Turnier

Fliegende Kippot

Der Berlin Jewish Football Cup hatte offiziell noch gar nicht begonnen, da war der Andrang bereits groß. So mancher Fußballbegeisterte machte sich am Sonntagvormittag sogar vergeblich auf den Weg zur Kickerworld nach Berlin-Spandau. Die Halle war voll. Seit Tagen gab es bereits keine Tickets mehr. Die Enttäuschung war ihnen anzusehen. Aber sie konnten vertröstet werden: Sollten Tickets im Laufe des Tages nicht eingelöst werden, konnten auch sie ihr Fußballteam noch später anfeuern.

Einige Teams hatten offenbar ihren eigenen Fanclub mitgebracht. Insgesamt zwölf jüdische Hobby-Mannschaften traten beim ersten jüdischen Fußballturnier in Berlin gegeneinander an. Der Veranstalter, die Kahal Adass Jisroel Gemeinde (KAJ), stellte sogar gleich drei Teams. Auf den Spielfeldern herrschte bereits reger Betrieb, die Sportler machten sich warm. Der Ehrgeiz war also groß.

»Liebe Freunde, herzlich willkommen beim Berlin Jewish Football Cup 2026«, begrüßte Rabbiner Daniel Fabian die Anwesenden unter Applaus. »Wir sind hier heute, um Spaß zu haben, um anzufeuern und um Fußball zu spielen.« Politik solle an diesem Sonntag keine Rolle spielen. Und den Sieger kürte Fabian noch vor dem ersten Spiel: »Das jüdische Leben in Berlin ist heute auf jeden Fall der Sieger. Wir wollen eine jüdische Gemeinschaft sein. Am Israel Chai.«

Das war das Motto für die Teams. »Die Kippa stabil, wir stürmen das Feld, Chabad Berlin.« Das Team von Chabad lief mit einem eigenes für das Turnier geschriebenen Lied ein, ebenso wie das Team des Zentralrats: »Wir kommen und siegen.« Als alle zwölf Mannschaften versammelt waren, wurde noch gemeinsam für »die Brüder und Schwestern in Israel« gesungen.

»Die Kippa stabil, wir stürmen das Feld«, so das Lied des Teams von Chabad Berlin.

Und los ging es. Auf zwei Feldern wurde gleichzeitig gespielt. Ein Spiel dauerte zehn Minuten. Für jede Mannschaft waren fünf Spieler auf dem Platz. Zwei Auswechselspieler warteten auf ihren Einsatz. Der jüngste Fußballer ist 15 Jahre alt und gehört der U18 von Kahal Adass Jisroel an, der älteste ist über 50 Jahre.

Den Zuschauern fiel es offenbar schwer, sich zu entscheiden. So war es ein ständiges Hin und Her zwischen den Spielfeldern, begleitet von der Frage: »Wie viel steht es?«

Parallel dazu fragten die pausierenden Fußballer einander: »Wann spielen wir?« Auch sie sahen gespannt den gegnerischen Teams zu und ließen sich von der Stimmung mitreißen. Beim Schlagabtausch zwischen »Jewgårdens« und dem »FC United East« fiel es einem der pausierenden Spieler von »KAJ« offenbar schwer, sich für eine Mannschaft zu entscheiden. Seine lautstarken Zwischenrufe galten Spielern beider Teams. Häufig war unklar, wem das »Zieh ab! Zieh ab!« gerade galt.

»Eigentlich haben wir uns das anders vorgestellt«, fasste Ilja Schermann vom Team »Jewgårdens« nach seinem ersten Match zusammen. Sein Team hatte gerade eine Niederlage gegen den »FC United East« einstecken müssen (0:2). »Aber wir sind ja hier, um Spaß zu haben.« In dem Moment bedankte sich ein Fußballer des »FC United East« bei ihm für das gute Spiel. »Darum geht es heute«, sagte Schermann daraufhin und meinte den gemeinschaftlichen Aspekt des Turniers.

