Nachruf

Gestalter mit Weitblick

Er wollte Brücken bauen – zwischen Menschen, Religionen und Generationen: Jacques Marx sel. A. (1936–2025) Foto: JG Duisburg

Ich erinnere mich heute noch ganz genau an unser Gespräch, in dem es um meine Einstellung als zukünftiger Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen ging. Jacques Marx hatte mich im Herbst 2003 zu Tee und Plätzchen in sein Haus in Mülheim an der Ruhr eingeladen.

Wir saßen im Arbeitszimmer und unterhielten uns über Gott und die (jüdische) Welt. Aus meiner früheren Tätigkeit in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre als Jugendleiter der Gemeinde kannten wir uns bereits, die Gesprächsatmosphäre war eine Mischung aus persönlichem Austausch und klassischem Vorstellungsgespräch.

»Wir machen das. Hauch dieser Gemeinde Leben ein!«

Ich werde nie vergessen, wie Jacques Marx unsere Unterhaltung mit den Worten: »Wir machen das. Hauch dieser Gemeinde Leben ein!« beendete – und damit den Grundstein für die wunderbaren Jahre unserer zweiten Zusammenarbeit legte. Und dieser Satz steht typisch für Jacques Marx – etwas schnöde und pragmatisch, aber mit Charme und im Interesse der jüdischen Sache, die für ihn immer im Mittelpunkt stand – und nicht etwa er als Person. 1936 in Paris geboren, musste Jacques Marx als Kind mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen und sich in den südfranzösischen Wäldern verstecken, um der Deportation zu entgehen.

Die Erfahrung des Versteckens, der Angst und des Überlebens prägte ihn tief – sie machte aus ihm einen Menschen mit besonderer Sensibilität für Unrecht, aber auch mit großem Vertrauen in die Möglichkeit und Bedeutung von Versöhnung.

Nach dem Krieg studierte er Pharmazie in Straßburg und Freiburg. In den 60er-Jahren zog er gemeinsam mit seiner Frau Danielle nach Mülheim an der Ruhr, wo er als Apotheker beruflich erfolgreich wurde. Seine wahre Berufung aber fand er in der Arbeit für die jüdische Gemeinschaft.

Mit Hingabe und Geduld

1968 wurde Jacques Marx Mitglied des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen, ab 1973 war er ihr Vorsitzender. Eine Lebensaufgabe, die er mit Hingabe, Geduld und Weitblick fast vier Jahrzehnte lang ausübte. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Gemeinde von einer kleinen, überalterten Gemeinschaft mit rund 80 Mitgliedern zu einer lebendigen, wachsenden Gemeinde mit nahezu 3000 Mitgliedern, frei nach seinem Sinnspruch »Darf es nicht ein bisschen mehr sein?«.

Für Jacques Marx war die Eröffnung des Kindergartens ein Symbol jüdischer Zukunft.

Dann entschied er für sich und seine Gemeinde, sich aus der aktiven Führung zurückzuziehen. Es sei an der Zeit, »der nächsten Generation die Verantwortung zu übergeben«, so seine Motivation. Er wollte von sich aus gehen, wenn es am schönsten ist. Seinen letzten großen Traum für seine Gemeinde hatte er sich nämlich erfüllt – die Eröffnung des jüdischen Kindergartens in Duisburg 2009.

Das Strahlen in seinen Augen, das Lächeln auf seinem Gesicht an diesem Tag ist mir heute noch präsent. Für Jacques Marx war dieser Kindergarten nicht an erster Stelle eine pädagogische Einrichtung, sondern ein Symbol jüdischer Zukunft in Deutschland, ein Ort des Lernens, der Geborgenheit und des Vertrauens. Also genau das, was ihn stets motiviert hat in seinem unermüdlichen Engagement für die jüdische Gemeinschaft. »Kinder sind die lebendigste Form der Erinnerung – weil sie das fortführen, was andere einst verlieren sollten.«

Eng mit seiner Gemeinde verbunden

Als Ehrenvorsitzender blieb Jacques Marx eng mit seiner Gemeinde verbunden und betrachtete sein Lebenswerk mit souveräner Distanz. Nie ungefragt, aber immer konstruktiv kritisch, blieb er mit seinen Nachfolgern im Dialog. Dankbar und bescheiden, auch für alle Ehrungen, die ihm zuteilwurden.

»Ich wollte Brücken bauen – zwischen Menschen, Religionen und Generationen«, sagte Jacques Marx im Jahr 2020, als ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Mülheim verliehen wurde. Ja, das tat Jacques Marx auf seine unvergleichliche Art. Herzlich in Art und Tonfall, deutlich und klar in seiner Haltung, entschlossen und durchsetzungsstark. Seine persönlichen Ratschläge unter vier Augen waren nicht immer leichte Kost und prägen mich womöglich genau deshalb bis heute. Weil er dabei nie verletzend wurde, wohl wissend, dass der zwischenmenschliche Umgang Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ist.

Jacques Marx hinterlässt seine Frau Danielle, zwei Kinder und vier Enkelkinder. Vor allem aber hinterlässt er ein Vermächtnis, das in der heutigen Zeit sicherlich kein einfaches Unterfangen ist: jüdisches Leben in Deutschland weiterhin sichtbar, selbstbewusst und offen zu gestalten. Genau diesem Vermächtnis sind wir als jüdische Funktionäre verpflichtet. Denn er war vorbildlich und ist bis heute mein großes Vorbild. Der Parnas Jacques Marx wird fehlen – seine Lebensleistung unvergesslich bleiben.

Michael Rubinstein war von 2004 bis 2015 Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg, bis 2010 unter Jacques Marx. Seit 2022 ist er Gemeindedirektor in Stuttgart.

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 20.10.2026 Aktualisiert

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026