Illustratorin

Gemaltes Augenzwinkern

Drei pinkfarbene Katzen balgen sich um ein Knäuel aus hellblauer Wolle. Die Bewegungen der ineinander verschlungenen Tiere sind fließend, ein Bild so klar und doch voller Poesie. Es wirkt auf Kinder, aber auch auf Erwachsene, zumindest auf jene, die das gemalte Augenzwinkern verstehen.

Erst auf den zweiten Blick offenbart das von Hand gezeichnete Motiv seinen tieferen Inhalt: »Es ist meine ganz persönliche Interpretation des japanischen Sprichworts: nicht sehend, nicht hörend, nicht sprechend. Normalerweise verbinden wir diese Weisheit mit drei Affen, die sich die Augen, den Mund oder die Ohren zuhalten«, erklärt die israelische Illustratorin Lihie Jacob.

Jetzt hat sie den Jüdischen Kinderbuchpreis 2025 für besagte Illustration gewonnen, verliehen vom britischen Verlag Green Bean Books und der Jewish Literary Foundation. »Ich habe mich unglaublich über diese Auszeichnung gefreut!«, sagt die 40-Jährige, die seit zwölf Jahren in Berlin lebt. Gerechnet habe sie damit nicht. »Die Zeichnung habe ich in allerletzter Minute vor Fristablauf eingereicht.« Umso schöner sei nun die Überraschung.

Tiere haben bei ihr schon immer eine besondere Rolle gespielt

Modell gestanden hat ihr der schwarze Kater Rufus, der mit seinem flauschigen Fell zusammengerollt auf der grauen Stoffcouch liegt. Mit ihm, Hund Tomka und ihrem dreieinhalb Jahre alten Sohn Theo teilt sich die begabte Zeichnerin ihr Zuhause. »Tiere haben bei mir schon immer eine besondere Rolle gespielt, beruflich wie privat«, sagt Lihie. Auf einem Bild, das an der Wand hängt, ist sie als Schwangere mit einem Hund und einer Katze zu sehen. Daneben hängt ein gerahmter Spruch: Es geht um die Liebe.

Die preisgekrönte Künstlerin hat bereits elf Kinderbücher illustriert.

Von draußen strahlt die warme Nachmittagssonne in die Wohnung, die sich im Erdgeschoss eines Berliner Altbaus befindet. Während auf der Straße Busse vorbei surren, sitzt Lihie im halb abgedunkelten Wohn-Esszimmer an ihrem Schreibtisch. Der ist mit mehreren Bildschirmen bestückt. Von hier aus arbeitet sie für eine Social-Media-Plattform im Kundenservice. »Mein Brot-Job«, sagt die preisgekrönte Künstlerin, die bereits elf Kinderbücher illustriert hat, darunter Clarissa und ich, Schwein zieht ein oder Hugo, der Fisch, um nur einige zu nennen. Neben zahlreichen Kalendern und einigem mehr.

»Manchmal bekomme ich auch Aufträge, um Motive für Verpackungen zu entwickeln«, erzählt Lihie. Blumen auf Shampooflaschen zum Beispiel. Eine schöne Abwechslung. »Von meiner Kunst allein kann ich nicht leben, es ist mir wichtig, ein regelmäßiges Einkommen zu haben.« Besonders als alleinerziehende Mutter. Flott beantwortet sie eine Anfrage, die gerade via E-Mail hereingekommen ist. Bis zum Nachmittag will sie mit der Arbeit im Homeoffice fertig sein. Dann gehört ihre Zeit ihrem Kind. Spielplatzbesuche, Arzt-Termine, Geschenke kaufen für Kindergeburtstage und dergleichen mehr.

»Darüber hinaus versuche ich, regelmäßig joggen zu gehen, und seit Kurzem lerne ich Arabisch.« Lihie holt Kaffee und Zitronenkuchen aus der Küche. Warum Arabisch? »Weil ich es wichtig finde, mit Menschen, die nebenan leben, auf Augenhöhe zu kommunizieren«, sagt sie. Erst, wenn man direkt miteinander sprechen könne, würden Vorurteile abgebaut, so ihr Credo. Ihren Sohn erzieht sie dreisprachig: Iwrit, Englisch und Deutsch.

