Deutschland

Ein historisches Edikt und weitere Entdeckungen

Das Kolumba Museum in Köln Foto: imago/imagebroker

Ein kunstvoll gearbeiteter Tora-Schrein aus der Rokokozeit - mit brutal zerschlagenen Türen. In diesem Ausstellungsstück spiegelt sich die ganze Ambivalenz jüdischen Lebens in Deutschland. Einerseits ist der Schrein mit seinen verspielten Verzierungen immer noch ein Schmuckstück, er zeugt vom Beitrag jüdischer Bürgerinnen und Bürger zur deutschen Kultur und Geschichte.

Die Beschädigungen stammen von den Novemberpogromen des Jahres 1938, als SA-und SS-Männer in die Kleine Synagoge von Würzburg eindrangen, auf den Schrein einschlugen und die Tora-Rollen anzündeten.

EDIKT Der Schrein steht derzeit in einer großen Ausstellung zum Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« im Kölner Museum Kolumba. Köln ist insofern der perfekte Ort für die Ausstellung, als das ganze Jubiläum mit dieser Stadt verknüpft ist: Im Jahr 321 erlaubte der römische Kaiser Konstantin in einem Dekret die Berufung von Juden in den Kölner Stadtrat. Weil dieses Edikt erhalten ist, weiß man, dass in Köln damals schon eine jüdische Gemeinde existierte. Es ist damit die älteste nördlich der Alpen.

Das Edikt bleibt nur bis zum 11. Oktober, die Ausstellung wird bis Mitte August 2022 zu sehen sein.

Die Urkunde mit dem Edikt ist ebenfalls ausgestellt. Die Vatikanische Bibliothek hat sie ausgeliehen, was - so heißt es zumindest - so gut wie nie vorkommt. Allerdings muss man sich beeilen, wenn man die schnörkeligen Buchstaben auf vergilbtem Untergrund sehen will: Das Edikt bleibt nur bis zum 11. Oktober, wohingegen die Ausstellung fast ein ganzes Jahr zu sehen sein wird, bis Mitte August nächsten Jahres.

Sie lohnt den Besuch mit Sicherheit auch noch nach dem 11. Oktober. Andere, weniger prominente Ausstellungsstücke werden die einzelne Besucherin, den einzelnen Besucher womöglich sogar viel direkter ansprechen.

BRIEF Da ist zum Beispiel ein ganz kleiner, handgeschriebener, zerfledderter Brief. Geschrieben hat ihn der 19 Jahre alte Schmuel Doderer an seine Eltern, und zwar am 15. November 1807. Auf Deutsch in hebräischen Buchstaben erzählt er ihnen vom harten Leben in einem Napoleonischen Militärlager. Er war eingezogen worden, denn die linksrheinischen Gebiete gehörten damals zu Frankreich.

»Hier könnt ihr mich sehen, wie ich gekleidet bin, und da könnt ihr unser Zelt sehen, wo wir drinnen sein«, schreibt er. Dazu hat er eine farbige Zeichnung angefertigt, die ihn mit einer Art Bärenfellmütze zeigt, in der rechten Hand keine Waffe, sondern einen Blumenstrauß, den er den Eltern entgegenstreckt. Eine Zeichnung, die einem die Kehle zuschnürt. Was aus ihm geworden ist? Man weiß es nicht, Schmuel hat keine weiteren Spuren hinterlassen. Nur dieses Briefchen hat sich erhalten.

Der Besucher ist aufgefordert, auf Entdeckungstour zu gehen.

Es entspricht der Handschrift von Kolumba - des Kunstmuseums des Erzbistums Köln - den Besuchern möglichst wenig vorzugeben. Keine erklärenden Texttafeln, keine Zeitleisten. Aber es gibt ein kleines blaues Buch, das jede Besucherin, jeder Besucher in die Hand gedrückt bekommt. Mit diesem Büchlein kann man sich die Ausstellung erschließen. Wenn man will.

Es ist unmöglich, alles zu betrachten - dazu wurde hier viel zu viel zusammengetragen. Vielmehr ist man aufgefordert, auf Entdeckungstour zu gehen. Je nachdem auf was man sich einlässt, erschließt man sich seine eigene, ganz persönliche Ausstellung.

