Die Gitarre heißt Hans. Und dass sie sich trotz alledem so gut gehalten hat, hat auch mit ihrem Erbauer zu tun, der sie kräftig »mit Hippermann-saurem Kali« einbeizte – und der ebenfalls Hans hieß. Hans, der Erbauer, hatte das »Kali« eigentlich für sich selbst vorgesehen, gegen mögliches Halskratzen, zum »Gurgeln«. Jetzt aber ist »alles Kali … verbraucht«, und die Politur steht an: mit »Franzbranntwein« und einem »Schellackersatz«.
Die Gitarre zeigt sich aufrecht stehend auf einem tischhohen, weißen Quader. Unten am Korpus gehalten von einem kleinen metallenen Ständer und geschützt unter einer Glashaube ist sie in der Mitte des weiträumigen Ausstellungsraums in der ersten Etage des Jüdischen Museums München (JMM) zu sehen. Einige ihrer Saiten hängen lose. Das Instrument ist eines der Exponate der sich über zwei Stockwerke erstreckenden, ebenso vielschichtigen wie aufregenden Ausstellung Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis.
Zusammenarbeit des Jüdischen Museums Wien mit dem Jüdischen Museum München
Die Schau ist in Zusammenarbeit des Jüdischen Museums Wien mit dem Jüdischen Museum München entstanden. Nachdem sie zunächst in Österreich zu sehen war, wird sie noch bis zum 1. März in der bayerischen Hauptstadt gezeigt. Für das dortige Museum wurde sie von Ulrike Heikaus und Yuval Schneider, Kuratorinnen des Hauses, um Exponate mit Bezug zu München sowie Arbeiten von lokalen Künstlerinnen und Künstlern erweitert. Hans, die Gitarre, wurde dafür aus dem Depot geholt.
Yuval Schneider ist seit zwei Jahren wissenschaftliche Volontärin am JMM. In dieser Zeit, so erzählt sie, sei immer wieder von einer Gitarre die Rede gewesen. Das Instrument war 2015 als Schenkung ins Haus gekommen. Man wusste, dass es aus dem KZ Theresienstadt stammte, von dort durch die Überlebende Franziska Schneidhuber, geborene Wassermann, nach München gebracht worden war und nach deren Tod dem Jüdischen Museum geschenkt wurde. Man habe damals, so erzählt Ulrike Heikaus, erst einmal »nur grob« über die Hintergründe recherchiert.
Es vergingen Jahre. Dann standen erste Planungen zur Ausstellung Die Dritte Generation an. Man stellte Überlegungen an, welche Objekte aus der eigenen Sammlung als Exponate infrage kommen könnten, und Lilian Harlander-Pilcher, die Sammlungsleiterin des JMM, brachte die Gitarre ins Gespräch. »Das Instrument wurde wieder nach vorn geholt, und wir erkannten auf einmal, welchen Schatz wir da hatten«, so Heikaus.
Auf einem von ihm beschrifteten Blatt lässt ihr Erbauer die Gitarre sprechen.
Immer wieder umkreisen Besucherinnen und Besucher der Ausstellung die Gitarre, beugen sich vor, rücken ihre Brillen zurecht, legen die Köpfe schief und versuchen zu entziffern. Auf der Informationstafel zum Exponaten-Ensemble, zu dem neben der Gitarre noch ein Instrumentenbeutel, ein paar Stoff- und Ledergurte, Riemen, ein schön verziertes Döschen mit Pflegemittel, Ersatzsaiten sowie ein kleines aufgestelltes Büchlein gehören, heißt es: »Diese Gitarre erzählt eine besondere Geschichte. Gebaut wurde sie 1943 von dem Architekten Hanuš (Hans) Smetana im Getto Theresienstadt. (…) Auf der Vorderseite der Gitarre ließ er viele Mithäftlinge unterschreiben.« Das aufgestellte Büchlein gibt den Blick frei auf eine handgeschriebene, in der Mitte gefaltete Seite.
Von Hanuš Smetana weiß man, dass er 1899 in der mährischen Stadt Ostrau, dem heute tschechischen Ostrava, geboren wurde. Er kam aus einer jüdischen Familie, hatte zwei ältere Brüder, der Vater war Bildhauer. Hanuš Smetana heiratete Melita Smetanová, geborene Willheim. 1939 zogen beide nach Prag. Hanuš Smetana arbeitete dort als Architekt. Im August 1942 wurden sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie überlebten dort zwei Jahre lang, 1944 wurden sie erneut deportiert, und zwar in das Vernichtungslager Auschwitz. Melita wurde kurz nach der Ankunft ermordet, Hanuš stirbt wenig später im Häftlingskrankenbau des KZ Buchenwald.
»Wir wissen«, sagt Yuval Schneider, »dass sie eine Nichte und einen Neffen hatten, wir wissen, dass alle Familienmitglieder ermordet wurden, dass es von beiden Seiten weder Überlebende noch Nachfahren gibt«.