Als Zweijährige ging es für sie zunächst für zwei Jahre nach Ägypten

Und wann hat sie Zeit für ihre Illustrationen? »An den Abenden«, sagt Lihie und zieht Mappen aus einer Schublade hervor, um ihre Arbeiten zu zeigen. »Mein Sohn ist noch sehr klein, aber er malt ebenfalls leidenschaftlich gern.« Ein Kind, das sich stundenlang mit einem Blatt Papier und Farben beschäftigen könne, genau wie seine Mama. »Wenn ich zeichne oder male, vergesse ich die Welt da draußen.«

Auf dem Boden liegen nun Motive aus der Vogelwelt, sie sprühen vor Farbe, vor kleinen Details. Wann hat sie mit dem Malen angefangen? »Als Kind. Ich würde sagen, fast alle Kinder malen von Natur aus gern, ich habe nur nie damit aufgehört.«

Geboren als Kind israelischer Eltern in einem Kibbuz im Norden Israels ging es für sie als Zweijährige zunächst für zwei Jahre nach Ägypten. Danach zog die Familie, zu der ihr kleiner Bruder gehört, wiederum für zwei Jahre nach Venezuela. »Dann kamen wir zurück nach Israel, und ungefähr ab da setzt meine Erinnerung ein.« Schließlich sei die Familie, der Vater arbeitete in der Sicherheitsbranche, nach Deutschland gezogen. »Ich habe mein Abitur in Frankfurt am Main gemacht und dann in Israel studiert«: Visuelle Kommunikation an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem.

Wie kam es, dass sie sich dann in Berlin niederließ? »Mein Urgroßvater Leopold stammt aus Berlin, es gibt Stolpersteine von ihm und meiner Urgroßmutter«, erzählt Lihie. Ihre drei Kinder habe das Paar – vor seinem Freitod – nach England und Palästina geschickt. »So lange ich denken kann, hat mein Großvater Heinz Jacob immer von Berlin geschwärmt.« Seit sie das erste Mal einen Fuß in die Stadt gesetzt habe, »hat es sich richtig angefühlt«, sagt Lihie Jacob, deren Eltern inzwischen in Hessen auf dem Land im Ruhestand leben.

»Wenn ich zeichne oder male, vergesse ich die Welt da draußen«, sagt Lihie Jacob.

Hat sie schon einmal darüber nachgedacht, mit ihrem Sohn auf dem Land zu leben? Die Künstlerin schüttelt den Kopf. »Ich bin ein absoluter Stadtmensch, ich liebe die Großstadt. Je größer, lauter und dreckiger, umso besser«, sagt sie und lacht. Noch etwas an dem Kinderbuchpreis, den sie gerade gewonnen hat, sei ihr wichtig: »Nach dem 7. Oktober 2023 bin ich in ein tiefes Loch gefallen«, sagt Lihie Jacob. Sie habe nicht mehr arbeiten können. Ihre vielen Farben, die sich auch in ihrer Wohnung wiederfinden, seien wie ausgelöscht gewesen.

Gewinn an Reputation

Neben dem Preisgeld bedeute eine solche Auszeichnung auch einen Gewinn an Reputation. »Ich bin gut in dem, was ich mache, aber ich habe kein Talent darin, mich selbst zu vermarkten.« Heutzutage, wo die Konkurrenz derart stark ist, sei es wichtig, sich ständig darzustellen. Dazu fehle ihr die Zeit, sagt Lihie Jacob.

Wo sieht sie sich in Zukunft? Die Illustratorin zieht ein Kissen hinter ihrem Rücken hervor, es hat die Form eines Tapirs. Der Körper ist mit kleinen schwarzen Affen bemalt. »Wenn es so etwas wie einen Wunsch gäbe, würde ich mich in einem Ladenlokal sehen, wo ich lebe und arbeite. Und ich täte nichts anders, als den ganzen Tag lang solche Kissen zu machen«, sagt Lihie und stopft die Skulptur aus Stoff zurück an ihren Platz.

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