Podium

Gegen die Gleichgültigkeit

Unter dem vieldeutigen Titel »Kooperation« hatte der Philosoph und Publizist Michel Friedman am Mittwoch vergangener Woche den Politikwissenschaftler, Konfliktforscher und Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr, Carlo Masala, zum Gespräch in die Münchner Kammerspiele geladen. Schon der Auftakt machte deutlich, dass es an diesem Abend nicht um ein wohlklingendes Leitwort gehen würde, sondern um die immer sichtbareren Grenzen der Zusammenarbeit in einer Welt autoritärer Machtpolitik und demokratischer Erosion.

Friedman stieg mit einer scheinbar einfachen Frage in das Gespräch ein: Was ist das Gegenteil von Kooperation? Masalas Antwort – Konfrontation – widersprach er direkt: Gefährlicher sei doch die Gleichgültigkeit, die sich jeder Verantwortung und Auseinandersetzung entziehe. Unausweichlich beschäftigten sich die Diskutanten, die noch vor den jüngsten Drohungen des amerikanischen Präsidenten in Bezug auf eine Aneignung Grönlands zusammenkamen, an diesem Abend mit dem Verhältnis von Völkerrecht, Macht und internationaler Ordnung.

Masala beschrieb das Völkerrecht als »Macht, gegossen in Recht« – geschaffen von demokratischen Staaten und zugleich von ihnen regelmäßig verletzt. Der UN-Sicherheitsrat mit seinem Vetorecht sei Ausdruck dieser Schieflage, ebenso die Europäische Union, deren formale Gleichheit nichts an machtpolitischen Realitäten und Asymmetrien verändere.

Ausführlich sprachen Michel Friedman und Carlo Masala auch über den Iran.

Ausführlich sprachen Michel Friedman und Carlo Masala auch über den Iran und die Frage, wie ein empathischer Westen sich zu den dortigen Protesten positionieren solle. Selbst eine mögliche internationale Intervention wurde diskutiert – und die auffällige Zurückhaltung westlicher Demokratien. Dass ein iranischer Botschafter trotz massiver Menschenrechtsverletzungen des Regimes nicht ausgewiesen werde, zeige, so Friedman, wie schwach viele Solidaritätsbekundungen letztlich seien. Masala sagte einen symbolischen Akt der USA voraus, der der Zivilbevölkerung im Iran jedoch nicht helfen werde.

In diesem Zusammenhang widmeten sich die beiden auch der Frage, warum etliche Menschen für Gaza auf die Straße gegangen waren, während vergleichbare Proteste zur Unterstützung der Iraner nun ausblieben. Konstatieren konnten sie nur, dass der Aktionismus der Gaza-Demons­trationen sich häufig aus Antiliberalismus, Antiamerikanismus, Antizionismus und einem offenen Hass auf Israel speiste, weniger aus einem konsistenten Einsatz für Menschenrechte.

Schließlich verdichtete sich der Abend noch zu einer Grundsatzfrage an Masala: Gibt es etwas Wertvolleres als Freiheit? Die Antwort, ein klares Nein, kam ohne Zögern. Freiheit, so wurde hier deutlich, ist weder bequem noch billig. Aber sie verlangt Konfliktbereitschaft – und die Bereitschaft, sich nicht in Gleichgültigkeit zu flüchten.

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026

München

Klassiker des Humors

Im früheren Gemeindehaus in der Reichenbachstraße sorgte ein Abend mit Sketchen in jiddischer Sprache für Spaß und Unterhaltung

von Ellen Presser  09.08.2026

Porträt

Stil auf Rädern

Der Swing-Musiker Andrej Hermlin sammelt Oldtimer – und fährt sie, statt sie nur in der Garage zu bewundern. Ein Besuch in Pankow

von Imanuel Marcus  09.08.2026

Karlsruhe

Altes Amt mit Zukunft

Die Jüdische Kultusgemeinde ernannte erstmals einen Oberrabbiner, erinnerte an 55 Jahre Gemeindehaus und gab ihrer Synagoge den Namen eines berühmten Gelehrten der Stadt

von Mascha Malburg  09.08.2026

Reformpläne

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026