Stuttgart

»Er sagt, was er denkt«

»Nicht über uns, mit uns soll man sprechen«, forderte der Alt-Landesrabbiner Joel Berger in seiner Laudatio von denen, die das Judentum verstehen möchten. Mit Meinhard Mordechai Tenné hat am Sonntag ein Mann seinen 90. Geburtstag gefeiert, der schon sein Leben lang für Verständnis zwischen den Religionen wirbt – indem er mit anderen redet. Der ehemalige Vorstandssprecher der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) wurde am Sonntag in Stuttgart von Freunden, Familie und Politikern geehrt.

Alle Redner waren sich einig: Meinhard Tenné ist ein Mann des Dialogs. EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) bezeichnete Tenné als jemanden, der »mit Maß und Ziel seine Botschaft vertritt«, und würdigte sein Bemühen um die Integration der osteuropäischen Juden in die Gemeinde. Wo der Staat aus Überforderung die Grenzen bald dichtgemacht habe, habe die Gemeinde ihr plötzliches Anwachsen um das Drei- bis Vierfache bewältigt. Joel Berger lobte Tennés Verdienste um die Lehre der jüdischen Religion in Baden-Württemberg.

Verdienste Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) betonte Tennés großes Verdienst um den Dialog zwischen den Religionen: »Hass, Ablehnung und Rassismus entstehen aus Unkenntnis«, sagte Kuhn. Tennés Leben sei immer gegen die Unwissenheit gewandt gewesen. »Sie sind Aufklärer geblieben und nicht in Resignation versunken. Darum sind Sie für diese Stadt und diese Gemeinde so wichtig.« Karl-Hermann Blickle vom Stuttgarter Lehrhaus nannte Tenné einen Brückenbauer.

Die Vorstandssprecherin der IRGW, Barbara Traub, überbrachte Grüße vom Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Dieser charakterisierte Tenné als einen »Mann, der sagt, was er denkt und denkt, was er sagt. Der aber auch versteht, wenn andere anders denken.«

Entschuldigung Tenné selbst bat in seiner Rede jene um Entschuldigung, die er möglicherweise mit seinen offenen Worten verletzt habe. »Es ging mir immer um die Sache und nicht um Personen«, sagte er. Es sei notwendig, die Unterschiede untereinander zu verstehen und die anderen als Partner zu sehen.

Allerdings beobachte er einen latenten Antisemitismus und antiisraelische Tendenzen in der Gesellschaft, die sich aus Unwissenheit speisten. Während niemand über Fußball spreche, ohne sich damit auszukennen, »darf über Juden und Israel jeder reden, ohne nur die geringste Ahnung zu haben«. Menschen diese Ahnung zu vermitteln ist auch mit 90 Jahren noch Tennés Berufung. Er wirkt nicht, als wolle er damit aufhören.

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026

Kahal Adass Jisroel

Platz für die Zukunft

Die Gemeinde in Berlin plant für 26 Millionen Euro ein neues Gemeinde- und Bildungszentrum

von Christine Schmitt  06.04.2026

Schwerin

Ein Denkmal für Willy

Der ehemalige Rabbiner William Wolff wird mit einer Statue geehrt

von Axel Seitz  06.04.2026

»Meet a Jew«

Viele Fragen

Marguerite und Benjamin sind zwei Freiwillige, die im Rahmen des Zentralratsprojektes mit Jugendlichen über das Judentum ins Gespräch kommen. So wie kürzlich in Spandau mit einer Box Mazzot

von Alicia Rust  06.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  06.04.2026

Jewrovision

Aller guten Moderatoren sind drei

Jung, dynamisch und schlagfertig: Ein Trio wird im Mai durch die Show führen

von Christine Schmitt  06.04.2026

Neukölln

Rechts und links der Sonnenallee

Ein Stadtspaziergang führt auf jüdischen Spuren durch den ehemaligen Arbeiterbezirk

von Pascal Beck  05.04.2026

Gemeinde

Man kennt sich hier

Die Synagoge Possartstraße bewahrt Traditionen – und richtet sich neu aus

von Esther Martel  04.04.2026

Besuch

»Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs«

Daniel Hagari, ehemaliger Sprecher der israelischen Verteidigungsarmee, war in der Jüdischen Gemeinde München zu Gast

von Esther Martel  04.04.2026