Abitur

Ende der Schulzeit

Bei vielen Abiturienten bleibt ein ernüchterndes Gefühl zurück: Dieser Lebensabschnitt ist vorbei – sang- und klanglos. Foto: imago images/Jörg Halisch

Die Mottowoche findet statt. Das war die gute Nachricht für Nathan Vilentchik. Das Schlechte daran: Er war ausgerechnet gerade dann in Quarantäne und konnte nicht mitmachen. »Doch selbst, wenn sie verboten worden wäre, hätten wir sie gemacht«, sagt der Jahrgangssprecher des Hermann-Ehlers-Gymnasiums in Berlin-Steglitz.

Traditionell kommen die Abiturienten – und manchmal auch die Pädagogen – in der letzten Schulwoche in Pyjamas, »old fashion style« oder Sportklamotten in die Schule, woran normalerweise alle sehr viel Spaß haben. »Ich hatte mich sehr auf diese Tage gefreut und war deprimiert, dass sie nun für mich ausfielen«, sagt der Abiturient.

abschlussjahrgänge Und auch mit den letzten Wochen seiner Schullaufbahn war der 18-Jährige nicht gerade glücklich. Corona hat einiges durcheinandergewirbelt, und die Schüler haben in den vergangenen zwölf Monaten die Klassenräume nur selten von innen gesehen. Aber in diesem Frühjahr sollte alles anders sein in Berlin, weshalb zumindest die Abschlussjahrgänge regelmäßig reduzierten Präsenzunterricht hatten. »Meiner Meinung nach haben die Lehrer ihre Aufgaben nicht erfüllt«, sagt Vilentchik. Er habe zeitweise einfach nur Arbeitsblätter für ein Fach bekommen.

»Ich musste mir das meiste selbst beibringen und erarbeiten.« Zu Hause hatte er niemanden, der ihm dabei hätte helfen können. Und er hatte auch keine Chance, etwa durch Referate, seine Zensuren zu verbessern, wie er es zu normalen Zeiten in der Schule getan hätte. Nun liegen die Klausuren hinter ihm. Abiball und Abschlussfahrt fallen allerdings aus.

»Wir sind ein voller Haushalt mit fünf Leuten, und es ist schwer für mich, Ruhe zu finden«, sagt Debbie Schneidermann vom Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn. Im April hatte sie vier von fünf Prüfungen, für die sie sich mehr Stille für die Vorbereitungen gewünscht hätte. Schlafanzug und Kindheitshelden waren ihre Themen bei der Mottowoche.

»Meiner Meinung nach haben die Lehrer ihre Aufgaben nicht erfüllt.«

Nathan Vilentchik

Allerdings gab es auch in diesen Tagen ein Hygienekonzept an der Schule, sodass die Schüler nur versetzt in die Schule konnten. Und sie durften nicht durch die Klassen laufen, so die 17-jährige. Gegen das Verkleiden konnte keiner etwas sagen, gegen das Versammeln hingegen schon, weshalb die Mottowoche schließlich abgebrochen wurde.

Ab Herbst möchte die 17-Jährige Psychologie studieren und sich schon bald um Stipendien bewerben. Ihre Träume: eine eigene Wohnung, Reisen, ein Auslandssemester und später als Professorin arbeiten.

LERNSTOFF Noch am Abend sitzt Gregor Skoll vor dem Computer, um die Inhalte in den Kopf zu bekommen. Er habe eine Liste erhalten, auf der der Lernstoff steht. Auf die Prüfungen könnte er gut verzichten. Was ihn in dieser Zeit besonders gestört hat: Er habe sich mit den Lehrern nicht verständigen können, denn die seien für ihn kaum zu erreichen und beantworten E-Mails auch nicht immer zeitnah.

»Ich habe in den letzten beiden Jahren mit Freunden und Klassenkameraden über WhatsApp am meisten gelernt.« Denn in diesen Chat stellen sie die Fragen und hoffen auf helfende Antworten von Klassenkameraden. Dennoch habe er nun alles gut bewältigt. »Ich hatte mir vorgenommen, alles in Ruhe durchzugehen und dann mit gutem Gewissen und Wissen durch die Prüfungen zu kommen.«

Die jetzige Studentin Naomi Maor hatte sich die Monate nach der Schule komplett anders vorgestellt. »Ich dachte, es sei die beste Zeit überhaupt.«

Eine, die diese Erfahrungen ebenfalls gemacht hat, ist Naomi Maor. Bereits vor einem Jahr hat sie für die Abiprüfungen gelernt. Auch damals wurde darüber diskutiert, ob sie überhaupt stattfinden sollten – was dann der Fall war. Eine gute Vorbereitungszeit sei wichtig, sagt die jetzige Studentin.

