Jewrovision

Enttäuschung und Verständnis

Das Corana-Virus führt nicht nur in Berlin zu unzähligen Veranstaltungsabsagen. Foto: ZR, Montage: Marco Limberg

Jewrovision

Enttäuschung und Verständnis

Jugendzentren gehen gelassen mit der Absage des Gesangs- und Tanzwettbewerbs um

von Elke Wittich  12.03.2020 12:46 Uhr

Es ist noch keine zwei Wochen her, da waren sie noch gespannt und aufgeregt: die Teilnehmer der für das vergangene Wochenende in Berlin geplanten Jewrovison.

Dann aber kam die Absage durch den Zentralrat der Juden in Deutschland – wie viele andere Großveranstaltungen auch konnte die Jewrovision wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus nicht stattfinden, weil das Ansteckungsrisiko zu groß gewesen wäre.

Risiko »Wir kamen zu dem Schluss, dass das Risiko zu groß sein würde. Und vor diesem Hintergrund aus Verantwortung für die jungen Teilnehmer haben wir uns dann schweren Herzens entschlossen, die Jewrovision abzusagen. Gesundheit geht über alles«, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen.

Und auch der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann, sagte in einer Nachricht auf dem Instagram-Account der Jewrovision: »Das Risiko, dass sich jemand auf der Jewrovision mit dem Coronavirus ansteckt, war einfach zu groß.«

https://www.instagram.com/p/B9ZgLE2IKH5/

Eis Nachrichten, die den vielen Jugendlichen, die sich auf den Song Contest gefreut hatten, vermittelt werden mussten: »Wir haben uns am Mittwoch mit den Kindern getroffen und Eis gekauft«, berichtet Elisa Lubarov, eine der beiden Leiterinnen des Dortmunder Jugendzentrums Emuna. Alle saßen im Kreis zusammen und riefen sich die schönen Momente während der Vorbereitung ins Gedächtnis. Weil niemand traurig nach Hause gehen sollte, wurde das JuZe kurzum zur Bühne, und die Jugendlichen tanzten die Choreografie, die sie eigentlich in Berlin zeigen wollten.

»Die Entscheidung ist verständlich, aber die Enttäuschung ist natürlich groß«, fasst Elisa Lubarov die Reaktionen von Kindern und Madrichim zusammen. »Die Eltern sind eher erleichtert.« Natürlich habe man auch über das Virus gesprochen, wobei man nicht von Grund auf erklären musste, was es mit Corona auf sich hat. »Jeder hatte zu Hause durch die Eltern schon den Input bekommen, was das ist, das Virus war natürlich zuvor schon Thema.«

Und wie geht es nun mit dem Jewrovision-Beitrag weiter? Wird die Zeit genutzt, um vielleicht weiter daran zu feilen? Nein, sagt Elisa Lubarov, »wir werden erst einmal mit den Proben aufhören«. Das hat einen einfachen Grund: »Wenn wir das nicht täten, würden wir bei den Kindern automatisch Hoffnungen und Erwartungen wecken, und das wollen wir nicht. Jetzt muss ja zuallererst geguckt werden, ob und wann ein Nachholen der Jewrovision möglich ist.« Vielleicht könnte die gesamte Performance etwa für die Eltern aufgeführt werden. Das steht allerdings noch nicht fest: »Wir müssen uns am Vorstand der Gemeinde orientieren. Das Kinder-Purimfest und der Purimball wurden abgesagt, da müssen wir jetzt die weiteren Entwicklungen abwarten.«

Alle sind traurig, »aber natürlich haben wir auch Verständnis für die Entscheidung, die wir gut nachvollziehen können«, sagt auch Gennadiy Nayfleysh vom Jugendzentrum Elef Drachim der Trierer Gemeinde. Sprachlich richte sich Enttäuschung nicht gegen Personen, »wir sind nicht enttäuscht über jemanden, sondern über etwas«.

Die Arbeit an den Jewrovision-Beiträgen war nicht vergebens.