PROPHET Da ist zum Beispiel eine Beschneidungsbank aus Südhessen von etwa 1750. Auf der einen Seite der Bank nahm der Pate mit dem acht Tage alten Jungen Platz. Damit war die Bank aber erst zur Hälfte ausgefüllt. Für wen ist der zweite Platz? Der ist für den Propheten Elias, der das Kind vor Gefahren schützt.

In einem Raum sind Schachteln aufeinandergestapelt. Diese Schachteln enthalten abgenutzte oder beschädigte Schriftstücke religiösen Inhalts. Seit der Spätantike ist es im Judentum Sitte, solche Gegenstände, die nicht mehr verwendet werden können, nicht etwa wegzuwerfen, sondern aufzuheben.

Lange Zeit waren die Juden hier trotz vieler Beschränkungen einfach Kölner unter Kölnern.

Nicht um sie zu archivieren, zu konservieren oder gar wiederherzustellen. Sondern einzig und allein, um die heiligen Schriften mit dem Namen Gottes vor Entweihung zu schützen.

KÖLNER Raum 11 vereint Funde aus dem mittelalterlichen jüdischen Viertel von Köln, damals die größte Stadt in deutschen Landen. Lange Zeit waren die Juden hier trotz vieler Beschränkungen einfach Kölner unter Kölnern. Sie folgten den gängigen Moden - davon zeugen Schmuckspangen, Gürtelschnallen, Nadeln, Schellen und Fingerringe.

Sie hatten Spaß - das zeigen Würfel, Spielsteine, Murmeln, Spielzeugritter und kleine Flöten aus Tierknochen. Wenn man diese Dinge betrachtet, dann mag man sich ihren einstigen Besitzern wie durch unsichtbare Fäden verbunden fühlen. Das Judenviertel wurde 1349 zerstört, seine Bewohner ermordet. Sie wurden beschuldigt, Erzeuger der Pest zu sein, die sich von Süden her auf Köln zubewegte.

So geht man immer weiter, von Raum zu Raum. Eine würdige Ausstellung zu diesem sehr besonderen Anlass.

Soziale Medien

Zeit zum Ausloggen

Australien hat es vorgemacht und ein Gesetz verabschiedet, wonach Jugendliche unter 16 Jahren kein eigenes Konto mehr auf Plattformen wie Instagram oder TikTok haben dürfen. Wir haben uns bei jüdischen Teenagern und Eltern umgehört, wie sie darüber denken

von Katrin Richter, Christine Schmitt  11.01.2026

Initiative

Gedenken im Alltäglichen

Im vergangenen Jahr wurden Erinnerungszeichen für rund 50 von den Nazis ermordete Münchnerinnen und Münchner der Öffentlichkeit übergeben

von Esther Martel  11.01.2026

Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

Nelli Davydenko ist Pädagogin und tanzt gern zu eigenen Choreografien

von Chris Meyer  11.01.2026

Brandenburg

Potsdam soll jüdische Kita bekommen

Zum jüdischen Leben gehören auch jüdische Schulen und Kitas. Eine Kindertagesstätte wird derzeit in Potsdam geplant

 09.01.2026

Leipzig

Kinder greifen koscheres Café an

Sie bewarfen offenbar Mitarbeiter mit Plastikflaschen, beschimpften sie und versuchten, in den Schankraum einzudringen: Die Polizei ermittelt gegen mehrere Kinder und Jugendliche in Leipzig

 08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Hedwig Dohm oder Dag Hammarskjöld sind Namen, die Schulen heute gerne tragen. Andere Schulen sind nach Menschen benannt, deren Wirken heute kritischer gesehen wird als in der Vergangenheit

von Pat Christ  08.01.2026

Gegenwart

Jetzt erst recht!

Das Festjahr für jüdisches Leben in Deutschland war ein großer Erfolg. Es wird Zeit, dass nun auch auf europäischer Ebene das reiche jüdische Erbe gewürdigt wird

von Andrei Kovacs, Abraham Lehrer  08.01.2026

Mannheim

Schätze der Synagogalmusik

Die jüdischen Kantoren treffen sich zur Jahreskonferenz und laden zu drei Konzerten ein

von Christine Schmitt  08.01.2026