Seder

Es ist unsere Freiheit

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Es sind auch heuer wieder bewegte, ja turbulente Zeiten, in denen wir in der Münchner Kultusgemeinde uns auf Pessach vorbereiten. Mit dem Chag Ha’Aviv, dem »Fest des Frühlings«, beginnt eigentlich ein neuer Kalenderzyklus, Pessach markiert Jahr für Jahr einen Neuanfang. Und doch bin ich sicher nicht die Einzige, die in unserem direkten und erweiterten Umfeld derzeit nur wenig Aufbruch spürt.

Im Gegenteil: Unsere Gegenwart fühlt sich vielfach an wie eine Art Fortsetzung der kräftezehrenden vergangenen Jahre. Wieder steht Israel unter Beschuss und muss sich gegen Feinde an seinen Grenzen zur Wehr setzen. Wieder fühlen und fürchten wir mit seinen Bürgern, die angesichts iranischer Raketenangriffe ständig Stunden und Tage in Schutzräumen verbringen müssen.

Und wieder droht die jüdische Gemeinschaft in aller Welt zu einer weiteren Front dieses Konfliktes gemacht zu werden. Allein im März haben wir etwa antijüdische Anschläge oder Anschlagsversuche in Lüttich, Rotterdam, Amsterdam, London und Antwerpen erlebt.

Wir wissen sehr genau, in welcher Welt wir leben.

In Toronto wurde binnen einer Woche auf gleich drei Synagogen geschossen, und in West Bloomfield bei Detroit fuhr ein bewaffneter Angreifer sein Auto in ein Gemeindezentrum, ehe er ausgeschaltet werden konnte. Auch wenn wir in München nach allen Erkenntnissen nicht unmittelbar gefährdet sind und unsere Sicherheit intern und extern hervorragend gewährleistet bleibt, können wir solche Entwicklungen doch nicht einfach ausblenden. Wir wissen sehr genau, in welcher Welt wir leben.

Inmitten dieser aufwühlenden Zeit bleibt Pessach als Fest der Freiheit des jüdischen Volkes für uns von besonders herausgehobener Bedeutung. Nicht allein, weil konkret im Laufe des vergangenen Jahres endlich auch die letzten überlebenden Geiseln des 7. Oktober ihre Freiheit zurückerlangt haben und die Toten endlich würdig beerdigt werden konnten. Sondern auch ganz allgemein, weil wir über aller Drangsal niemals vergessen, warum unsere Freiheit für uns so wertvoll ist.

Die Verfolgung, die die jüdische Gemeinschaft seit dem Auszug aus Pharaos Sklaverei erleiden musste, hat mit der Zeit immer neue Tiefpunkte erreicht – vor allem aber auch Endpunkte. Jüdische Existenz war niemals und nirgends unumstritten oder einfach, aber es ist im Laufe von Jahrtausenden doch niemandem gelungen, sie zu zerstören. Alle Feinde, die sich daran versuchten, hat die Geschichte begraben. Wir aber sind noch da.

Sicher, dieser aufbauende Gedanke lässt sich nicht direkt auf unsere Gegenwart übertragen. Weder im Westen noch in Israels Nachbarschaft, nicht im Iran und nicht im Libanon, sind diejenigen Kräfte neutralisiert, die von Judenhass angetrieben werden und die ihn in Wort und mörderischer Tat verbreiten. Aber so schwer der Kampf gegen diese Kräfte immer war und auch bleiben wird: Verloren ist er nicht. Verloren ist er nie.

Wenn wir dieser Tage gemeinsam an der Sedertafel Platz nehmen, dann feiern wir nicht einfach nur ein Fest der Erinnerung, wir umgürten uns mit der Kraft unserer Geschichte. Wir füllen eine Ressource auf, ohne die jüdisches Leben nicht nur keine Jahrtausende, sondern nicht einmal einen Tag überdauert hätte: Zuversicht. Nicht verstanden als blinde Sorglosigkeit, aber sehr wohl als Vertrauen in die Kraft des Richtigen und Guten hat sie uns durch alle Zeiten getragen und erlaubt uns auch heute, den Blick über die Erschwernisse der Gegenwart hinaus zu richten.

Israel ist auch in dieser Hinsicht ein Vorbild. Die Menschen dort sind zwar zermürbt von einem Krieg, der in verschiedenen Formen und kaum unterbrochen seit bald zweieinhalb Jahren andauert. Aber trotzdem inspirieren sie uns jeden Tag aufs Neue mit ihrer Stärke. Israel ist und bleibt die Land gewordene Hoffnung für die jüdische Gemeinschaft, nichts hat uns diese Hoffnung nehmen können. Die Hasser werden daran auch dieses Mal scheitern, so wie sie noch immer gescheitert sind.

Erfolge sind nur möglich, weil es Menschen gibt, denen die Gemeinde am Herzen liegt.

Dieses große Ganze im Hinterkopf, bleibt es unsere Aufgabe als jüdische Gemeinschaft vor Ort, das wichtige Kleine zur Grundlage für unsere Zukunft zu machen. In München, wo wir in den vergangenen Jahren viel in die Infrastruktur unserer Gemeinde investiert haben und heute ein jüdisches Leben sprichwörtlich von der Wiege bis zur Bahre ermöglichen, sind wir weiter auf einem sehr guten Weg.

Die Meilensteine, die wir dabei passieren, führen uns das Erreichte vor Augen: So wird das Helene-Habermann-Gymnasium in diesem Sommer gleichzeitig mit der Verabschiedung seines zweiten Abiturjahrgangs auch sein bereits zehnjähriges Bestehen feiern.

Noch in diesem Herbst begehen wir außerdem einen besonderen Jahrestag, wenn sich die Einweihung unserer Hauptsynagoge am Jakobsplatz am 9. November bereits zum 20. (!) Mal jährt. In beiden Fällen werden Freunde aus Politik und Gesellschaft zu Gast sein, die auch im administrativen Alltag fest an unserer Seite stehen; ich darf bei dieser Gelegenheit dem scheidenden Oberbürgermeister Dieter Reiter meinen Dank für lange Jahre bester Zusammenarbeit aussprechen. Auch in seinem designierten Nachfolger Dominik Krause hatten und haben wir einen engen Verbündeten.

Im Politischen wie in der praktischen Gemeindearbeit gilt: Erfolge sind nur möglich, weil es Menschen gibt, denen die IKG am Herzen liegt. Die haupt- oder ehrenamtlich mit und für die Gemeinde arbeiten, weil sie aus abstrakter Tradition einen konkreten Auftrag für sich selbst ableiten. Pessach ist ein Fest, das uns alle in diesem Engagement bestärkt und das unterstreicht: Gerade in turbulenter Zeit müssen wir miteinander tatkräftig zuversichtlich bleiben. Einen besseren Ort als einen Seder kann ich mir dafür nicht vorstellen.

Damit wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben Chag Pessach kascher we-sameach!

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