Musik

»Es macht einfach Spaß«

Etwa 25 Frauen und zwölf Männer singen beim Re’ut-Chor im Gemeindehaus an der Fasanenstraße. Foto: Judith Tarazi

Die Musik von Jimi Hendrix hört Chaim Jellinek mit am liebsten. Als Schlagzeuger tourte der Arzt früher mit seiner Punk-Band durchs Land. Doch nun singt er jeden Montagabend Synagogalmusik. »Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich einmal eine Leidenschaft für diese Musik entwickeln würde«, sagt er heute.

Seit knapp fünf Jahren ist der 59-Jährige einer von zwölf Männern, die das Fundament des Berliner Re’ut-Chores bilden. Damals hätten er und seine Frau etwas für ihre Freizeit gesucht, das nichts mit der Arbeit zu tun haben sollte. Beide wollten einfach entspannen und einen Ausgleich finden, der sie glücklich macht. Sie entschieden sich für den Chor.

»Singen macht gute Laune, definitiv«, begründet Jellinek seine Wahl. »Es gibt im Chor ein Gemeinschaftserlebnis, und am Ende der Probe weiß man, wie die Lieder gesungen werden müssen.«

Leiterin Etwa 25 Frauen und zwölf Männer kommen regelmäßig montags zu den Proben ins Gemeindehaus an der Fasanenstraße. Vor knapp fünf Jahren wurde Regina Yantian, Organistin und Chorleiterin der Synagoge Pestalozzistraße, von Musikliebhabern gebeten, einen Chor auf die Beine zu stellen. Sie leitet ebenso das Synagogalensemble Berlin, einen Profichor sowie den Kinderchor der Synagoge Pestalozzistraße und ist künstlerische Leiterin des Louis-Lewandowski-Festivals.

Die Chorleiterin ließ sich nicht lange bitten. Sie kümmerte sich um einen Probenraum im Gemeindehaus, gewann die Pianistin Svetlana Stepovaja und Kantor Isaac Sheffer dazu und legte Flyer aus. An die erste Probe kann sie sich noch gut erinnern, denn es kamen mehr Interessenten, als sie erwartet hatte. Einige Sänger kannte sie schon, aber es waren auch viele neue Gesichter dabei.

Mit einem bekannteren Lied zum Einstieg eröffnete sie den ersten Chorabend. »Da braucht man sichere Sänger, an denen sich die Neuen erst einmal orientieren können.« Einige müssen sich auf ihr Gehör und ihr Gedächtnis verlassen, da sie keine Noten lesen können, andere sind bereits sehr gut ausgebildet. Eines aber teilen alle: den Spaß am Singen und an der Musik.

Vor dem Gesang lockern und dehnen sich die Sänger mit Gymnastik. Dann folgt das Einsingen, bis es schließlich an die Stücke herangeht. Ein bis zwei Lieder sollen in jeder Probe durchgenommen werden. Auf dem Probenplan stehen liturgische Werke und israelische Lieder.

noten Etliche Literatur kann die Kantorin aus ihrem Notenschrank hervorziehen, in den sie immer wieder neue Werke hineinlegt. Denn wenn Regina Yantian verreist, kommt sie fast immer mit Noten zurück, vor allem aus den USA und Israel. Deshalb singt der Chor auch aktuelle Lieder aus Israel.

Einige Komponisten, wie etwa Meir Finkelstein, sind Mitte der 90er-Jahre geboren und schreiben bis heute. Jeder Sänger bekommt die Stücke mitsamt Noten, hebräischen Texten und einer Übersetzung. Denn viele der Chorteilnehmer sprechen kein Hebräisch. Deshalb gibt es auch immer Sprachübungen, damit die Aussprache sitzt. Auch die Rhythmik habe es in sich, meint Yantian. Es sei »gar nicht so einfach, alles perfekt hinzubekommen«, sagt die Chorleiterin.

Bislang ist der Chor bei Feiern im Jüdischen Gemeindehaus und bei Benefizkonzerten aufgetreten. Im Sommer sang er bei der Fête de la Musique. Der nächste Auftritt ist für den Chanukkabasar der Synagoge Pestalozzistr im Gemeindehaus in der Fasanenstraße geplant. Außerdem hat Regina Yantian Kontakt zu Chören in anderen Städten aufgenommen, mit Ensembles in Frankfurt und Wuppertal ist sie bereits im Gespräch.

sänger Die Sänger setzten sich aus Betern verschiedener Berliner Synagogengemeinden zusammen. Eine von ihnen ist Dagmar Otschik. Schon am Montagmorgen freut sich die 52-Jährige auf den Abend. Denn dann schnappt sie sich ihre Liedermappe und fährt zur Chorprobe. Sie ist wenige Monate nach der Gründung des Chores dazugekommen und mittlerweile mehr als vier Jahre dabei. »Ich ließ mich überreden«, sagt sie.

Jahrzehntelang hatte sie überhaupt nicht mehr gesungen – zuletzt sang Otschik im Kinderchor des langjährigen Gemeindekantors Estronga Nachama sel. A. »Da war ich zehn Jahre alt«, erzählt sie. Doch dann ging sie mit ihrer Familie nach London. Noten lesen kann sie bis heute nicht, obwohl sie als Kind sogar Klavier gespielt hat. Doch dieses Manko macht sie mit ihrem guten Gehör wett – sie kann sich Melodien schnell merken.

Vor allem aber, und das gilt für alle Sänger des Re’ut-Chores, genießt sie die synagogale Musik. »Wir sind eine tolle Mannschaft«, schwärmt Otschik. »Wir lachen viel miteinander«, stimmt Chaim Jellinek zu. »Es macht einfach Spaß.«

Der nächste Auftritt des Re’ut-Chores ist am 8. November zum Chanukkabasar der Synagoge Pestalozzistraße im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße.

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026