Bis zum Wochenende hatte es in Trier noch keinen Corona-Fall gegeben, gleichwohl, so Nayfleysh, »war das Thema bei einigen Eltern natürlich die ganze Zeit im Hinterkopf, entsprechend erleichtert waren sie über die Absage«. Die Jugendzentrumsleiter kamen überein, dass sie nach der Absage keine für die Veranstaltung vorgesehenen Beiträge und Videos veröffentlichen werden.

vernunft »Die Kinder waren sehr traurig. Bei uns sind sie aber überwiegend schon älter, deswegen haben sie die Entscheidung gleichzeitig auch verstanden«, berichtet Elisabeth Friedler, Leiterin des Hamburger Jugendzentrums Chasak.

Man könne schon sagen: »Die Vernunft hat gesiegt.« Das sei auch das Feedback der Eltern gewesen, sagt Friedler. Viele seien einfach dankbar gewesen, dass sie nicht selbst die Entscheidung treffen mussten: »Der Kopf sagte, ich kann dich nicht fahren lassen, während gleichzeitig das Herz bricht, weil die Kinder sich natürlich so sehr darauf freuten.« Insgesamt sei die Kommunikation mit dem Zentralrat »super« gewesen, freut sich Friedler. Nach der Absage habe es nämlich das Angebot an die Jugendzentrumsleiter gegeben, sich in einem Videochat gemeinsam mit dem Zentralrat auszutauschen.

»Das war toll und vor allem auch so informativ.« Geplant sei, die Jewrovision eventuell im Herbst nachzuholen. »Dann wird es kulante Lösungen geben, wurde uns zugesagt, zum Beispiel für diejenigen Teilnehmer, die in der Zwischenzeit Geburtstag haben und damit dann die Altersgrenze von 19 Jahren überschreiten würden.« Am vergangenen Sonntag fand trotzdem eine Premiere statt, wenn auch im kleinen Kreis, unter anderem für Eltern. »Wir haben alles einmal durchgespielt, mit allem, was dazugehört«, sagt Friedler. Eventuell könne der Auftritt zumindest in Teilen gezeigt werden. »Aber vielleicht können wir ja bei der Abiturfeier in der jüdischen Schule auftreten.«

hoffnung Sie habe den Kindern aber auch sofort gesagt, dass die ganze Arbeit, die sie und die Madrichim in den Jewrovision-Beitrag gesteckt haben, nicht vergebens war. »Wir haben vielmehr gewonnen, denn wir haben diskutiert, uns mit Themen auseinandergesetzt, getextet, geübt, etwas geschaffen.« Das alles solle durch die Absage nicht einfach verschwinden. Auch das investierte Geld ist nicht weg. »Wir hatten Glück«, berichtet Friedler, »die Ausgaben für unsere Gruppen-Zugfahrkarte bekamen wir erstattet.« Bei durch den Veranstalter abgesagten Events sei dies kein Problem. »Für uns ist das Geld sehr wichtig, denn Kosten sind für uns, wie für viele andere jüdische Jugendzentren auch, kein ganz irrelevanter Punkt«, betont Friedler. Nun werde das gesparte Geld aufgehoben »für den Herbst, wenn die Jewro hoffentlich stattfinden kann«.

Des Corona-Risikos ist sich Elisabeth Friedler auch nach der Jewrovision-Absage bewusst und versucht, entsprechend verantwortlich zu handeln. Eigentlich sei nächste Woche ein Ausflug geplant gewesen, als Dankeschön nach dem großen Event. »Aber das lasse ich jetzt lieber sein.« Friedler sagt: »Denn dies ist einfach nicht die Zeit, in der man sich ohne Not an einen Ort begeben sollte, an dem sich Menschenmassen aufhalten.«

https://www.instagram.com/p/B9XLJQFiC5Y/

Trost gibt es ein wenig von den Juroren, denn die ließen den Kids und Jugendlichen über Ins­tagram aufmunternde Botschaften zukommen: »Twelve Points for Jewrovision«, gab es von Uriel Yekutiel, Rebecca Siemoneit-Barum schickte die volle Punktzahl, und QBANO versprach: »Ich werde auf jeden Fall dabei sein, wenn wir ein neues Datum für die Jewrovision haben.« Wann das sein könnte: »Wir hoffen, das im Herbst realisieren zu können. Dazu sind wir jetzt in Gesprächen«, sagt Josef Schuster.

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