Zeitzeuge

Er war immer da

Es war ihm stets ein Bedürfnis, dabei zu sein, wenn es um Erinnerungsarbeit ging: Franz Michalski sel. A. (1934–2023) Foto: Stephan Pramme

Zeitzeuge

Er war immer da

Kaum eine Gedenkveranstaltung ohne ihn – nun ist der Schoa-Überlebende Franz Michalski verstorben

von Christine Schmitt  04.01.2024 10:58 Uhr

Noch am 28. November kam Franz Michalski anlässlich des Jahrestags des ersten Kindertransports von Berlin nach Großbritannien zu einer Gedenkveranstaltung an den Bahnhof Friedrichstraße – trotz eisiger Temperaturen.

Wenn es ums Gedenken oder Zeitzeugen-Gespräche in Schulen und anderen Einrichtungen geht, dann war es dem Schoa-Überlebenden ein Bedürfnis, dabei zu sein. Immer mit einem Lächeln und einem freundlichen Gesichtsausdruck. Anfang des vergangenen Jahres war sein Gesicht auch auf den Plakaten der Kampagne »#WeRemember« zu sehen. Ende Dezember ist Franz Michalski im Kreise seiner Familie in Berlin verstorben. Er wurde 89 Jahre alt.

Erinnerung und Wissen

»Menschen wie Franz Michalski sind wir verpflichtet, Erinnerung und Wissen lebendig zu erhalten, weil wir wissen: Nie wieder ist jetzt!«, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU). »Die Begegnungen mit dem Ehepaar Michalski habe ich jedes Mal lange im Herzen bewahrt«, twitterte Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen).

»Wir trauern um Franz Michalski. Wir erinnern uns an besondere Momente mit ihm, wie das gemeinsame Chanukka-Kerzenzünden im Rathaus Schöneberg und wie wir ihm zum ersten Mal in seinem Leben Tefillin angelegt haben«, heißt es bei Chabad Lubawitsch. Auch das Haus der Wannsee-Konferenz und die Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK würdigten die Bedeutung Michalskis.

Die Familie konnte mit Glück und dank vieler Helfer überleben.

»Franz und Petra waren immer und überall, auch bei den Veranstaltungen der Stiftung Denkmal. Sie waren stets zusammen, sie waren letztlich eins. Petra war seit Franzʼ Schlaganfall 2010 sein ›Sprachrohr‹, er hob dann mit seinem unverwechselbaren verschmitzten Lachen und sprühenden Augen den Zeigefinger seiner rechten Hand und sagte: ›Ja, ja, ja, sie hat recht‹«, heißt es in der Pressemitteilung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

»Diese menschlichen Momente, diese gefühlvolle Aufklärung über Geschichte, über das eigene Schicksal, die sanfte, aber deutliche Mahnung an uns Heutige, waren für beide Lebenselixier, immer und überall – und zusammen.« Für ihr Engagement als Zeitzeugen und ihre Lebensleistung erhielten sie im September 2023 das Bundesverdienstkreuz.

Eigentlich wollte Michalski nach der Schoa Schauspieler werden. Doch er spürte ziemlich bald, dass er dabei sein Inneres nach außen hätte wenden müssen. Dazu war der junge Mann nicht in der Lage: Zu viel Unerträgliches hatte er erleben müssen. Während der Schoa war der damals Zehnjährige mit seiner Mutter und seinem kleineren Bruder auf der Flucht. Er bewahrte seine Mutter in letzter Sekunde davor, sich vor Verzweiflung zusammen mit seinem kleineren Bruder in den Selbstmord zu stürzen. Franz überlebte später einen Suizidversuch. Deshalb wollte er sein Seelenleben nicht preisgeben und entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung.

Geboren in Breslau, Flucht nach Berlin

Geboren wurde er in Breslau. Seine Mutter ließ sich christlich taufen. Doch es half nichts, die Familie musste fliehen und ging nach Berlin, wo sein Vater Arbeit gefunden hatte. Schließlich konnte sie wieder zurück nach Breslau, der katholische Vater blieb zurück und arbeitete weiter für das Chemieunternehmen Hans Schwarzkopf. Ein Polizist schützte die Familie in Breslau und sorgte dafür, dass ihr Name im Karteikasten immer wieder nach hinten gesteckt wurde, um ihre Deportation zu verhindern.

Dann kam Franzʼ zehnter Geburtstag. Der Polizist informierte sie, dass die Gestapo um 15.30 Uhr vor der Tür stehen würde. Seine Mutter deckte einen Geburtstagskaffeetisch. Und während die Gestapo an der Haustür klingelte, schenkte sie schnell Kaffee und Kakao ein – und verschwand mit den Söhnen durch den Hinterausgang zum Bahnhof. Dort wartete eine Freundin auf die drei, die sie zum Bahnhof brachte. So hatte die Familie einen kleinen Vorsprung.