Sie hatte sich damals gewünscht, die Prüfungen wahrnehmen zu können, und hat festgestellt, dass sie doch froh war, als sie sie geschrieben hatte. Ein Abi ohne Prüfungen wäre vielleicht doch nur ein »Corona-Abi«. Sie konnte sogar ihren Schnitt noch verbessern. »Da heißt es: kühlen Kopf bewahren, Zähne zusammenbeißen und sich gegenseitig unterstützen.«

WHATSAPP Naomi Maor hatte sich die Monate nach der Schule komplett anders vorgestellt. »Ich dachte, es sei die beste Zeit überhaupt.« Auf ihrer Wunschliste stand, nach Israel zu reisen und im Sommer zu entspannen, am liebsten im Ausland. Was sich jedoch nicht verwirklichen ließ. Doch für sie bedeuten diese Monate auch: zusammenhalten, nicht egoistisch sein und sich auch mal zusammennehmen.

Mittlerweile studiert die 18-Jährige Publizistik und Kommunikationswissenschaften – online. Als sie wegen ihres Studentenausweises tatsächlich zur Uni musste, sah sie das Gebäude zum ersten Mal von innen. »Das war mein Highlight.«

Auch Karina Markhbein hat die Mottowoche verpasst – denn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hatte sie Corona. Aber sie würde sagen, dass sie ganz gut durch das Jahr gekommen ist. Zu Hause hatte sie genügend Ruhe zum Lernen, und auch die Technik hat bei ihr funktioniert. Die Schule habe im zweiten Lockdown wesentlich besser geklappt als zu Beginn der Pandemie.

»Die Stimmung ist so komisch, man traut sich gar nicht mehr, jemanden anzuschauen.«

Karina Markhbein

Ob ein Abiball stattfindet, wisse sie derzeit noch nicht, das hänge vom Infektionsschutzgesetz ab. Die Hoffnung auf eine Abschlussfahrt haben sie und ihre Mitschüler nicht aufgegeben: »Wir haben schon eine WhatsApp-Gruppe gegründet.« Was sie aber sehr schade findet, ist, dass sie zweimal während der Pandemie Geburtstag hatte und deshalb nicht richtig feiern konnte. »Nun bin ich 18 Jahre alt, die Schulzeit geht zu Ende, und dieser Lebensabschnitt ist vorbei – und keiner merkt es.«

Was sie bedauert, ist die derzeitige Atmosphäre. »Die Stimmung ist so komisch, man traut sich gar nicht mehr, jemanden anzuschauen.« Ihr Plan für die nächsten Monate bis August ist, Erdbeeren an einem Stand zu verkaufen und so Geld zu verdienen. Die Zusage dafür hat sie bereits. Dann würde sie gerne verreisen und mit netten Leuten gemütlich in einem Restaurant essen. Und ab Herbst in Berlin Psychologie studieren.

MOTTOWOCHE Es war eine Herausforderung», sagt Leah-Marie Kasulin über die vergangenen Monate Unterricht während der Pandemie. Beim ersten Lockdown waren alle überfordert – auch weil die Technik nicht funktionierte. Im Herbst war die Schule für sie relativ normal, wenn man von der Maskenpflicht absieht – bis zum zweiten Lockdown, der für sie Wechselunterricht bedeutete, so die Abiturientin des Sophie-Charlotte-Gymnasiums.

«Aber meine Noten wurden dennoch besser», meint sie. Allerdings hat sie noch zwei Prüfungen vor sich. 300 Minuten dauert eine Abiklausur, Englisch sogar 330 Minuten – so lange musste sie mit einer Maske die Arbeit schreiben, was ihr Kopfschmerzen bescherte.

«Wir konnten nicht durchs Gebäude laufen und laut ›Abi!‹ rufen.»

Leah-Marie Kasulin

Die Mottowoche war für sie nicht der Renner, da ihre Gruppe ausgerechnet an diesen Tagen keinen Präsenzunterricht hatte und nur nachmittags zur Schule kam. «Wir konnten nicht durch das Gebäude laufen und laut ›Abi‹ rufen.» Der Abistreich fiel aus, der Ball ist abgesagt, eine Abschlussfahrt gibt es auch nicht, aber immerhin einen Abi-Pullover.

Eigentlich wollte sie nach der Schule für ein Jahr nach Israel, aber das erscheint ihr nicht mehr realistisch. «Auf jeden Fall möchte ich mal ein Jahr ins Ausland, entweder als Studentin oder als Au-pair.» Bis August will sie sich entschieden haben, was sie dann genau machen möchte. Langfristig soll es in Richtung Marketing gehen. Und sie hofft, so wie alle anderen frischgebackenen Abiturienten auch, dass sie als Studentin einen Alltag mit vielen Begegnungen erleben kann.

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