Streitfrage

Geschichte aus erster oder zweiter Hand

Ergebnis offen: Mit Stephan Sattler (M.) diskutierten (v.l.) Rachel Salamander, Jack Terry, Ludwig Spaenle und Hermann Vinke. Foto: Miryam Gümbel

»Was wird geschehen, wenn wir einmal nicht mehr da sind?« fragt sich nicht nur Rachel Salamander und stellt das Thema bei der jüngsten Veranstaltung ihrer Literaturhandlung zur Diskussion. Noch gibt es Zeitzeugen, die der Jugend aus eigenem Erleben von den Erfahrungen der Schoa berichten können, doch was kommt danach? Neben der Leiterin der Literaturhandlung diskutierten der Zeitzeuge Jack Terry, der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle und der Autor Hermann Vinke. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stephan Sattler, Kulturressortleiter des Magazins Focus.

Vinke las zunächst einige Kapitel aus seinem Buch Wunden, die nie ganz verheilten. Das Dritte Reich in der Erinnerung von Zeitzeugen. Sein Text zeigt ein Beispiel, wie das Geschehen festgehalten werden kann, nämlich, indem Zeitzeugen selbst zu Wort kommen. Dabei verfassen sie die Texte nicht selbst, sondern Journalisten wie Vinke bereiten ihre Erlebnisse im Gespräch mit ihnen auf.

Vermittler Inwieweit können Historiker die Vermittlung des Geschehens übernehmen? Eine Frage, die sich Jack Terry, 1945 aus dem KZ Flossenbürg befreit, gestellt hat. Seine Erinnerungen Jakubs Welt – Die Erinnerungen des Jack Terry wurden 2005 publiziert. Terry ist der Meinung, dass die Zeitzeugen eine größere Authentizität vermitteln, die Historiker nicht ersetzen können. Sie kennen das Geschehen nicht aus eigenem Erleben.

Ludwig Spaenle, selbst Historiker und Journalist, betonte, wie wichtig es ist, den nachfolgenden Generationen das »Nie wieder« zu vermitteln. Ihm machte die Zeitzeugin und bereits in der jungen Bundesrepublik engagierte Politikerin Hildegard Hamm-Brücher ein großes Kompliment: Er sei der erste bayerische Kultusminister, der sich mit der Schoa konstruktiv auseinandersetze. Allerdings, so mahnte Hamm-Brücher, müsse man heute feststellen, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichts mehr von der Zeit des Holocaust wissen wolle. Ein Trend, der sich auch am rückläufigen Interesse an Büchern von Zeitzeugen ablesen lasse, bestätigt Rachel Salamander.

Wahrheiten Max Mannheimer – wie Hamm-Brücher Gast im Publikum – spricht seit den 80er-Jahren an Schulen und Universitäten als Zeitzeuge über das Geschehene. Dabei mache er die Erfahrung, dass die heutigen Urenkel wissen möchten, warum die Ureltern einem Hitler aufgesessen sind. Mannheimer sieht hierin eine wichtige Aufgabe bei der Aufklärung: »Heute sind Gott sei Dank die alten Nazis weg. Wir müssen schauen, dass wir die neuen in Schach halten.« Dass das gelingen wird, daran hat er keinen Zweifel, solange die Demokratie stabil ist. Freiheit und Humanität seien Voraussetzung dafür, dass die Jugend historische Wahrheiten erkennt.

Die Bedeutung der Authentizität unterstrich der für die Vermittlung an den Schulen zuständige Kultusminister. Ludwig Spaenle verwies dabei auch auf die Bedeutung »authentischer Orte« wie etwa der KZ-Gedenkstätten. In den Schulen sei dazu eine entsprechende Begleitung in Vor- undNachbereitung dringend notwendig. Dann könne das persönliche Erleben in Zusammenhang treten mit dem, was jungen Menschen vermittelt werden müsse. Und Rachel Salamander ergänzte abschließend, der Kontext müsse immer emotional erfühlbar bleiben.

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026

Berlin

Kampflibellen am BER

Bei der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Schönefeld haben auch israelische Firmen die neueste Technik vorgestellt. Ein Besuch zwischen Kraftstofftanks und Drohnenabwehr

von Leon Stork  18.06.2026

Nordrhein-Westfalen

Landtag ehrt Sieger von »Shalom - Jüdisches Leben heute«

Mehr als 2200 junge Menschen haben mit mehr als 450 Beiträgen jüdisches Leben greifbarer gemacht

 17.06.2026

Berlin

Babka, Borschtsch und Pargiot

Zum fünften Jubiläum des Streetfood-Festivals locken 52 Stände, viele Acts und eine zusätzliche Kleinkunstbühne

von Helmut Kuhn  17.06.2026

Stuttgart

Eine Erfolgskomposition

Wie der Internationale Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb Werke jüdischer Komponisten lebendig hält

von Chris Meyer  17.06.2026

Frankfurt

Heimspiel für Makkabi

Nach Jahrzehnten ohne eigene Anlage eröffnet der jüdische Sportverein seinen neuen Campus

von Leon Stork  17.06.2026

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026