Freiburg

Geschichten eines Onkels

Hat den Film bisher aus ihren Ersparnissen finanziert: Aviva Rabinovich Foto: Rita Eggstein

Wer war Konrad Goldmann? Diese Frage beschäftigt seine Großnichte Aviva Rabinovich (89) seit rund zehn Jahren. Vor Kurzem ist sie zum dritten Mal mit einem Filmteam aus Jerusalem nach Freiburg, in den Schwarzwald und nach Frankreich gereist, um Spuren seines Lebens zu verfolgen. Ein Film soll bald seine Geschichte erzählen – die Geschichte eines erfolgreichen Ingenieurs, Fabrikanten und Zionisten, der einen landwirtschaftlichen Lehrbetrieb gründete, um jungen jüdischen Menschen Perspektiven in Palästina zu ermöglichen. Ihm selbst gelang die Flucht vor dem Nationalsozialismus nicht: Er starb 1942 mit 70 Jahren im Lager Drancy bei Paris.

In ihrer Kindheit und Jugend hat Aviva Rabinovich Konrad Goldmanns Namen oft gehört. Ihre Eltern erwähnten ihn mit einer gewissen Traurigkeit. Er war der Onkel ihres Vaters. Viel mehr wusste sie nicht. Das hat sich mittlerweile geändert: Es begann mit einem Anruf aus dem Kibbuz Beit Zera im Jordantal, der eine Jubiläumsfeier plante.

Von deutsch-jüdischen Auswanderinnen und Auswanderern gegründet

Der Kibbuz war einst von deutsch-jüdischen Auswanderinnen und Auswanderern gegründet worden, die auf dem Markenhof bei Kirchzarten im Schwarzwald ausgebildet worden waren. Konrad Goldmann hatte den Markenhof 1919 gekauft und ebenjenen landwirtschaftlichen Lehrbetrieb dort eingerichtet. Nach dem Anruf machte sich Aviva Rabinovich auf die Suche nach den Orten, an denen ihr Großonkel gewirkt hatte. In Freiburg hatte er einst eine Draht- und Kabelwerke-Fabrik gegründet, und der Markenhof liegt nur einige Kilometer entfernt.

Aviva Rabinovich und ihr Großonkel ähneln sich, findet der Regisseur Nathan Lifschitz (76), der neben dem Kameramann Israel Keller zum Filmteam gehört – allein schon in ihrem Idealismus. Der präge auch ihn selbst. Deshalb ließ er sich auf das Filmprojekt ein, das noch auf wackligen Füßen steht: Bisher hat Aviva Rabinovich die Kosten von rund 100.000 Euro aus ihren Ersparnissen finanziert. Das Filmteam hofft, dass sich Stiftungen sowie Spenderinnen und Spender finden.

Weil für das Projekt viel Enthusiasmus nötig ist, hat Aviva Rabinovich den ersten Regisseur, mit dem sie vor ein paar Jahren alles begonnen hatte, inzwischen durch Nathan Lifschitz ersetzt. Die beiden sind schon lange befreundet. Rabinovich ist Chemikerin und hat früher Drehbücher für Bildungsfernsehformate geschrieben.

Ein Mensch, den er gern zum Freund gehabt hätte

Nathan Lifschitz, der unter anderem für »National Geographic« gearbeitet und sich auf historische Dokumentationen spezialisiert hat, erzählt Geschichten. So wie er andere berühren möchte, lasse er sich auch selbst berühren. Konrad Goldmann sei ein Mensch gewesen, den er gern zum Freund gehabt hätte, sagt Lifschitz.

Chaim Weizmann brachte ihn auf die Idee, junge Leute für ihr Leben in Palästina auszubilden.

