Ehrung

Ein pflichtbewusster Optimist

Mit einem feierlichen Akt hat die Landeshauptstadt München Ende Februar die neue Fritz-Neuland-Straße eingeweiht. Zahlreiche Ehrengäste, unter ihnen viele Mitglieder des Stadtrats, versammelten sich nahe dem St.-Jakobs-Platz, wo die neue Straße in Verlängerung der Corneliusstraße zwischen Blumenstraße und dem Jüdischen Zentrum verläuft. Gemeinsam enthüllten Oberbürgermeister Dieter Reiter und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, Tochter von Fritz Neuland, das Straßenschild. Für die Familie war es ein bewegender Moment: Auch zwei der drei Kinder von Charlotte Knob­loch, Bernd und Iris, Enkel und Enkelin von Fritz Neuland, nahmen an der Zeremonie teil.

Oberbürgermeister Reiter würdigt Fritz Neuland

Oberbürgermeister Reiter würdigte Fritz Neuland als eine Persönlichkeit, die »untrennbar mit der Geschichte unserer Stadt verbunden« sei. Gemeinsam mit Julius Spanier habe er maßgeblich dazu beigetragen, der jüdischen Gemeinschaft nach dem Holocaust wieder ein festes Fundament zu geben. Straßennamen, so Reiter, erzählten Geschichten und machten sichtbar, »welche Werte uns in München wichtig sind«. Die Ehrung gelte einem Mann, der Mut und Entschlossenheit bewiesen und dafür gesorgt habe, »dass jüdisches Leben wieder aufblühen konnte«.

Siegfried (Fritz) Neuland, 1889 in Bayreuth als Sohn des Kaufmanns Salomon Neuland und seiner Frau Albertine geboren, zog früh nach München. An der Ludwig-Maximilians-Universität studierte er Rechtswissenschaften und legte 1912 die erste juristische Staatsprüfung ab. Der Erste Weltkrieg unterbrach seinen beruflichen Weg; für seinen jahrelangen Fronteinsatz wurde er mehrfach ausgezeichnet.

In der Weimarer Republik arbeitete Neuland in einer angesehenen Kanzlei am Stachus, gemeinsam mit dem späteren bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner, und erwarb sich dort einen hervorragenden Ruf als Anwalt. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begannen die systematische Ausgrenzung und Entrechtung.

Wie viele jüdische Juristen verlor Neuland seine Zulassung und durfte fortan nur noch als »Konsulent« für jüdische Mandanten beratend tätig sein. 1942 übernahm er die Kanzlei des deportierten Kollegen Albert Oppenheimer; im selben Jahr wurde seine Mutter nach Theresienstadt verschleppt und 1944 dort ermordet. Ab Februar 1943 musste Neuland Zwangsarbeit leisten, unter anderem in einem Batterie-Rüstungsbetrieb. Die Arbeit dort verursachte eine schwere Augenschädigung, die ihm zeitlebens blieb. Seine Tochter Charlotte hatte er bereits im Sommer 1942 auf einem Bauernhof in Mittelfranken untergebracht – eine Entscheidung, die ihr Leben rettete.

Trotz allem entschied sich Neuland nach der Befreiung bewusst, in München zu bleiben. Diese Entscheidung war keineswegs selbstverständlich – und auch innerhalb der Familie umstritten, wie Charlotte Knobloch in ihrer Ansprache eindrücklich schilderte. Als ihr Vater sie im Sommer 1945 zurückholte und ankündigte, der Stadt nicht den Rücken kehren zu wollen, habe sie zuerst mit »Wut und Unverständnis« reagiert. Heute jedoch überwiege die Bewunderung: für seine tiefe Bindung an eine Heimat, die er sich nicht nehmen lassen wollte, »schon gar nicht von den besiegten Nazis«, für sein Pflichtbewusstsein als Jurist und für seinen unerschütterlichen Optimismus.

Neuland gehörte im Juli 1945 zu den Initiatoren und Mitbegründern der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Zunächst Vizepräsident, wurde er 1951 erstmals zu ihrem Präsidenten gewählt; mehrere weitere Amtszeiten folgten bis zu seinem Tod 1969. Zugleich wirkte er weit über die Gemeinde hinaus: Von 1952 bis 1963 war er Mitglied des Bayerischen Senats, zudem Vorsitzender des Landesausschusses des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Nach der Wiederzulassung als Anwalt beteiligte er sich aktiv am demokratischen Neubeginn des Rechtslebens.

Trotz allem entschied sich Neuland bewusst, in München zu bleiben.

Die Präsidentin der Rechtsanwaltskammer München, Anne Riethmüller, würdigte in ihrem Grußwort Neulands Haltung als Jurist in dunkelster Zeit. »Fritz Neuland war ein Mensch, der an die Kraft des Rechts glaubte, und dies in einer Zeit, in der das Recht in sein Gegenteil verkehrt, missbraucht und als Waffe gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wurde.« Dennoch habe er sich bewusst für Vertrauen statt Verbitterung entschieden und daran geglaubt, dass in Deutschland wieder ein demokratischer Rechtsstaat entstehen könne. Die Benennung der Straße sei daher mehr als eine persönliche Ehrung; sie sei ein öffentliches Bekenntnis zu Menschenwürde, Freiheit und Recht.

Ihr Vater sei ein Patriot im besten Sinne gewesen, sagte Charlotte Knobloch – einer, der München und Deutschland als Versprechen auf Gleichheit, Toleranz und Respekt verstanden habe. »Fritz Neuland lebte und dachte den ersten Satz unseres Grundgesetzes – lange bevor es dieses Grundgesetz überhaupt gab.«

Seine Errungenschaften schreibe die Stadt nun sichtbar ins Stadtbild ein: Als Nachfolgerin im Amt der IKG-Präsidentschaft und als Tochter sei sie deshalb »unendlich dankbar und stolz«. Ihren besonderen Dank sprach sie dem Initiator der Straßenbenennung, Michael Dzeba, sowie der Stadtspitze aus. Mit der neuen Straße werde nicht nur ein Name geehrt, sondern die Politik setze »in bewegten Zeiten ein überaus wichtiges politisches Zeichen«.

Jubiläum

»Wir richten den Blick nach vorn«

Toby Axelrod über 20 Jahre Limmud Deutschland, Herausforderungen und eine ganz besondere Aktion

von Christine Schmitt  28.04.2026

Militär

Für Deutschland kämpfen?

Nach der Schoa war es für Juden unvorstellbar, wieder in einer deutschen Armee zu dienen. Doch wie blickt die jüdische Gemeinschaft heute auf die Bundeswehr?

von Joshua Schultheis  28.04.2026

Gedenken

17 neue Stolpersteine für Magdeburg

Seit dem Jahr 2007 wurden in Magdeburg mehr als 860 Stolpersteine für Opfer der Verfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus verlegt. Am 4. Mai kommen weitere 17 Steine an den Wohnorten von jüdischen Mitbewohnern hinzu

 28.04.2026

Berlin

Festakt zur Umbenennung in Margot-Friedländer-Platz

Der Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses wird zum 7. Mai umbenannt

 28.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026

Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

Alexander Reznitchi ist Afghanistan-Veteran, war Sportlehrer und wurde Techniker

von Brigitte Jähnigen  24.04.2026

Kino

Boxen auf Leben und Tod

Im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage zeigte die Kultusgemeinde die Geschichte des Hertzko (Harry) Haft

von Helen Richter  24.04.2026