Rosch Haschana

Einigkeit und Miteinander

»G’ttes Segen, Glück, Freude, Erfolg und Gesundheit«, wünscht Charlotte Knobloch. Foto: Marina Maisel

Selten zuvor hat der Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr, der untrennbar zu Rosch Haschana gehört, ein so zwiespältiges Bild ergeben wie heuer. 5781 war eine Zeit großer Hoffnungen und großer Entbehrungen. Es war eine Zeit der Beschränkung und der Enttäuschungen, aber auch der Wiederannäherung und der Gemeinschaft.

Es war ein Jahr von Abstand und von Nähe, ein Jahr der Bedrohungen – aber auch der Anerkennung. Gerade diese erfahren wir seit Beginn des bürgerlichen Jahres 2021 im Rahmen des Jubiläums »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, das derzeit im ganzen Land gefeiert wird.

GEMEINSCHAFT Politik und Gesellschaft richten ihren vereinten Blick heute auf die jüdische Gemeinschaft – auf ihre Vergangenheit und ihr Wachstum der vergangenen Jahrzehnte, aber auch auf ihre gegenwärtigen Wünsche und Sorgen.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland steht so endlich im Fokus einer interessierten Öffentlichkeit, die in ihrer Größe über die bekannten Gruppen unserer bisherigen Freunde und Verbündeten hinausreicht. Das ist grundsätzlich eine sehr gute Nachricht. Dass jedoch auch im Jubiläumsjahr nicht alles Gold ist, was glänzt, ist leider bereits vielfach deutlich geworden.

Die großen Social-Media-Plattformen sind unverändert Petrischalen des Hasses.

Der Judenhass hat auch 2021 keine Pause eingelegt, und die Fallzahlen antijüdischer Vorfälle und Verbrechen verbleiben auf hohem Niveau. Die großen Social-Media-Plattformen sind unverändert Petrischalen des Hasses, auch wenn das Jahr mit der erfreulichen Ankündigung von Facebook begann, die Leugnung des Holocaust auf der Plattform endlich nicht länger zu dulden.

Wie viel aus der Ankündigung tatsächlich geworden ist, verdeutlicht allerdings die ganze Malaise der grenzenlosen Meinungsfreiheit im Netz: Faktisch bleibt ungestraft und ohne Konsequenzen, was dringend geahndet gehört. Die Politik setzt dem Problem heute immer intensivere Bemühungen entgegen.

SYMBOLE Ein Maßnahmenpaket der Bundesregierung, das den Fehlentwicklungen mit finanzieller Förderung für Projekte gegen Hass, vor allem aber mit strafrechtlichen Verschärfungen beikommen soll, ist ein guter und richtiger Schritt. Wie viele ähnliche Maßnahmen kommt er jedoch um Jahre zu spät.

Wichtige Symbole wie die gemeinsame Entschließung aller demokratischen Parteien im Bayerischen Landtag gegen die gesellschaftliche Geißel des Judenhasses im Mai zeigen uns, dass die Sicherheit und Dauerhaftigkeit der jüdischen Präsenz in unserem Land als Priorität in der Politik angekommen ist. Das ist ein großer Fortschritt und beileibe nicht wenig; nur ob es auch genug ist, bleibt angesichts der spürbaren Verunsicherung nicht nur in unserer Kultusgemeinde fraglich.

Den guten Worten aus den Parlamenten stehen die Hassparolen gegenüber, denen nicht nur viele unserer Mitglieder im Alltag begegnen, sondern die auch aus der viel zitierten Mitte der Gesellschaft dem jüdischen Staat entgegengeschleudert werden.


Unterstützende Zuschriften allein können unsere Synagoge nicht schützen.

In dieser Hinsicht war gerade der vergangene Frühsommer alles andere als ein ermutigendes Zeichen: Explosionen des Hasses auf deutschen Straßen und deren Verurteilung durch die Politik wechselten sich ab, ohne dass eine Seite die andere merklich beeinflusst hätte. Auch hier gilt: Für den Beistand aus der Politik – und oft auch aus der Bevölkerung – sind wir dankbar.

Er muss jedoch auch etwas bewirken. Unterstützende Zuschriften allein können unsere Synagoge nicht schützen, wenn antiisraelische Demonstranten in Hörweite vorbeiziehen. Wir werden auf diese fortgesetzte Unterstützung weiter zählen müssen, auch wenn sich nach dem 26. September eine neue Bundesregierung formieren wird.

