterstützung aus der Politik zusammen. Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte sich seit Langem für ein interreligiöses Sommerfest eingesetzt.

Als er von Anja Fahlenkamps Projekt der »Faiths in Tune« hörte, war er sofort Feuer und Flamme. »In einer Stadt wie Berlin, in der Menschen so vieler Religionen zusammenleben, ist interkulturelle Verständigung besonders wichtig«, sagte der Politiker in seiner Rede zur Eröffnung des Fests.

Es sei Aufgabe seiner Generation, die bestehenden Gräben zwischen den Religionen und Kulturen in der Stadt zu überwinden. Einen besseren Weg als über das gemeinsame Feiern könne es gar nicht geben, so Saleh.

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 5. Februar

 28.01.2026

Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Sie würden uns zurufen: »Wehrt euch gegen diesen Hass! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen«

von Avitall Gerstetter  28.01.2026

Berlin

Feuer im Jüdischen Krankenhaus: Kein antisemitisches Motiv

In der Nacht kommt es zu einem Feueralarm. Ein Patient steht im Verdacht, einen Brand verursacht zu haben. Viele Details sind weiterhin unklar

 28.01.2026 Aktualisiert

Gedenken

Union Berlin und Hertha BSC gedenken gemeinsam der Holocaust-Opfer

Am internationalen Holocaust-Gedenktag erinnerten die beiden Stadtrivalen Hertha BSC und Union Berlin gemeinsam an die Deportationen, die in der NS-Zeit vom S-Bahnhof Grunewald ausgingen Beide Vereine mahnten zum Vertrauen in die Demokratie

 27.01.2026

Gedenken

Iris Berben erinnert an Schoa-Überlebende Margot Friedländer

Die Schauspielerin engagiert sich im Projekt »Ich bin Zweitzeugin von...«. So soll die Erinnerung an die Überlebenden des Holocaust wach bleiben

von Anita Hirschbeck  27.01.2026