Leadership

Gemeinsam Konflikte lösen

Mehr Konsens? Weniger Streit? Wie man konstruktiv nach Lösungen sucht, das lernten 27 junge Erwachsene aus Deutschland, Europa und Israel beim Seminar der ZWST. Foto: Martin Köhler

Visionen denken, Träume äußern – und trotzdem konzentriert das Hier und Jetzt im Blick haben: Auf wie viele unterschiedliche Arten heutige und zukünftige Herausforderungen angegangen werden können, war das Thema des jüngsten Seminars im Max-Willner-Heim in Bad Sobernheim. Und wer wäre besser geeignet, jüdische Zukunft positiv zu gestalten, als die künftigen Führungskräfte in Europa?

Vier Tage lang trafen sich junge Erwachsene zum »experimentell angelegten Führungskräfte-Seminar« mit dem Schwerpunkt »Konfliktlösung und Überwindung« – einer Kooperation des ZWST-Projekts »Achtzehnplus« und der World Zionist Organisation (WZO).

Drei Seminare zu diesem Thema gab es bereits in der Vergangenheit: zunächst zum Thema »Der Manager wird zur Führungspersönlichkeit«. Danach zur »nachhaltigen Teambildung«. Das dritte Seminar widmete sich dem Schwerpunkt »Öffentlich reden lernen«.

Gehaltserhöhung Nun ging es also um Konfliktlösungen, die anhand von alltäglichen Aufgaben und Fragestellungen aufs Praktische heruntergebrochen wurden. Beispiel: »Ihr Boss bezahlt Sie schlecht. Was tun Sie?« Zur Auswahl standen fünf mögliche Reaktionen – von der Duldung bis hin zum Gespräch mit dem Chef, in dem man ihn von der Gehaltserhöhung zu überzeugen versucht. Dieser experimentelle Charakter sei ihm sehr wichtig, betonte Simcha Leibovich von der WZO. Damit bliebe vieles besser haften als durch trockenes Aktenwälzen und Auswendiglernen.

Der gewünschte positive Nebeneffekt eines solchen Seminars seien die Begegnungen zwischen den Teilnehmern. 27 waren es diesmal. Acht davon kamen aus Israel. Auch aus Russland, England, Litauen und der Türkei flogen junge Teilnehmer ein.

»Man kann nicht lernen, eine Führungspersönlichkeit zu werden. Dies muss sich entwickeln«, sagte Leibovich. Auch Emotio-
nen gehörten dazu. Projekte in den eigenen Gemeinden zu beginnen und durchzuziehen, gehöre dazu – »Learning by doing« sozusagen. »Vielleicht gelingt es uns, in diesem Seminar die Führungspersönlichkeit in einigen Teilnehmern zu erwecken und zu fördern«, sagte Leibovich.

Einige Teilnehmer stehen bereits in verantwortlicher Position in der Wirtschaft. Andere studieren noch. Vertreter aus jüdischen Kultusgemeinden waren ebenso dabei wie Staatsbedienstete. Das Seminar verlief ganz ohne Konflikte: In der Abschlussrunde am vergangenen Sonntag wurde die außerordentliche Harmonie und Vielfalt gelobt, wozu auch die WZO-Referenten sowie die Veranstalter der ZWST beitrugen. Ilya Daboosh, der bei der ZWST das Projekt »Achtzehnplus« verantwortet, hielt die Fäden zusammen. Simcha Leibovich, Marina Rozenberg-Koritny und auch Atara Volk-Itzchaki von der WZO kümmerten sich um den Inhalt.

Ego Michael Rosow ist 40 und kommt aus Düsseldorf. Der ehemalige Vorsitzende der Delegiertenversammlung im Landesverband Nordrhein, der am Seminar teilnahm, sagt rückblickend: »Das ganze Leben besteht doch aus Konflikten, die gelöst werden wollen.« Für ihn war daher das »experimentelle Lernen« mit Simcha Leibovich am lehrreichsten. Auch die »Koalitionsfindung« zwischen drei Parteien fand Rosow erhellend. »Der Einigung«, das nimmt er aus dem Seminar mit, »steht oft das menschliche Ego im Weg.«

Auch den Blick auf die unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten – Belohner und Bestrafer auf der einen und einfühlsame Motivatoren auf der anderen, positiven Seite – hat Rosow geholfen. Außerdem fand es der Düsseldorfer »gut, dass die ZWST das Seminar europaweit anbot und nicht nur für deutsche Juden«.

Auch die 41-jährige Israelin Leebat Weiss ist von dem Programm sehr angetan: »Man lernt nie aus. Ich habe hier viel über das Judentum in anderen Ländern gehört. Ich habe mich in Deutschland so wohl gefühlt, dass ich gerne meine elfjährige Tochter nach Bad Sobernheim schicken würde.«

Diaspora Das entspricht auch ganz dem Herzensanliegen von Simcha Leibovich: jungen Israelis die »Diaspora« vorzustellen. Im jüdischen Staat beschäftige man sich zu wenig mit den Juden von »draußen«, sagte Leibovich. Er sieht sich als Brückenbauer.
Eine ebensolche Brücke soll bald in Deutschland entstehen: Leibovichs Vision ist es, an einer deutschen Universität einen Lehrstuhl für einen »Master of Jewish Leadership« einzuführen.

Als Schirmherr wurde bereits der langjährige ZWST-Direktor Benjamin Bloch gewonnen. Zwei Unis stehen in der näheren Auswahl. Bis die Verträge unterschrieben sind, hüllt sich Leibovich allerdings in Schweigen.

www.zwst.org
www.achtzehnplus.com

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