AUFMERKSAMKEIT Den Wahlkampf und die Veränderungen, die bereits vor der Bundestagswahl ihre Schatten vorauswerfen, verfolgt die IKG naturgemäß mit besonderer Aufmerksamkeit.

Mit dem Ende der Kanzlerschaft von Angela Merkel verliert die gesamte jüdische Gemeinschaft eine enge Freundin und treue Verbündete, auf die wir uns durch alle Unbilden hindurch stets verlassen konnten. Wie die Zukunft sich hier gestalten wird, bleibt abzuwarten, und im Sinne größtmöglicher Neutralität möchte ich an dieser Stelle lediglich meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Meinungsumfragen recht behalten und die sogenannte Alternative für Deutschland ein spürbar verringertes Ergebnis erzielt.

In dieser schwierigen Zeit sind Einigkeit und Miteinander wichtiger denn je.

Deutschland braucht in dieser äußerst fordernden Zeit voller Umbrüche und Unsicherheiten vieles – aber eine noch lautere Stimme für Hass und Hetze in unserer Volksvertretung braucht es nicht. In dieser schwierigen Zeit, zwischen Pandemie, wachsender gesellschaftlicher Unsicherheit und den ungezählten kleinen und großen Aufgaben des Gemeindealltags, sind Einigkeit und Miteinander wichtiger denn je.

Was wir erreichen können, wenn alle an einem Strang ziehen, haben wir im Jahr 5781 nicht nur an der gegenseitigen Unterstützung während des Lockdowns gesehen, sondern auch an einigen großen Errungenschaften für die IKG. Der Umzug des Helene-Habermann-Gymnasiums an den neuen Standort im Fasangarten ist eine, die Grundsteinlegung für die Zaidman-Seniorenresidenz eine weitere. Mit der Umsetzung dieser Generationenprojekte stellt die Israelitische Kultusgemeinde die Weichen für die Zukunft und unterstreicht zugleich, dass Juden ein Teil der Gesellschaft sind und dazugehören – ohne Wenn und Aber.

GESUNDHEIT Dafür, dass das so bleibt, tun wir als Gemeinde, was in unserer Macht steht. Zugleich hoffen wir – nicht nur im beginnenden neuen Jahr –, dass die Menschen in unserem Land diese Bemühungen auch unterstützen werden.

Für das kommende Jahr wünsche ich von Herzen alles Gute, G’ttes Segen, Glück, Freude, Erfolg und Gesundheit.

Schana tova – gmar chatima tova!

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Eva Umlauf

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht« über ihre Sorgen um die Demokratie und den Aufstieg rechter Parteien. Zu sehen sind Ausschnitte der Interviews auch im Nachtprogramm der ARD

 19.01.2026

Interview

»Die Kita wird für alle offen sein«

Yevgeny Kutikov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Potsdam, über die erste jüdische Kita in Brandenburg.

von Christine Schmitt  19.01.2026

Dachau

2025 mehr als eine Million Besucher in KZ-Gedenkstätte

Erstmals wurden in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein ganzes Jahr lang Besucher gezählt. 2025 waren es mehr als eine Million. Im kommenden Frühjahr will man deren Profil genauer untersuchen

 19.01.2026

Köln

Jüdischer Karnevalsverein antisemitisch angefeindet

»Es ist das bisher Heftigste, was uns passiert ist«, sagt der Präsident des jüdischen Karnevalsvereins »Kölsche Kippa Köpp«. Den Mut verliert Aaron Knappstein aber nicht

von Leticia Witte  19.01.2026

Uckermark

Stille Weite

Alex Stolze ist Musiker und hat sich in einem Dorf unweit der deutsch-polnischen Grenze einen jüdischen Ort in Brandenburg geschaffen

von Katrin Richter  18.01.2026

Berlin

»Meine Überraschung war die Konfitüre aus Rosenblüten«

Laurel Kratochvila backt Challa, Rugelach und Bagels. Nun hat sie ein Buch über polnische Backkunst geschrieben, das die »New York Times« prämiert hat. Eine Reise in die Familiengeschichte und an den Straßenrand

von Katrin Richter  18.01.2026