Gedenken

Erinnern in Dahlem

Stolpersteinverlegung und Einweihung der Gedenkstele mit Rabbiner Bryan Weisz in Dahlem Foto: Uwe Steinert

Es war ein besonderer Moment, als am vergangenen Donnerstag die Gedenkstele enthüllt wurde und Rabbiner Bryan Weisz ein Gebet sprach. Hinter ihm die Stele auf dem Bürgersteig, vor ihm die Erben von Richard Semmel und wenige Meter weiter entfernt die angestrahlte irakische Botschaft. »Wir erinnern nicht nur an die Vertreibung von Richard Semmel, der Juden Berlins und Deutschlands, sondern auch an die über 100.000 aus dem Irak vertriebenen Juden«, bemerkte der Historiker Julien Reitzenstein bei der Feier an der Pacelliallee 19/21.

Es war ein langer Weg, bis die Stolpersteine für Richard Semmel und seine Frau Clara Cäcilie und die Gedenk­stele vor der Botschaft verwirklicht werden konnten, die ersten Anträge liegen Jahre zurück.

Enkelin Shelly und Urenkel Jonathan waren extra aus Südafrika und Schottland angereist, um an der Zeremonie teilzunehmen. Sie bemühen sich bis heute, zumindest die Bilder von Richard Semmels Kunstsammlung zurückzubekommen.

Die Familie Wilhelm Kühne hatte die Semmel-Villa 1934 für einen Spottpreis 1934 erworben.

Auch Reiner Strecker, Vorsitzender des Beirats der Carl Kühne KG, kam als Vertreter der Familie Wilhelm Kühne aus Wuppertal, die die Semmel-Villa für einen Spottpreis 1934 erworben hatte. Die Firma hat nun die Gedenkstele für Richard Semmel und seine Frau finanziert.

KUNSTSAMMLER »Es war für die Erben ein sehr aufwühlender Moment«, sagt Erbenvertreter Olaf S. Ossmann einen Tag später am Telefon. Der Rechtsanwalt von der »Stiftung Menschenbild« und Vertreter der Erben seit 30 Jahren stellte Richard Semmel (1875–1950) bei der Feier vor.

In Niederschlesien wurde er geboren, ab 1896 arbeitete er in Berlin in der Wäschefabrik von Arthur Samulon, wurde deren alleiniger Inhaber 1919. Drei Jahre später konnte Semmel das Grundstück in der Cecilienallee 19/21 erwerben, die während der Berlin-Blockade nach Eugenio Pacelli, dem als Antikommunisten an der Seite Berlins stehenden Papst Pius XII., benannt wurde.

Architekt Adolf Wollenberg hatte die Villa einst geplant, in die die Familie 1926 einzog, begleitet von etwa 100 Werken bekannter Künstler wie Auguste Renoir, Vincent van Gogh, Camille Pissarro und Paul Gauguin. Semmel galt als einer der wichtigsten Kunstsammler Berlins. Das Ehepaar Semmel soll einen Kunstsalon geführt haben, es veranstaltete Opernbälle. Etwa 2000 Mitarbeiter hatte Semmels Firma.

FLUCHT 1933 änderte sich für das Ehepaar alles, es floh in die Niederlande, von dort aus verkaufte Semmel 1934 seine Villa unter Wert an Wilhelm Kühne, Eigentümer eines 1722 gegründeten Familienunternehmens, das bis heute für seine Gewürzgurken, Essige und viele andere Lebensmittel bekannt ist.

Das Ehepaar Semmel schaffte es mittellos nach Chile. Dort setzte den beiden das Klima so zu, dass sie weiter nach New York emigrierten und bei Freunden unterkamen, wo Richard Semmel verarmt verstarb. Die Witwe Therese Kühne verkaufte wenige Jahre nach Kriegsende die Villa an die katholische Schwesternschaft Aquinata in Berlin, die sie später weiterveräußerte, bis ein Immobilienunternehmen sie aus der Insolvenzmasse der Göttinger Gruppe der Republik Irak anbot.

Für die Villa sind alle Fristen abgelaufen, doch für die Kunstsammlung nicht.

Zu seiner Erbin erklärte Richard Semmel Grete Gross-Eisenstädt. Deren Enkelkinder versuchen seit Jahren, die Restitution von Kunstwerken der Sammlung Richard Semmel zu erreichen. Für die Villa sind alle Fristen abgelaufen, doch für die Kunstsammlung nicht. »Wir wissen nicht, wo die Bilder sind«, sagt der Anwalt. Ab und an seien einige wieder aufgetaucht, mittlerweile seien es um die 20, die aus privater oder öffentlicher Hand kamen und für die Lösungen gefunden werden konnten.

ALLEE Doch in naher Zukunft soll nicht nur an den Fabrikanten Semmel gedacht werden, sondern auch an etliche weitere jüdische Hausbesitzer in der Straße. Die Pacelliallee soll so in eine »Allee des Gedenkens«, ähnlich eines Geschichtslehrpfades mit Informationsstelen, umgestaltet werden – denn die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) hat Julien Reitzensteins Konzept einer »Allee des Gedenkens« verabschiedet und das Bezirksamt aufgefordert, wie von dem Historiker vorgeschlagen, das Touro College mit der weiteren Umsetzung zu beauftragen, sagt Mathia Specht-Habbel (FDP) von der BVV.

Für die Infotafeln könnte der Mittelstreifen genutzt werden. Die Zählgemeinschaft in der BVV Steglitz-Zehlendorf aus Grünen, SPD und FDP hatte die Rolle der Gastgeber und Einladenden für die Stelenenthüllung und Stolpersteinverlegung übernommen.

Die Stelen sollen darüber Auskunft geben, dass in dieser Straße die Zahl der jüdischen Hausbesitzer, die ihre Immobilie und oft auch ihr Leben während der Schoa verloren, um einiges höher war als im Berliner Durchschnitt.

Ebenso soll über den Namensgeber der Allee informiert werden, denn Eugenio Pacelli (1876–1958) war der bürgerliche Name von Papst Pius XII., der als Staatsoberhaupt des Vatikans zumindest politisch dafür verantwortlich war, durch die vom Vatikan betriebene »Rattenlinie« zahllose Täter, darunter Adolf Eichmann und Josef Mengele, vor der Justiz zu schützen.

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