Als der Vater Monate später an einem verabredeten Tag nicht kam, dachte seine Mutter, dass ihm etwas zugestoßen sei, und war so verzweifelt, dass sie sich das Leben nehmen wollte. Sie hatte sich Vorwürfe gemacht, dass alles ihre Schuld sei und sie die anderen in Gefahr bringen würde. Sie nahm die Pistole, die ihr Mann dem Sohn gegeben und dabei gesagt hatte, dass er alle erschießen solle, wenn die Gestapo kommt. Franz konnte sie ihr gerade noch abnehmen.

Daraufhin ging sie zur Kaimauer, mit Peter im Arm, und wollte sich hinunterstürzen. Als der Ältere es schaffte, seinen kleinen Bruder aus ihrem Arm zu befreien, gab sie auf. Die Odyssee durch Tschechien, Österreich und Sachsen bis 1945 nach Berlin konnte die Familie mit Glück und vielen Helfern überleben.

Nach Kriegsende kam er auf das Canisius-Kolleg

In Berlin kam Franz nach Kriegsende auf das Canisius-Kolleg. Die Lehrer waren Jesuiten und fingen an, ihn »auf eine ganz gemeine Art auszugrenzen«. Wenn in der Literatur oder in den Gesprächen etwas Jüdisches vorkam, guckten sie ihn an oder zwinkerten und lachten dabei hämisch, klopften ihm auf die Schulter und sagten: »Na, Michalski, das ist doch genau das Richtige für dich.« Er hielt es nicht aus. Da ihm sein Vater nicht glaubte, fühlte er sich im Stich gelassen. »Das war unerträglich«, sagte er in einem Interview.

An einem Tag wollte er aus dem Fenster springen, traute sich aber doch nicht und schluckte lieber alle Medikamente, die sich in der Wohnung befanden. Als seine Eltern nach Hause kamen, war er mehr tot als lebendig, kam in eine Klinik und konnte gerade noch gerettet werden. »Für jüdische Kinder war die Nachkriegszeit schlimm.« Er kam in ein Internat, wo er einen Freund fand – Petras Bruder. Über ihn lernte er sie kennen.

»Es war die Zeit, als wir viel tanzten und Benny Goodman hörten«, sagte er einmal. Er hatte damals auf die Schallplatten geschielt und gesagt, wie sehr er die Jazzmusik mag. Petra tanzte für ihr Leben gern und sehr gut, Franz forderte sie auf. »Und was geschah? Er trat mir auf den Fuß«, so seine Frau. Schließlich heirateten sie und bekamen Kinder.

Jüdische Kinder wurden in der Nachkriegszeit schlecht behandelt.

Franz wurde Kaufmann. 1969 zog die Familie nach Mannheim, wo er als Geschäftsführer eines Unternehmens der Boehringer-Mannheim-Gruppe arbeitete. Als er pensioniert wurde, entschied sich das Paar, nach Berlin zu ziehen und endlich das zu tun, worauf es Lust hatte. »Und das war Reisen.« Nach Argentinien, China und auf die Kanarischen Inseln. Auch in Berlin waren die beiden viel unterwegs.

Einmal besuchten sie eine Veranstaltung einer Gedenkstätte, bei der Evy Goldstein sprach, die als Fünfjährige in Berlin im Untergrund gelebt hatte. Nun berichtete sie, dass es den jüdischen Kindern nach dem Krieg schlecht ging. »Da sagte Franz das erste Mal in der Öffentlichkeit: ›Ach, wem sagen Sie das?‹ Weiter nichts. Eine Historikerin hat das gehört und ihn darauf angesprochen. Und er hat gesagt: ›Ja, dazu kann ich mehr erzählen, ich habe auch gerade meine Biografie geschrieben‹«, berichtete Petra Michalski.

Von da an wurden sie von Schulen als Zeitzeugen eingeladen. »Wir wollen damit auch an die stillen Helden erinnern, die der Familie immer wieder geholfen haben. Und damit die Kinder ermutigen, zu helfen, wenn sie Menschen in Not sehen.«

»Das war der Kern seiner, ihrer gemeinsamen Erzählungen: Courage ist auch in dunklen Zeiten möglich und in einer Demokratie tagtäglich nötig, erst recht angesichts eines erstarkenden, immer unverhohleneren Antisemitismus und einer verrohenden Sprache«, so die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Franz Michalski wird fehlen.

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