Gemeinschaft

»Für Teens, von Teens, mit Teens«

Jung und engagiert: Joelle und David Foto: privat

Gemeinschaft

»Für Teens, von Teens, mit Teens«

Joelle und David haben auf der International August Executives Conference der Jugendorganisation BBYO die ZWST vertreten

von Katrin Richter  30.08.2022 07:38 Uhr

Joelle und David, Sie haben am BBYO Perlman Camp teilgenommen. Welche Erwartungen hatten Sie an Ihren Aufenthalt?
David: Ich möchte andere Chapter, also andere jüdische Jugendzentren, und Strukturen kennenlernen. Vor allem möchte ich erfahren, wie die jüdische Jugendbewegung in den USA, aber auch weltweit funktioniert und was wir darür für Deutschland lernen und umsetzen können. Besonders interessant finde ich das Konzept der Regional oder National Convention, das man auch gut in Deutschland umsetzen könnte. Ebenfalls erhoffe ich mir, in den Workshops und Sessions zu üben, frei vor einer Gruppe zu sprechen, oder zu lernen, was man machen kann, um mehr Jugendliche in sein Jugendzentrum zu bringen.

Welche Akzente wollen Sie setzen?
Joelle: Ich möchte lernen, wie ich andere jüdische Jugendliche in meinem Alter dazu motivieren kann, aktiver zu werden und ihre jüdische Identität zu stärken. Außerdem möchte ich den BBYO-Spirit und die Energie, mit der sie ihr Jahr hier gestalten, mit nach Deutschland nehmen. BBYO verbindet gemeinsame Geschichte und gemeinsame Errungenschaften. Die Jugendbewegung setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein und erreicht viele Menschen in der ganzen Welt. Alle hier sind stolz darauf, so eine starke Organisation zu unterstützen. Wir sind genauso stolz auf alles, was die ZWST für uns und andere Menschen in Deutschland ermöglicht.

David: Wir möchten jüdische Jugendliche dazu motivieren, in ihr Jugendzentrum zu gehen und ihre Stimme zu erheben, und dass sie die Möglichkeit haben, das Erlebnis mitzugestalten. Wir wollen erreichen, dass Jugendliche ihre eigene Erfahrung in der jüdischen Welt für sich und ihre Freunde mitprägen. Dass sie mitentscheiden und vielleicht bald auch bei der Gestaltung der Machanot für ihre Altersgruppe den Ton mitangeben. Wir merken hier, dass Selbstorganisation tatsächlich möglich ist. Diese Konferenz ist größtenteils von den Jugendlichen selbst geplant und auch durchgeführt.

Was ist Ihnen wichtig, wenn es darum geht, Jüdischsein heute in Deutschland den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu vermitteln?
Joelle: Unser Ziel ist es zu zeigen, dass das jüdische Leben in Deutschland wirklich lebendig ist. Deshalb wollen wir bei der International Convention in Dallas 2023 die größte internationale Delegation sein. Während wir hier viele amerikanische Traditionen kennenlernen dürfen, wollen wir aber gleichzeitig auch unsere beziehungsweise die europäischen Traditionen teilen.

David: Viele können sich außerdem nicht vorstellen, wie es ist, als Jude oder Jüdin in Deutschland zu leben. Deswegen sind wir umso stolzer, hier sein zu dürfen, und wollen zeigen, dass es ein aktives und einzigartiges jüdisches Leben in Deutschland gibt. Seien es nun die Jugendzentren oder die Machanot, jüdische Jugendliche haben viele Möglichkeiten, aktiv zu sein, und sie sind es auch, das wollen wir der Welt beweisen. Durch die Zusammenarbeit mit BBYO schaffen wir noch mehr Möglichkeiten für Jugendliche, sich einzubringen, zum Beispiel dadurch, dass wir bald ein Deutsches Board gründen möchten. Wir wollen uns weiter jüdische Jugendliche an unsere Seite holen, die ihren eigenen Input geben und das kommende Jahr mit anleiten.

