Porträt der Woche

Ein Amerikaner in München

»Von einer jüdischen Mutter bekommt man etwas mit, ob man will oder nicht«: Grantly Marshall (67) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

Ein Amerikaner in München

Grantly Marshall gründete die American Drama Group und ist spät Vater geworden

von Katrin Diehl  07.08.2017 18:28 Uhr

Ich bin jeden Morgen ab sieben im Büro. Heute war es drei Minuten vor sieben. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich betrete den Raum, der nicht gerade groß ist und so aussieht, als müsste man darin wieder einmal ein wenig Ordnung schaffen. Dafür ist er warm, sehr warm sogar. Ein Bad gibt es nicht. Dafür zieht man eine Tür weiter nach rechts zu unseren Freunden vom Amerikahaus. Aber das ist okay.

Ich könnte auch nach links gehen ins israelische Konsulat, aber die Verhandlungen mit den netten Sicherheitsbeamten, die davor stehen, würden alles ein bisschen verkomplizieren. Fest steht, verlasse ich unser Provisorium, sollte ich nicht vergessen, zuvor wieder in meine Schuhe zu schlüpfen, die ich – erste Amtshandlung – abstreife, sobald ich am Schreibtisch sitze. Das vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit, und ich kann beschwingt loslegen.

Wach bin ich da ja schon eine ganze Weile. Seit halb fünf. In aller Frühe mache ich mich zu einem eineinhalbstündigen Spaziergang im Englischen Garten auf. Das brauche ich, damit ich denken kann. Am Abend folgt das Ganze im Rückwärtsgang. Schuhe an, raus aus dem Büro, eineinhalb Stunden Spaziergang im Englischen Garten, dann nach Hause, und die Uhr schlägt acht. Ein langer Tag ist das, mit kleiner Mittagspause – Tee und belegte Brötchen kriegt man drüben auf der anderen Straßenseite. Aber ich bekomme das hin, auch wenn meine Kollegen behaupten, es gäbe Momente, in denen sich meine Augenlider für Sekunden so ganz langsam nach unten bewegen würden. Ich halte das für ein Gerücht.

schauspiel Ich bin 67 Jahre alt, ein Amerikaner in München, und ich habe mir meinen Traum, Schauspieler zu werden, nicht erfüllt. Oder nur zur Hälfte erfüllt. Oder vielleicht werde ich ihn mir doch noch ganz erfüllen. Als ich 1972 aus Ohio kommend in München landete, hatte ich nicht viel mehr im Gepäck als meinen Abschluss in Theaterwissenschaft.

Ich habe gejobbt und mich dann noch einmal an der Uni für Germanistik und Amerikanistik eingeschrieben. 1978 gründete ich die »American Drama Group«. Bis heute bin ich der Kopf der Truppe. Ich bin derjenige, der die Mülleimer leert und der den ganzen Laden auf eigenes Risiko finanziert. That’s it. So ist das mit den Träumen. Aber ich musste einfach feststellen, dass Organisation und Schauspielerei nicht unbedingt Hand in Hand gehen, das eine aber ohne das andere nicht geht.

Trauer und Herzeleid waren mit dieser Entscheidung, die Bühne aufzugeben, verbunden. Ich klemmte mich vor den Computer mit dem Ergebnis, dass es uns jetzt schon bald 40 Jahre lang gibt, wir mit 1000 Aufführungen pro Jahr in 30 Ländern vertreten sind. Meine Schauspieler sind alle Muttersprachler. Geprobt wird in einer Halle im Münchner Norden. Wir sind viel unterwegs, spielen aber natürlich auch zu Hause – von Fahrenheit 451, The Wave, Oliver Twist und Death of a Salesman bis zu Shakespeare, immer wieder Shakespeare. Aktuell bieten wir ein Stück zum Thema Syrien, Flüchtlinge, Terrorismus an. Schulklassen sind für uns ein sehr wichtiges Publikum, und deshalb hat uns die Schulzeitverkürzung an bayerischen Gymnasien richtig hart getroffen.

Aber reich wird man als Theatermann ohnehin nicht. Solange die Sache läuft, ist das okay. Dass wir hier ein bisschen rumpelig untergebracht sind, hat damit zu tun, dass das Amerikahaus, in dem wir eigentlich unsere Räume haben, gerade renoviert wird. 2018/19 soll es fertig sein. Who knows?

standbein Vom Schreibtisch aus sorge ich dafür, dass wir an den verschiedenen Bühnen vertreten sind, dass für Werbung und Publikum gesorgt ist, dass meine Schauspieler eine ordentliche Unterkunft bekommen, wenn möglich mit Frühstück. In Israel haben wir übrigens auch ein Standbein, die Gruppe »American Drama Israel«, auch wenn die Sache gerade ein bisschen vor sich hin schlummert.

