Dachau

Gemeinsames Gedenken

Gegen die coronabedingten Beschränkungen waren auch die Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Dachau machtlos. Bereits im vergangenen Jahr, als am 29. April der 75. Jahrestag der Befreiung anstand und die Pandemie gerade um sich griff, musste die Gedenkfeier abgesagt werden. Auch jetzt, ein Jahr später, ist das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers geschlossen. Doch das Team der Gedenkstätte machte aus der Not eine Tugend. Die Erinnerung an die geschichtsträchtigen Ereignisse wurde in den virtuellen Raum verlegt, auf unterschiedlichste Ebenen und insgesamt über vier Tage verteilt.

Die gesellschaftliche Bedeutung, die dem 29. April zugemessen wird, lässt sich allein an den vielen hochrangigen staatlichen Repräsentanten festmachen, die an der zentralen Gedenkveranstaltung im Online-Format teilnahmen. Monika Grütters, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, gehörte beim offiziellen, live übertragenen Festakt am Sonntag dazu. Dort trat auch Bayerns Kultusminister Michael Piazolo auf.

programm Hochrangige Mitglieder der Bayerischen Staatsregierung waren ebenfalls in die Gedenkfeier vor Ort und die offizielle Kranzniederlegung eingebunden, mit der das Programm am Donnerstag, dem eigentlichen Jahrestag der Befreiung, eröffnet wurde und die in einem sehr kleinen Kreis stattfand. Landtagsvizepräsident Karl Freller ist als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ohnehin fester Bestandteil der Dachauer Erinnerungskultur. Zu der Handvoll Gäste gehörten darüber hinaus Landtagspräsidentin Ilse Aigner sowie Innenminister Joachim Herrmann. Gabriele Hammermann, Leiterin der Gedenkstätte, hielt die Begrüßungsrede.

Eine völlig andere Perspektive auf Dachau nahmen die Zeitzeugen ein, die zu Wort kamen.

Eine völlig andere Perspektive auf Dachau nahmen in der digitalen Veranstaltungsreihe die zu Wort kommenden Holocaust-Überlebenden ein. Abba Naor, der das Ende des Nationalsozialismus als 13-Jähriger erlebte und bereits bei der Kranzniederlegung eine kurze Ansprache gehalten hatte, war einer von ihnen. Als ehemaliger Häftling ist er mit Dachau schicksalhaft verbunden.

Leslie Rosenthal, der sich per Video aus den USA meldete, dokumentiert das menschenverachtende System der Nazis auf besondere Art. Er war eines von sieben Babys, die in den Wochen vor der Befreiung im KZ Dachau zur Welt kamen – und zusammen mit ihren Müttern überlebten. »Wir könnten die letzten Holocaust-Überlebenden werden«, teilte der 76-Jährige in einem eindrucksvollen Beitrag seine Gedanken.

Zu dem Veranstaltungsprogramm in Zusammenhang mit dem 76. Jahrestag der Befreiung Dachaus gehörten auch Beiträge von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden und Vorsitzenden des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, und von Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München und Oberbayern sowie Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress (WJC). Die Beiträge sind auf der Internetseite des Landesverbands abrufbar.

bedrohung An dem Thema Corona kamen beide in ihren Reden nicht vorbei, wobei die Verlegung der Gedenkfeier ins Internet eher eine untergeordnete Rolle spielte. Es sind vielmehr die mit der Pandemie einhergehenden gesellschaftlichen Entwicklungen wie die sogenannten Querdenker, die ihnen größere Sorgen bereiten. »Diese Bewegungen«, analysiert Josef Schuster in seinem Videobeitrag, »sind eine echte Bedrohung für jüdisches Leben hierzulande.«

Mit Hinweis auf die Notwendigkeit einer ausgeprägten Erinnerungskultur stellte er dabei fest: »Es ist traurig, wie wenig manche aus der Geschichte gelernt haben und mit welcher Vehemenz sie Fakten und historische Zusammenhänge ignorieren.« Allen müsste es deswegen darum gehen, dass Fakten und nicht Fiktion die Oberhand behielten.

Wissen um die Vergangenheit und ein tatkräftiges Erinnern sind nach Überzeugung von Charlotte Knobloch die geeigneten Mittel, um Werte wie Freiheit, Toleranz und Respekt auf Dauer für alle zu erhalten. Dennoch stellte sie mit Blick auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen fest: »Der Hass und insbesondere der Antisemitismus, die die Demokratie schon einmal zu Fall gebracht haben, besitzen heute noch dasselbe schreckliche Potenzial.« Dabei erinnerte sie daran, dass das »Nie wieder« der staatliche Leitgedanke der 1949 gegründeten Bundesrepublik ist.

verantwortung In ihrem Videobeitrag ging die IKG-Präsidentin auf ein weiteres Thema ein, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm zog: das absehbare Ende der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und die daraus resultierenden Folgen für die Erinnerungskultur. Bei zahlreichen Besuchen in Schulen und Gesprächen mit Jugendlichen habe sie zu ihrer Freude erlebt, dass junge Menschen nicht nur ein ausgeprägtes fachliches Interesse mitbringen würden, sondern auch die Bereitschaft zeigten, Verantwortung zu übernehmen.

Die Frage des Wandels der Erinnerungskultur wurde immer wieder thematisiert.

Im Programm zum 76. Jahrestag der Befreiung des Dachauer Konzentrationslagers beschäftigte sich auch eine Expertengruppe im Livestream mit diesem Thema. Am Freitag wurde die Frage diskutiert: »Was bleibt von der Erinnerung? Zur Rolle der KZ-Gedenkstätten im 21. Jahrhundert«.

Interessante, in die Zukunft gerichtete Überlegungen für ein zeitgemäßes Angebot vermittelten in dem zweistündigen Gespräch der Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, Axel Drecoll, der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, Dietmar Süß, Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg, sowie Christoph Thonfeld, wissenschaftlicher Leiter in Dachau. Dort werden in den kommenden Jahren verschiedene bauliche Erweiterungen der Gedenkstätte vorgenommen und ein neues Konzept für die Besucher entwickelt. Dazu gehört auch der Ausbau des digitalen Angebots.

begegnung Mit den bestehenden digitalen Möglichkeiten lassen sich das historische Ereignis der Befreiung, aber auch die individuellen Geschichten der ehemaligen Häftlinge darstellen. Die dahinterstehende Absicht erklärte Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann: »Mit persönlichen Erzählungen und Gedenkbotschaften vieler Überlebender und Befreier haben wir im virtuellen Raum Platz für Begegnung und Austausch geschaffen.«

Dazu zählten auch Nachkommen von Überlebenden, die in Videobotschaften zu Wort kamen. Die Familie von Max Mannheimer nahm zum Beispiel an einem entsprechend konzipierten Live-Gespräch teil.

Das gesamte Programm, zu dem auch musikalische Beiträge und Projekte junger Menschen gehören, ist unter https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/liberation abrufbar.

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