Porträt der Woche

Eine Sabra am Main

»Nach dem 7. Oktober 2023 schaltete ich in den Aktivitätsmodus. Ich musste einfach etwas tun«: Eliya Kraus (41) aus Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Eine Sabra am Main

Eliya Kraus stammt aus Beer Sheva und engagiert sich für »Zusammen Frankfurt«

von Eugen El  14.07.2024 09:15 Uhr

Eine israelische Community – das ist unser eigentliches Anliegen. Bei »Zusammen Frankfurt« möchten wir Israelis zusammenbringen, uns auf Hebräisch austauschen und gemeinsam den Schabbat oder die Feiertage so feiern, wie wir es aus Israel kennen. Sprache ist schließlich auch Kultur, und es ist etwas Emotionales, wenn man damit aufgewachsen ist.

Denn seit dem 7. Oktober spüren wir, dass der Antisemitismus nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen uns Israelis gerichtet ist. Wie fühlen uns unsicher und fragen uns, ob wir unsere Sprache und Symbole verstecken müssen. Und genau deshalb wollen wir Präsenz zeigen und demonstrieren, dass wir geeint sein können und müssen. Wir, Israelis und Juden, müssen uns gegenseitig in dieser schwierigen Zeit unterstützen.

Zionistische Familie

Hebräisch war immer ein fester Bestandteil meines Familienlebens. Mütterlicherseits komme ich aus einer sehr zionistischen Familie. Ich wurde nach meinem Großvater Eliyahu Zaks benannt. In Israel und innerhalb der Jewish Agency war er recht prominent, da er vielen Jüdinnen und Juden geholfen hatte, aus der Sowjetunion nach Israel zu emigrieren.

Und weil mein Großvater, der in der Sowjetunion lebte, seinem Sohn einen jüdischen Vornamen gegeben hatte – er benannte ihn nach Zeev Jabotinsky, dem er persönlich recht nahestand –, kam er mit seiner Familie für zehn Jahre in ein Arbeitslager. Danach kehrten sie nach Taschkent zurück, wo meine Mutter zur Welt kam.

Leider verrieten ihn seine Nachbarn an den KGB. Deshalb kam mein Großvater ins Gefängnis.

Dort eröffnete mein Großvater einen Ulpan, um Juden Hebräisch beizubringen. Er pflegte Kontakt zur Jewish Agency und nach Israel, was in der damaligen Sowjet­union illegal war. Leider verrieten ihn seine Nachbarn an den KGB. Deshalb kam er ins Gefängnis, wo er mit Elektroschocks gefoltert wurde. Unsere gesamte Familie stand fortan unter Beobachtung. Das war in den 70er-Jahren, einige Jahre vor unserer Auswanderung nach Israel. Meine Eltern haben 1979 dann gemeinsam mit meiner Schwester und meiner Großmutter Alija gemacht.

Ich selbst wurde 1982, zwei Jahre nach dem Tod meines Großvaters, in Beer Sheva geboren. Es war immer sein größter Wunsch gewesen, nach Israel zu kommen. Aber er starb noch in Taschkent. Als ich geboren wurde, war es meiner Mutter sehr wichtig, mir seinen Vornamen zu geben.

In Israel geboren und mit Hebräisch aufgewachsen

Meinen Eltern war es ebenfalls wichtig, dass ich die erste Sabra bin – die erste Generation unserer Familie, die in Israel geboren wurde und mit Hebräisch aufwuchs. Sie sprachen mit mir kein Russisch, weshalb ich diese Sprache nie gelernt habe. Ich hörte sie aber viel, weil meine Eltern untereinander oder mit meiner Schwester oftmals Russisch sprachen. Auf diese Weise habe ich es aufgeschnappt. Ich habe generell ein gutes Ohr für Sprachen.

Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater Physiker. Er war der einzige Jude, der an seiner Universität Physik studieren durfte. In Israel erwarb er einen Master- und Doktortitel. Danach erhielt er ein Jobangebot von einer Solarenergie­fabrik in Jerusalem. Ein paar Jahre lang pendelte mein Vater täglich dorthin, was für ihn sehr hart war. Daher beschloss meine Familie, nach Jerusalem umzuziehen, wo ich eingeschult wurde.

In Beer Sheva lebten wir in einer kleinen Gemeinschaft von Neueinwanderern aus der Sowjetunion. Erst in Jerusalem kam ich in Kontakt mit Menschen, die aus anderen Kulturen stammten. Plötzlich hatte ich Klassenkameraden, die einen marokkanischen, kurdischen oder irakischen Hintergrund hatten. Diese Begegnungen waren für mich wie ein Aha-Erlebnis.