Von 2008 bis 2016 sind wir dort richtig aktiv gewesen. Wir haben überall gespielt – in Jerusalem, Haifa, Tel Aviv, Netanya, Beer Sheva, was mich sehr viel Geld gekostet hat. Am Ende konnten wir gerade noch die Ausgaben decken, sodass meine wirklich tolle israelische Produzentin irgendwann zu mir gesagt hat: »Grantly, so leid es mir tut, aber ich kann wirklich nicht für ein, zwei Schekel arbeiten, und an meine Rente sollte ich auch denken« – womit sie absolut recht hatte.

Aber ich vermisse diese Aufführungen dort wirklich, auch weil das israelische Publikum eines der besten ist. Zu unseren Vorstellungen sind vor allem die europäischen Juden gekommen, haben ganz aufmerksam zugehört, jede Nuance wahrgenommen, was wir, wenn wir vor Schülern spielen, die Englisch als Fremdsprache lernen, nie erwarten können. Entsprechend war der Widerhall, war die Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum. Ich vermisse das wirklich. 2018 wird es wieder klappen mit Israel! Mein inneres Gefühl sagt mir das, und dem ist zu trauen.

familie Irgendetwas da drinnen ist es auch, was ich von meiner Mutter, die in diesem Jahr 100 geworden wäre, mitbekommen habe. Von einer jüdischen Mutter bekommt man etwas mit, ob man will oder nicht. Zum Beispiel diese tiefen Schuldgefühle. Sie werden dem Sohn einfach übertragen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert: Ich bin an allem schuld. Aber das ist in Ordnung. Wenn das von Anfang an zu deinem Leben gehört, hast du Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Ohio, Farmland, so weit das Auge reichte. Die nächsten Juden waren vielleicht 30, 40 Meilen entfernt. Mein Vater war Atheist, und in der Familie war nicht das Judentum, sondern die kommunistische Bewegung wichtig. Aber in sich hat man es trotzdem. Meine ersten Freundinnen am College – alles durch die Bank weg Jüdinnen.

An meine jüdische Großmutter, die in Los Angeles wohnte, erinnere ich mich auch noch. Sie hat mir mein erstes Radio geschenkt. 1916 war sie aus Russland nach Amerika gekommen, sprach mit einem starken russischen Akzent, redete auch noch fließend Jiddisch. Immer, wenn wir sie besucht haben, stellte ich fest, dass auch meine Mutter noch recht gut Jiddisch beherrschte. Das war eben ihre Kindheit, ihre Identität. Bis ins hohe Alter hat sie sich immer sehr gefreut, wenn sie jemanden Jiddisch sprechen hörte.

Nach der russischen Revolution sollte meine Großmutter eigentlich wieder zurück nach Russland. Ihre Halbschwestern hatten ihr sogar schon ein Schiffsticket besorgt und sie gelockt mit so Sachen wie: »Jetzt ist der Lenin an der Macht, und den Juden geht es gold.« Aber mittlerweile war der Ehemann meiner Großmutter gestorben, zwei Kinder waren da, und da konnte sie nicht wieder zurück. Mein Onkel, ihr Bruder, ist Jahre später wieder nach Russland gereist, um nach Verwandten zu suchen. Alle waren fort. Niemand war mehr da. Wäre meine Großmutter zurückgegangen, ich bin sicher, es gäbe mich nicht, von meinem kleinen Sohn Grantly Junior ganz zu schweigen.

lebemann So spät Vater zu werden, hat bei uns Tradition. Aus dem Lebemann Grantly Marshall ist jetzt also ein Ehemann und Vater geworden. Als meine Frau bei mir eingezogen ist, hat sie eine Küche vorgefunden, die etwas von einem Museum hatte. Nichts war benutzt. Früher bin ich eben nach dem Büro in die Stadt gegangen, habe dort etwas gegessen und bin dann nach Hause ab ins Bett. Das ist anders geworden. Sehr viel anders, und bisher finde ich dieses neue Leben ganz lustig.

Die Sorgen, dass unser Kind den ganzen Tag schreien und ich aus der Wohnung geworfen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Die Menschen um uns herum erweisen sich sogar als ausgesprochen freundlich, seit es den Kleinen gibt. Ich rede mit ihm Englisch, er antwortet mir auf Deutsch. Also kann ich zumindest davon ausgehen, dass er mich versteht.

Meine Frau wollte, dass er getauft wird. Also wurde er getauft. So what?! Ich war dabei, war zum ersten Mal in einer Kirche. Ein neues Erlebnis. So what?! Das, was ich in mir trage, werde ich an meinen Sohn weitergeben. Er bekommt das Jüdische ab, ob er will oder nicht. Das überträgt sich. Und wenn ich genau hinsehe, glaube ich, es ist schon passiert.

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