Herr Pawellek, Sie sind 28 Jahre alt, Erzieher, Schlagerstar und betreiben eine Konzertagentur. Außerdem kennen Sie viele Schoa-Überlebende in Deutschland und veröffentlichen ihre Geschichten in den sozialen Medien und in Büchern. Was hat Sie bewegt, sich so intensiv mit dem Holocaust auseinanderzusetzen?
Ich habe früh meine Eltern verloren und hatte es als Kind etwas schwerer, weil ich ADHS habe oder hatte. Meine Großeltern, zu denen ich damals kam und mit denen ich immer noch eng verbunden bin, sind damit nicht ganz klargekommen, sodass ich als Achtjähriger ins Heim kam. Das zweite Heim in Lemgo war sehr schön. Während dieser Zeit habe ich eine Frau kennengelernt, Karla Raveh, die abwechselnd in Deutschland und in Israel lebte. Sie wohnte in meiner Nachbarschaft. Wir trafen uns öfters zufällig auf der Straße und sind irgendwann ins Gespräch gekommen, und das war immer sehr, sehr nett. Dann gab es einen Zufall: Zum gleichen Zeitpunkt nahmen wir das Thema Holocaust in der Schule durch. Ich kann mich noch erinnern, wie es mich wütend gemacht hat, dass wir dazu nur drei Seiten im Geschichtsbuch hatten. Irgendwann hat Karla mich zu sich nach Hause eingeladen, und da habe ich die Kippot ihres Mannes und den Davidstern gesehen.
Haben Sie Karla auf ihre Religion angesprochen?
Ja, dann hat sie zu mir gesagt: »Louis, du bist ein schlaues Kerlchen, da hast du gut aufgepasst.«
Wollte sie darüber sprechen?
Sie bot mir das gleich an und begann zu erzählen, dass sie in Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen gewesen war, wie sie ihr Judentum gelebt hat, und sie sprach von ihrer Familie, die einst in Lemgo lebte.
Sie waren damals 14 oder 15 Jahre alt. Wie war es für Sie, so eine Geschichte zum ersten Mal zu hören?
Das war für mich natürlich sehr ergreifend. Sie hat bei unseren Treffen immer wieder gesagt: »Mein Junge, mach was draus.« Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Und sie hat auch gesagt: »Louis, gib das an deine Freunde weiter, an deine Klassenkameraden. Ich selbst schaffe es nicht mehr, mir fehlt die Kraft. Aber wenn du das machst, würdest du mir einen Gefallen tun.« Ihr war damals auch schon bewusst, dass uns wieder schlimme Zeiten bevorstehen. Heute ist in ihrem Geburtshaus in Lemgo die Gedenkstätte Frenkel-Haus untergebracht.
Sie war die erste Holocaust-Überlebende, mit der Sie gesprochen haben. Es folgten viele weitere, deren Biografien Sie in dem Buch »Die letzten Stimmen des Holocaust« herausgebracht haben. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie Geschichten hören, die kaum in Worte zu fassen sind?
Erst einmal bin ich sehr dankbar, dass Karla mir sozusagen die Türen geöffnet hat. Wir haben ihr Interview aufgezeichnet, und mit dieser Referenz habe ich dann versucht, über die jüdischen Gemeinden und über soziale Medien weitere Zeitzeugen zu finden. Da haben sich dann einige gemeldet. Das waren meist die Kinder der Überlebenden, die mir sozusagen die Brücke gebaut haben. Es waren 25; die Hälfte davon lebt leider nicht mehr.
Was motiviert Sie?
Es ist für mich einfach Geschichte live, Geschichte pur. Da kannst du noch so viele Bücher lesen und noch so oft nach Auschwitz oder Bergen-Belsen fahren: Das, was die Menschen erzählen, ist so ergreifend und interessant, dass in mir eine regelrechte Wissenssucht entstanden ist. Ich weiß immer gar nicht, wie ich das anders formulieren soll, aber ich habe den Drang, immer mehr über die Thematik wissen zu wollen. Aber auch die Begeisterung dafür – wie soll ich das sagen? –, Menschen zu erleben, die trotz dieses Grauens immer noch ein Lächeln im Gesicht haben. Ich sage es, wie es ist: Die Überlebenden, die ich kennenlernen durfte, sind die gastfreundlichsten, herzlichsten und offensten Menschen, die ich je kennengelernt habe.
Was würden Sie Menschen sagen, die behaupten, die Geschichte des Holocaust sei für die heutige Generation nicht mehr relevant?
Da geht es eher um die 40- bis 60-Jährigen. Und im Kern, besonders wenn es sich um soziale Medien handelt, ist es die männliche Zielgruppe, die so verbittert und verbohrt ist und sich im Internet mit Hasskommentaren, rechtem Geschwurbel und Holocaustleugnungen auskotzt – mit Aussagen wie: »Das war doch alles nicht so schlimm« oder »Das ist Geldmacherei«. Das macht mich traurig. Ich habe aber immer noch Hoffnung, dass junge Menschen sehr engagiert und motiviert sind, diese Thematik weiterzutragen. Das ist mein Eindruck.
Sie sind in den sozialen Medien extrem erfolgreich.
Ja. Ich konzentriere mich nur auf die NS-Zeit und auf die Zusammenarbeit mit Überlebenden. Man könnte meinen, jedes Video erreiche Millionen von Aufrufen. Es erreicht zwar viele, aber vor allem den Kern der Menschen, die sich brennend dafür interessieren. Die Aufrufzahlen reichen von fünfstellig bis siebenstellig, das variiert ganz stark. Aber das ist ja auch nicht entscheidend. Hauptsache, es wird geguckt.
Besprechen Sie die Kommentare mit Ihren Protagonisten?
Natürlich. Immer wenn ich bei Renate Aris in Chemnitz bin, lesen wir gemeinsam zum Beispiel die Kommentare zu ihrem Video und diskutieren darüber. Es ist auch spannend, diesen Menschen Feedback zu geben. Es ist einfach interessant, sich darüber auszutauschen.
Wie hat Ihre Arbeit Ihr Leben geprägt?
Ich habe fast nur mit älteren Menschen Kontakt. Freunde in meinem Alter habe ich nur wenige – außer meiner Freundin.
Mit dem Autor und Influencer sprach Christine Schmitt.