Armeedienst bei der Marine

Meinen Armeedienst leistete ich bei der Marine. Danach studierte ich Politikwissenschaft und politische Bildung an der Hebräischen Universität. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit mir vor. Eine Freundin bot mir einen Job in Tel Aviv an – im Bereich Onlinemarketing, einem damals völlig neuen Berufsfeld. 2008 schloss ich mein Studium ab, und zwei Jahre später zog ich mit meinem Partner nach Tel Aviv. Er arbeitet bei einer internationalen Bank. Viele Leute in meinem Alter zogen von Jerusalem nach Tel Aviv. Sie wollten Dinge entdecken und mehr Freiheit spüren, da Jerusalem immer religiöser wurde. In Tel Aviv gibt es einen Strand, das Nachtleben und ein riesiges Kulturangebot.

Als unsere Tochter zur Welt kam, wurde uns jedoch klar, dass wir uns Tel Aviv nicht mehr leisten können. Mit Modi’in, einer Stadt zwischen Jerusalem und Tel Aviv, fanden wir eine Kompromisslösung. Dies war auch notwendig geworden, weil meine Eltern inzwischen nach Rechovot umgezogen waren. Denn mein Vater arbeitete nun am Weizmann-Institut, während meine Mutter bereits in Frührente ging. Die Schwiegereltern lebten wiederum in einem kleinen Ort bei Jerusalem.

Nach dem Brexit verlegte die Bank meines Mannes ihren Sitz von London nach Frankfurt. Sie bot ihm an, dorthin zu wechseln. So kamen wir im Februar 2019 nach Frankfurt. In Deutschland bin ich zuvor schon mehrmals gewesen – beispielsweise mit 16 Jahren als Austauschschülerin. Das war 1998, wir waren unter anderem in Frankfurt und Bonn, wo damals noch der Bundestag saß.

Sprache war die erste Hürde

Es war schon eine Herausforderung, mit zwei Töchtern und ohne Deutschkenntnisse. Die Sprache war die erste Hürde. Ich begann, Deutsch zu lernen. Doch ein halbes Jahr später kam Corona und wirbelte meine Pläne durcheinander. Mit dem Umzug legte ich meinen gesamten Fokus auf die Familie – insbesondere auf die Integration meiner Töchter. In Frankfurt besuchen sie die jüdische I. E. Lichtigfeld-Schule.

Für mich ist es wichtig, dass sie weiterhin Hebräisch lernen und sprechen. Es geht nicht nur darum, unsere Tradition und Feiertage einzuhalten. Die Mädchen sollen in einer Umwelt aufwachsen, in der sie willkommen sind, in der auch andere Kinder und Mitarbeiter ihre Sprache sprechen und verstehen, was sie durchmachen. Nach rund viereinhalb Jahren konnte ich mich wieder auf mich fokussieren. Also begann ich, mich nach einem Job in meinem Bereich umzusehen, und studierte zusätzlich Projektmanagement.

Doch dann kam der 7. Oktober. Mir fehlen die Worte, um die ungeheuren Gefühle und den Schmerz zu beschreiben.

Doch dann kam der 7. Oktober. Mir fehlen die Worte, um die ungeheuren Gefühle und den Schmerz zu beschreiben. Alles kam so plötzlich, und es war so viel. Ich bin in Jerusalem aufgewachsen. Ich war Soldatin, als dort Busse explodierten. Ich habe damals Freunde verloren. Der 7. Oktober war also ein Trigger für alles, was ich gefühlt hatte, als ich noch in Israel war. Emotional konnte ich nicht damit umgehen – also schaltete ich in den Aktivitätsmodus um. Ich musste einfach etwas tun.

Kontaktperson für in Frankfurt gestrandete Israelis

Da kam das Angebot der Jüdischen Gemeinde gerade richtig, Kontaktperson für die in Frankfurt gestrandeten Israelis zu sein. Es war mir sehr wichtig, diesen Menschen zu helfen. Juden und Israelis gehören zusammen. Wir haben zusammen geweint, uns umarmt und zugehört.

Später erhielt ich die Möglichkeit, den Frankfurter Ableger von »Zusammen« aufzubauen. Im Rahmen dieses Projekts von Israeli Community Europe (ICE) sollen Israelis in europäischen Städten zusammengebracht werden, indem man kulturelle Aktivitäten in hebräischer Sprache anbietet. »Zusammen« entstand zuerst in Berlin und expandierte dann nach Wien. Mittlerweile gibt es mit »Mazi« und »Juntos« auch Niederlassungen in Athen und Barcelona. Wir konnten »Zusammen Frankfurt« im Dezember 2023 eröffnen, dort bin ich Community Managerin.

Die Gründung wurde von der Gemeinde initiiert und unterstützt, das bringt die hier lebenden Israelis auch näher an die Gemeinde heran. Auf diese Weise zeigen wir Einigkeit. Und genau dies ist das eigentliche Ziel.

Für die kommenden Jahre wünsche ich mir, dass noch mehr Israelis zu unseren Veranstaltungen kommen. Ich möchte mehr Zusammenarbeit sehen. Mein Wunsch ist ferner, dass alle Menschen, die nicht in ihren eigenen vier Wänden sein können, die ihrer Freiheit brutal beraubt wurden, endlich nach Hause zurückkehren können. Ich wünsche, dass wir friedvolle, ruhige Tage erleben.

Aufgezeichnet von Eugen El

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