An Ehrgeiz fehlte es trotzdem nicht. Beim Spiel zwischen »Chabad Berlin« und dem »Zentralrats-Fußballclub von 1950« hätte es beinahe den ersten Verletzten gegeben. Einen Fußballer des Zentralrats erwischte ein Fuß am Kopf. Das Spiel musste für einen kurzen Moment unterbrochen werden. Im Zuschauerbereich versorgte parallel dazu ein Spieler der U18-Mannschaft von KAJ seinen Teamkollegen mit Pflastern. Wie dynamisch die Spiele waren, zeigte sich nicht zuletzt an den Kippot, die den Fußballern regelmäßig vom Kopf flogen.

Ein Spieler versorgte seinen Teamkollegen mit Pflastern.

»Es hat sehr viel Spaß gemacht. Ich habe lange nicht gespielt«, sagte ein Teammitglied von »Hillel Germany« noch etwas außer Atem. Er kann sich sicher sein: Sein Einsatz kam bei den Zuschauern gut an. »Warum wir heute da sind?«, gaben Elina und Anita die Frage etwas verblüfft zurück. »Um ›Hillel‹ anzufeuern«, rief die eine selbstverständlich. »Und um unsere Stimme zu verlieren«, ergänzte die andere lachend.

»Wir waren immer überlegen, haben aber trotzdem die Tore kassiert«, fasste ein Spieler der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) nach einer Niederlage scherzhaft zusammen, in der Hand ein belegtes Käsebrötchen und ein Schokocroissant. »Das ist rein pragmatisch«, erklärte er. »Es sind die meisten Proteine für wenig Geld.«

Mit Humor nahm auch Paavo Czwikla, Pressesprecher des Zentralrats, das gerade verlorene Spiel. »Ich würde sagen, es gibt noch Raum zur Verbesserung«, sagte er grinsend auf die bisherige Leistung angesprochen. »Für uns ist es eine tolle Chance, hier mitzuspielen und den Zentralrat zu vertreten.«

Jenen vertrat er an diesem Tag nicht als Pressesprecher, sondern als Torwart. Czwikla begrüßte, dass es heute mal nicht um Politik ging, sondern einfach darum, miteinander Fußball zu spielen – »manche gut, manche leider weniger gut«, ergänzte er. »Das macht einfach sehr viel Spaß.«

Ob orthodox, liberal oder konservativ, religiös oder nicht, an diesem Tag kamen alle zusammen.

Das Turnier war ein voller Erfolg. Auch ohne Werbung erschienen 300 Zuschauer. »Wir haben die Juden Berlins zusammengebracht«, resümierte der Organisator Jan Josef Laiter stolz. »Dieses Turnier ist schon sehr lange in meinem Kopf.« Fußball war über Jahre hinweg ein prägender Teil in seinem Leben. In der Vergangenheit hatte er als Leistungssportler in der Landesauswahl von Sachsen-Anhalt gespielt. »Und das Judentum ist nicht nur ein Teil, sondern es ist mein Leben.« Also wollte er beides zusammenbringen.

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Fußball verbindet. Egal ob orthodox, liberal oder konservativ, religiös oder nicht religiös: An diesem Tag kamen alle zusammen. Unterschiedliche jüdische Gemeinden und Gemeinschaften hatten die Möglichkeit, einander kennenzulernen, sich zu vernetzen, neue Gemeinden und andere Organisationen kennenzulernen.

Das Ziel, die Juden Berlins zusammenzubringen, hat der Veranstalter erreicht. Einen objektiven Sieger gab es aber natürlich trotzdem: Das Team von »Chernomorets Odessa« konnte sich im Finale gegen die erste Mannschaft des Gastgebers durchsetzen.

Gespielt wurde um einen Pokal und eine Siegprämie von 613 Euro. Das Siegergeld soll für einen wohltätigen jüdischen Zweck gespendet werden.
Auf dem dritten Platz folgte das Team vom JSUD – die Proteine haben also geholfen – und auf dem vierten die U18-Mannschaft von KAJ. So waren alle zufrieden – auch die Fans ohne Tickets hatten es letztendlich in die Halle geschafft.

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