Auf der Rückseite der Gitarre ist die Transport- oder Häftlingsnummer »B.a. 879« eingeschrieben
Sehr ordentlich hat Hanuš Smetana auf der Rückseite der Gitarre und auf den Gitarrensack die Nummer »B.a. 879« eingeschrieben, seine Transport- oder Häftlingsnummer. Irgendwann und irgendwo hat jemand in Theresienstadt mit ihr für die Häftlinge Musik gemacht. Dank einiger beschrifteter Seiten, einem sogenannten Ego-Dokument, erfahren wir auf sehr besondere Weise mehr, erfahren Genaueres, zum Beispiel auch über das Datum, an dem das Saiteninstrument vollendet und zum Gebrauch fertiggestellt worden sein soll.
Auf dem von ihm selbst in deutscher Sprache beschrifteten Blatt lässt Hanuš Smetana die Gitarre sprechen. Er gibt ihr seine Stimme – obwohl eine Gitarre natürlich keine Auskunft geben kann. Hans, die Gitarre, spricht und erinnert damit an sprechende, zu Wesen werdende »Dinge«, wie wir sie zum Beispiel aus Kinderbüchern kennen. Die Gitarre erzählt, wie sie entstanden ist, und gibt damit einen kleinen, kurzen Einblick in das Alltagsleben im Ghetto Theresienstadt, das voller Improvisationen und Überlebensstrategien steckte.
Das Ganze erinnert an einen Geburtsbericht: »Ich bin die erste Guitarre, die im Ghetto Theresienstadt gezeugt wurde. Ich heisse (!) ›Hans‹ wie mein Herr und Erzeuger. Am 26. Febr. 1943 bin ich geboren worden und sah nach 56 Stunden Arbeit das Licht des Ghettos und gab den ersten Ton von mir, der aber noch nicht sehr rein war.«
Hans, die Gitarre, berichtet, dass ihre Vorder- und Rückseite aus zwei Sperrholzplatten gezimmert worden war, die zuvor als »Kastenfüllung« gedient hatten. Die Wirbel waren ursprünglich Teil eines Waschtrogs. Einiges für den Bau wurde aus dem »Kehrichthaufen« geangelt. Es folgen Erklärungen zum »Kleid«, gemeint ist die Sackhülle, zu den Schrauben und vielem mehr.
»Meinem Herrn und Erzeuger will ich treu dienen und dankbar sein, dass ich lebe«
Am Ende heißt es in einer sehr gegenwärtig bleibenden Direktheit, als gebe es kein Morgen: »So bin ich entstanden, ja liebe Menschen, ich hoffe, recht lange gesund zu bleiben und euch allen recht viel Freude zu bereiten. Meinem Herrn und Erzeuger will ich treu dienen und dankbar sein, dass ich lebe. ›Hans‹, die Guitarre. Theresienstadt, 24. II. 1943«.
In Zukunft wird sich der Blick auf zurückgelassene »Objekte« ändern müssen.
»Von diesem Dokument geht sehr viel Faszination aus«, sagt Ulrike Heikaus, »so etwas habe ich in dieser Form noch nie gesehen.« Gerade mit dem Wissen, das man heute habe, auch darüber, was aus den Menschen im KZ und Hanuš, dem Erbauer, geworden sei, »wie er starb …, da bekommt das alles eine Dimension, bei der ich schon sagen würde, dass das eben auch darauf hinweist, wo die Zukunft des Erinnerns hingeht«, fügt sie hinzu. Institutionen, Museen, vor allem jüdische, hätten die Aufgabe, »diesen Objekten« Platz zu geben, sie zu bewahren und »ihnen auch eine Stimme zu verleihen«.
Eine Besucherin benutzt die Fotofunktion ihres Handys, um zu »vergrößern«. Die mehr als 30 feinlinigen Unterschriften auf der Instrumentendecke erkennt nur, wer genau hinsieht. Oben, unten, rechts und links – überall sind Namen zu lesen. Franziska Schneidhuber findet sich ebenfalls eingeschrieben, ferner die Namen der Musiker und Komponisten Egon Ledeč und Franz Eugen Klein sowie die der Kabarettisten Robert »Bobby« John, Hans Hofer, Karel Švenk.
Zeugnis und Zeuge der Vergangenheit, der Schoa, des Lebens und Sterbens im Ghetto Theresienstadt
Auch diese kreuz und quer gesetzten Schriftzüge spiegeln auf ihre Art die besondere Geschichte dieser Gitarre wider. Sie ist Zeugnis und Zeuge der Vergangenheit, der Schoa, des Lebens und Sterbens im Ghetto Theresienstadt. Und da ist längst noch nicht alles erzählt und entziffert.
Bei der zukünftigen Erinnerungskultur werde sich auch, so Ulrike Heikaus, der Blick auf zurückgelassene »Objekte« ändern müssen. »Sie übernehmen in gewisser Weise eine Funktion«, sagt sie und betont, dass die Spuren, die Menschen auf den Dingen hinterlassen haben, erkennbar, sichtbar und verständlich gemacht werden müssten.
Besucherinnen und Besucher stehen vor der Gitarre. Sie sind interessiert. Sie haben Fragen. Manche beantwortet das Instrument. Manche auch nicht. Alles bleibt bruchstückhaft.
Die Ausstellung »Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis« ist noch bis zum 1. März im Jüdischen Museum München zu sehen.