Klar ist inzwischen, dass der Ort für den Anfang und das Ende des Films das Lager Drancy sein müsse. Dort starb Konrad Goldmann am 15. Juli 1942. Zwischen Anfang und Ende werden Szenen aus Freiburg und dem Markenhof im Kirchzartener Ortsteil Burg liegen. In Freiburg lebte Konrad Goldmann von 1907 bis 1933. Hier verhalf er ab 1913 als Betreiber seiner Draht- und Kabelwerke-Fabrik den Freiburger Haushalten zu Elektrizität und schuf Unterkünfte für seine Arbeiter.

Als er zu Wohlstand gekommen war, habe er seinen Freund Chaim Weizmann, den späteren Präsidenten Israels, gefragt, was er für jüdische Menschen tun könne, erzählt Aviva Rabinovich. Chaim Weizmann habe ihn dann auf die Idee gebracht, junge Frauen und Männer für ihr Leben in Palästina auszubilden. Mindestens 150 junge Menschen lebten auf dem Markenhof und gründeten später Kibbuzim.

So entstand der Kibbuz Beit Zera, einige ließen sich auch in anderen Kibbuzim nieder. Beno Goldmann, der Vater von Aviva Rabinovich, lebte drei Jahre auf dem Markenhof, bevor er 1923 auswanderte. Später in Israel lernte er Rabinovichs Mutter kennen, die 1927 aus ihrer Heimatstadt München emigriert war. 1937 wurde Aviva Rabinovich in Jerusalem geboren.

Holz von Bäumen, die einst von Konrad Goldmann gepflanzt worden waren

Konrad Goldmann musste den Markenhof 1925 aufgeben. Er verkaufte ihn an das Evangelische Stift in Freiburg. Aviva Rabinovich und Nathan Lifschitz wollten wissen, welche Menschen jetzt auf dem Markenhof leben – und wie sie dort leben. Der jetzige Besitzer Volkmar Miedtke zeigte ihnen das behutsam renovierte Gebäude. Beim Renovieren nutzte er das Holz von Bäumen, die einst von Konrad Goldmann gepflanzt worden waren, erzählt Nathan Lifschitz. Zudem besuchte das Filmteam den Obstbau- und Keltereibetrieb, den Volkmar Miedtkes Bruder betreibt. Er habe Bilder von Traktoren und Apfelbäumen aufgenommen, sagt Lifschitz. Die Miedtkes fühlten sich für ihn wie neue Freunde an.

Auch in Freiburg hat sich das Filmteam umgeschaut und inspizierte Konrad Goldmanns früheres Haus an der Mozartstraße in einem ruhig gelegenen Quartier nahe der Innenstadt. Dort arbeitet eine privatärztliche Praxisgemeinschaft, aus Konrad Goldmanns Wohnzimmer ist ein Warteraum geworden. Doch die Wandbemalung sei immer noch dieselbe, so Lifschitz. Solche Details reichen ihm schon, um in seinem Kopf und später im Film Vergangenes neu zum Leben zu erwecken.

Aviva Rabinovich stieß in den vergangenen Jahren immer wieder auf Entdeckungen. In Frankreich fand sie die Enkelin ihres Großonkels, die ihr das Tagebuch eines Mannes präsentierte, der in Auschwitz ermordet wurde und zuvor mit Konrad Goldmann in Drancy inhaftiert gewesen war. Er hatte auf mehr als 500 Seiten, die nach dem Krieg in Frankreich veröffentlicht wurden, die unerträgliche Zeit in Drancy beschrieben. Er skizzierte ihren Großonkel als »außerordentliche Persönlichkeit«, sagt Rabinovich.

Sie hofft nun, dass der mit einer Länge von 52 Minuten geplante Film, der etwa in einem halben Jahr fertig sein soll, auf viel Interesse stoßen wird, in Deutschland wie in Israel. Denn bisher ist Konrad Goldmanns Schicksal fast vergessen – auch wenn eine nach ihm benannte Straße und Stolpersteine in Freiburg an ihn und seine Frau erinnern und Jugendliche des Kollegs in Stegen die Geschichte des Markenhofs erforscht haben. In Israel kennen Konrad Goldmann zumindest die Menschen im Kibbuz Beit Zera.

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