Joelle: Bis vor ein paar Jahren wollten die jüdischen Organisationen auf der ganzen Welt nichts mit dem deutschen Judentum zu tun haben. Wir hatten keine Vorstellung davon, wie Judentum in anderen Ländern gelebt wurde. Und von uns wusste der Rest der Welt auch nichts. Besonders deswegen freut es uns zu sehen, dass die Leute aus aller Welt begeistert davon sind, dass wir mit dabei sind.

Was wünschen sich junge Jüdinnen und Juden heute in Deutschland?
David: Jüdische Jugendliche in Deutschland wollen mehr in ihren eigenen Programmen mitgestalten. Durch Social Media sehen wir viel über das Leben in anderen Ländern. Wir wollen die Welt sehen und noch mehr sehen, wie das jüdische Leben an anderen Orten ausgelegt wird und was wir davon für uns lernen können. Andersherum können wir auch viel von uns an die Welt weitergeben.

Was genau?
David: Zum Beispiel haben wir vor, unsere Jugendzentren mit verschieden Chaptern aus aller Welt zu vernetzen, sodass diese gemeinsam Programme planen, sich austauschen und sich eines Tages hoffentlich auch gegenseitig besuchen können. Doch auch unsere Jugendzentren wollen wir besser vernetzen und ihnen mehr Möglichkeiten geben, sich regional zu treffen. Außerdem haben wir die Vision von einer ersten deutschen National Convention.

Joelle: Wir möchten jüdischen Jugendlichen in Deutschland zeigen, dass ihre jüdische Identität nicht an den Grenzen Deutschlands endet, sondern über die ganze Welt hinaus verbindet. Außerdem wünschen sich jüdische Jugendliche in Deutschland positive Veränderung in Form von mehr Mitspracherecht. Wir wollen jüdischen Jugendlichen den Spaß an den Jugendzentren wieder ermöglichen, indem sie Programme gestalten können, auf die sie Lust haben, zu Themen, die sie interessieren. Das Ganze wollen wir durch sogenannte Youth Club Leader in jedem Jugendzentrum sowie einem deutschlandweiten Board koordinieren. Alles steht also unter dem Motto: »Für Teens, von Teens, mit Teens.« Durch die weltweite Vernetzung über die Plattform von BBYO erhalten wir die Skills, mit denen wir angepasst an Deutschland diese Veränderungen vornehmen werden.

Die Fragen stellte Katrin Richter.

Bei dem Projekt handelt es sich um eine Kooperation der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der BBYO.

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  23.02.2026 Aktualisiert

Sally Bein

Reformpädagoge in schwieriger Zeit

Ein deutsch-israelisches Autorenduo zeichnet das Leben und Wirken filmisch nach

von Alicia Rust  23.02.2026

Lesen

Mehr als eine Familiengeschichte

Jan Mühlstein stellte im Gemeindezentrum sein neues Buch vor, das persönliche Erinnerungen mit europäischer Geschichte verknüpft

von Esther Martel  23.02.2026

Beni-Bloch-Preis

Jugend erinnert

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main vergibt die Auszeichnung an Gedenkprojekte von Schülerinnen und Schülern aus Hessen

von Katrin Richter  23.02.2026

Porträt der Woche

»Das wird mein Leben«

Mayan Goldenfeld verliebte sich in die Opernwelt und wurde Sängerin

von Gerhard Haase-Hindenberg  23.02.2026

Göttingen

Ehrendoktortitel für Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub

Auch Ehrung mit Friedenspreis geplant

 23.02.2026

Berlin

Gedenken an Proteste von 1943 in der Rosenstraße

Der Protest von wahrscheinlich mehreren hundert Frauen in der Berliner Rosenstraße während der zwölfjährigen NS-Diktatur gilt als beispiellos. An den lange vergessenen Widerstand wird am Donnerstag erinnert

 23.02.2026

München

Religiöse Heimat

Die Stadtteilsynagoge Sha’arei Zion in der Georgenstraße ist seit Jahrzehnten ein Zentrum jüdischen Lebens in Schwabing

von Esther Martel  22.02.2026

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026