Schönhauser Allee

Ganz gepflegt

Die Hosenbeine sind durchnässt, Haare hängen klitschnass im Gesicht, und die Hände stecken in dicken Gärtnerhandschuhen. So sehr Stefanie Regner auch an dem gewucherten Unkraut zieht, es will einfach nicht raus aus dem Boden. Die 29-Jährige wischt sich das Regenwasser von der Stirn und atmet durch. Dann packt sie erneut an, zieht mit aller Kraft und hat endlich ein großes Büschel Grün in der Hand.

Mitten auf dem Jüdischen Friedhof zwischen Schönhauser Allee und Kollwitzstraße wimmelte es am Dienstag vergangener Woche nur so von Menschen. 160 Freiwillige der Mercedes-Benz-Bank und 40 Schüler der Evangelischen Schule Berlin Zentrum haben sich dunkle T-Shirts mit leuchtend gelb-weißem »Day of Caring«-Aufdruck angezogen. Sie tragen feste Turnschuhe, Gummistiefel, alte Hosen – egal was: Hauptsache wetterfest. Denn seit dem frühen Morgen regnet es unaufhörlich.

Efeu Gemeinsam mit Kollegen aus dem Kundenservice oder der Leasing-Abteilung befreit Stefanie alte Grabsteine von Gestrüpp und wild gewachsenem Efeu. Die Angestellten harken Wege frei und heben überall gewachsenes Unkraut aus. Bereits zum neunten Mal engagieren sie sich in sozialen Projekten. So haben sie in den vergangenen Jahren auch schon mal einen Kindergarten gestrichen. Dieses Mal ist es nun also der Jüdische Friedhof.

»Der Termin ist für uns ein Höhepunkt. Die Mitarbeiter sind mit sehr viel Stolz dabei«, sagt Vorstandsvorsitzender Franz Reiner, der ausnahmsweise mal nicht in Schlips und Kragen unterwegs ist, sondern, wie sein Berliner Kollege Tom Schneider, den Anzug gegen Turnschuhe, Outdoor-Jacke, Basecap und abgewetzte Hosen getauscht hatte.

Sowohl Schneider als auch Reiner gehen mit gutem Beispiel voran und nehmen sich zweier Bäume an, die bereits im Vorfeld von den Gärtnern, die sich sonst um den Friedhof kümmern, ausgewählt wurden. Nun schieben sie gemeinsam mit anderen Kollegen große Teile des gefällten Baumes in einem tiefen Rollwagen vom Friedhof. Das Holz wird aber nicht einfach weggeworfen, sondern soll für einen Kindergarten weiterverwendet werden.

Farne Währenddessen stehen Ronny und seine Kollegen zwischen Efeu, Grabsteinen und matschigen Erdhaufen. Sie schauen etwas verdutzt, denn der Farn, den die Gruppe neben ihnen gerade mit Schwung herausreißen wollte, konnte durch beherztes Eingreifen einer Gärtnerin noch gerettet werden. Es läuft nicht alles glatt, aber trotzdem kommen die Gruppen schnell voran und haben bereits am Vormittag eine größere Fläche als geplant freigelegt. »Wir arbeiten alle sehr gut zusammen«, sagt Ronny Schultke.

Der 25-Jährige gebürtige Cottbuser ist das erste Mal auf dem Friedhof, und etwas mulmig ist ihm dabei schon: »Es ist seltsam, so mitten zwischen den Gräbern zu stehen.« Aber die Arbeit mache ihm Spaß und es sei auch mal eine gute Abwechslung zum normalen Alltag in der Kreditabteilung. Vorbereitet wurden alle Freiwilligen, die für diesen Tag vom Unternehmen freigestellt wurden, in einem Seminar. Sie erhielten eine kleine Einführung in die Geschichte des Jüdischen Friedhofs. Die Schüler bereiteten sich bei Projektstunden auf den Tag vor.

Themenjahr Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz ist vom »Day of Caring« begeistert. »Gerade im Berliner Themenjahr ›Zerstörte Vielfalt‹ ist dieses Projekt, das versucht, ein deutsches Kulturgut zu erhalten, sehr wichtig. Ein Friedhof braucht konstante Pflege.«

Gemeinsam mit Schmitz geht der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, über den Friedhof. Auch auf ihn machen die vielen Menschen Eindruck, die in 1600 Arbeitsstunden 3000 Quadratmeter bearbeiteten und insgesamt mehr als 20 Kubikmeter Baumaufwuchs entfernt hatten. »Ich bin gerührt, zu welchem Glanz man diesem Schmuckstück verhelfen kann, wenn man wirkliches Engagement an den Tag legt«, sagt Joffe.

Und dieses Engagement muss gefeiert werden. Aber erst nach getaner Arbeit in einem benachbarten Jugendklub im Prenzlauer Berg. Dort bedankte sich auch Staatssekretät André Schmitz persönlich bei den Freiwilligen – bis zum nächsten »Day of Caring«.

Jüdischer Friedhof, Schönhauser Allee 22

Einen Rundgang mit dem Smartphone gibt es unter www.juedische-friedhoefe-berlin.mobil

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