München

»Ein Tag, der in Trauer weiterlebt«

Der 22. Juni ist für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern längst zu einem festen, wenn auch schmerzlichen Bestandteil der Erinnerungskultur geworden. An diesem Tag, der sich jetzt zum 80. Mal jährte, begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjet­union das blutigste Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Und die Spuren, die dieses Ereignis hinterlassen hat, führen mitten in die Gemeinde.

»Tag der Erinnerung und der Trauer« stand auf der Einladung zu der Gedenkfeier in der Ohel-Jakob-Synagoge. Mit unterschiedlichen Beiträgen sorgten Nellya Hohlovkina, Vorsitzende des Vereins »Phönix aus der Asche«, Rahmil Vainberg von »Child Survivors« und das Jugendzentrum Neschama unter Leitung von Dima M. Schneerson für einen würdigen Rahmen.

Die Jugendlichen von Neschama eröffneten die Gedenkfeier mit einer Namenslesung.

Die Jugendlichen hatten die Gedenkfeier mit der Verlesung von 70 Namen eröffnet. Jeder dieser Namen steht für ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, das aufseiten der Sowjetunion gegen Hitler kämpfte und am 22. Juni, als der Krieg begann, an der Front stand.

Neben IKG-Präsidentin Charlotte Knob­loch, die die zentrale Rede bei der Gedenkfeier hielt, kam auch Vizepräsident Ariel Kligman zu Wort. Er stammt aus Kiew, einer Metropole jüdischen Lebens – bis zu dem Zeitpunkt, als die Nazis kamen.

babi JAR Zu den unvorstellbaren Grausamkeiten, die mit der Einnahme der Stadt verbunden sind, gehört auch Babi Jar, der Name einer Schlucht am Stadtrand. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten sogenannte Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Es war das größte einzelne Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg, für das die Wehrmacht verantwortlich war.

Ariel Kligman kam kurz nach Kriegsende zur Welt und kennt die schrecklichen Ereignisse der kriegerischen Auseinandersetzungen nur vom Hörensagen – dies jedoch aus erster Quelle. Seine Mutter, so erzählt er in der Gedenkstunde, war Chirurgin und in einem Feldlazarett an der Front eingesetzt. »Dort erlebte sie die ganze Grausamkeit des Krieges direkt mit.«
Auf das bis zu diesem Zeitpunkt nicht gekannte Maß an Schmerzen und Leid ging IKG-Präsidentin Knobloch ein. »Kein Land«, sagte sie, »zahlte im Krieg einen so hohen Blutzoll wie die Sowjetunion. Kein Land erlebte eine solche Vernichtung, solchen Hass, solche gezielte Zerstörung der Lebensgrundlagen.«

Charlotte Knobloch, die als kleines Mädchen in München an der Hand ihres Vaters die orthodoxe Synagoge brennen sah und die NS-Zeit als Kind unter falschem Namen bei Freunden überlebte, erinnerte auch daran, dass der 22. Juni 1941 nicht nur den Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion markiert: »Wäre es nach den Nationalsozialisten gegangen, hätte der Tag auch den Beginn vom Ende der jüdischen Existenz bedeutet.« Wohin die deutschen Truppen auch kamen, immer waren die Juden ihr erstes Ziel gewesen.

menschenleben 27 Millionen Menschenleben forderte der Krieg in der Sowjetunion. Diese Zahl sprenge die Vorstellungswelt jedes Einzelnen, ergänzte Charlotte Knobloch. Aber sie lebe in unzähligen Familien fort – als Erinnerung an verlorene Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde, aber auch als Leere, als Trauer. »Der 22. Juni 1941, der Tag, der in Trauer weiterlebt, ist vielleicht vergangen, aber er ist ganz sicher nicht vorbei«, stellte sie fest.

Und mit Blick auf die Vereine »Phoenix aus der Asche« und »Child Survivors« hob die IKG-Präsidentin die Notwendigkeit hervor, das dunkelste Kapitel der Vergangenheit nicht einfach im Licht der Gegenwart auszublenden: »Nur das Erinnern kann wirksam verhindern, dass die Geschichte sich noch einmal wiederholt.«

»Kein Land erlebte eine solche Vernichtung, solchen Hass.«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch

Besonders erfreut zeigte sie sich deshalb auch über die Teilnahme des Jugenddezernats an der Gedenkfeier. Die Stimmen der Jugendlichen seien es, die auch in Zukunft noch gehört werden. »Gerade deshalb«, sagte Charlotte Knobloch, »müssen sie aber auch wissen, was Menschen anderen Menschen antun können. Sie müssen wissen, welche furchtbare Schuld dieses Land vor acht Jahrzehnten auf sich geladen hat. Es geht dabei nicht darum, seine Einwohner heute dafür zu verurteilen, sondern vielmehr darum, mitzuhelfen, dass es seine Verantwortung für die Erinnerung niemals vergisst.« Das gelte auch für die Nachkriegsgenerationen, die das Glück haben, in Frieden aufwachsen zu dürfen.

Charlotte Knobloch entzündete am Ende eine Kerze für die sechs Millionen jüdischen Opfer, die im Holocaust ermordet wurden. Der religiöse Teil der Gedenkstunde, das Gebet El Male Rachamim und das Schlusswort, lag in den Händen von Rabbiner Avigdor Bergauz. Für den musikalischen Rahmen sorgte Igor Bruskin.

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026