Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Ein leichtes Unbehagen ist Marc Grünbaum, Dezernent für Kultur und Bildung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, bei seiner Begrüßungsansprache an diesem Abend anzumerken. Er nennt die Konstellation »ein Wagnis«: Eine Überlebende der Schoa und eine Überlebende des Massakers vom 7. Oktober 2023 zusammen auf einer Bühne? Verbiete es sich nicht, beides quasi in einem Atemzug zu nennen? »Trotzdem Ja zum Leben sagen«, heißt die Veranstaltung, zu der die WIZO in die Aula des Philanthropins geladen hat.

Die monströse Singularität der indus­triellen Massenvernichtung und das Pogrom des 7. Oktober nicht gleichsetzen zu wollen, betonen Nicole Faktor (WIZO) und Gil Bachrach (Fernsehproduzent und Journalist), der die Moderation übernahm. »Trotzdem Ja zum Leben sagen«, ein Zitat von Victor Frankl, sei kein Satz des Trostes, keiner, der das Grauen kleiner machen möchte.

Seit dem 7. Oktober laden einige Schulen die Schoa-Überlebende wieder aus.

Ein Abend des Erinnerns soll es sein, der der Frage nachgeht, was uns hilft weiterzuleben, so Bachrach. Zum Auftakt wird der 35-minütige Dokumentarfilm The Children of October 7 des Regisseurs Asaf Becker gezeigt, der aus London angereist ist.

Zwischen zehn und 16 Jahre alt sind die Kinder, die vor der Kamera vom Überleben des Grauens erzählen; von der Ermordung ihrer Eltern und Geschwister, deren Zeugen sie wurden, der Verschleppung in den Gazastreifen. Dazwischen geschnitten sind Aufnahmen der Bodycams der Terroristen zu sehen, Schreie, Schüsse sind zu hören. Zu einer der Blutlachen in den verwüsteten Häusern begleitet die Kamera Ella Shani – hier fand man den Leichnam ihres Vaters.

»Mein Hirn weigert sich zu glauben, dass mein Vater tot ist«

»Mein Hirn weigert sich zu glauben, dass mein Vater tot ist«, sagt die junge Frau, auf den blutgetränkten Boden mit den Einschusslöchern starrend. 14 Jahre war sie damals alt. Heute Abend sitzt sie auf der Bühne. Sie sei dankbar dafür, ihre Geschichte erzählen zu können, auch wenn das Entsetzen sich heute sogar noch größer anfühle.

Es sei ihnen wichtig gewesen, den Film so zeitnah wie möglich zu machen, um Beweise und Zeugenaussagen zu dokumentieren, »weil die Verleugnung sofort losging«, so Becker, der neben Ella Shani Platz genommen hat.

Der Schock darüber, dass die Tatsachen von vielen Menschen weltweit abgestritten wurden, und der Hass, der ihr im Netz entgegenschlug, ließen Shani verzweifeln und beinahe aufgeben, nachdem sie im November 2023 in die Öffentlichkeit getreten war, um auf das Schicksal ihres verschleppten Cousins aufmerksam zu machen. Schon am 8. Oktober, so Uwe Becker, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen, der den Kontakt zu Ella Shani vermittelt hatte und ebenfalls anwesend ist, machte sich das »große Aber«, dieses »Unwort«, breit.

Eine Täter-Opfer-Umkehr, lange bevor Israel seine Gegenoffensive begann. »Nichts fühlt sich mehr sicher an«, sagt eines der Kinder in dem Dokumentarfilm.

Schöne Erinnerungen an ihre Mutter

Nie habe sie gedacht, dass sie so etwas (wie den 7. Oktober) in ihrem Leben noch erleben muss, sagt die 1932 geborene Eva Szepesi, die als Kind Auschwitz überlebte. Sie beschreibt, an Shani gewandt, wie sie die schönen Erinnerungen an ihre Mutter hüte. Dass sie als Elfjährige nicht begriffen hätte, warum ihre Mutter sie fortgeschickt habe.

»Sie wollte, dass ich lebe«, das habe sie erst später verstanden. »Sie wollte, dass ich überlebe«, sagt im Film der 16-jährige Rotem, der unter dem Leichnam seiner Mutter verharrte, bis die Hamas-Terroristen abzogen. Sie hatte sich zu seinem Schutz auf ihn geworfen.

Das Leben sei ein Geschenk, sagt Szepesi. »Ich habe das Gefühl, dass ich doppelt aufpassen muss auf das Leben.« Ella solle das auch, sich freuen auf das Leben, Kinder bekommen, Enkelkinder.

Die 93-jährige Szepesi spricht vor Schülern über das Grauen der Schoa in Zeiten wie diesen, in denen der Holocaust wieder geleugnet wird, in denen mit dem Tod der letzten Zeitzeugen die kollektive Erinnerung zu verblassen scheint. Mitgefühl würden die Schüler zeigen, sie würden zuhören, keiner spiele am Handy, wenn sie ihnen erzähle. Ihre Tochter Anita wirft ein, dass sie einige Schulen seit dem 7. Oktober wieder ausladen würden und ihre Mutter Polizeischutz bekäme.

»Um Zeugnis ablegen zu können, braucht es einen Zuhörer.«

»Um Zeugnis ablegen zu können, braucht es einen Zuhörer«, so die Psychoanalytikerin Tamara Fischmann, die zwischen Szepesi und Shani sitzt. Auch sie betont, dass die Traumata von Schoa und dem 7. Oktober sich vollkommen unterscheiden. Letzteres sei ein »Einbruch«; der Staat, der nach der Schoa Sicherheit für das jüdische Volk versprach, habe versagt.

Reden helfe nicht jedem, manche müssten schweigen. Nicht jedes Schweigen sei Verdrängung, so Bachrach. Eva Szepesi hat 50 Jahre geschwiegen. Und doch habe sie wie in allen Familien von Überlebenden subkutan das Trauma der Schoa weitergegeben.

Geleugnet oder verharmlost

Auch Ella Shanis Großeltern sind Schoa-Überlebende, ebenso wie die Großeltern der amerikanischen Influencerin, die die Interviews mit den überlebenden Kindern des 7. Oktober geführt hat. Für Montana Tucker war es unbegreiflich, wie der Holocaust geleugnet oder verharmlost werden konnte – das dürfe mit dem 7. Oktober nicht passieren. Für sie und die Filmemacher sei dies der Antrieb zur Dokumentation gewesen.

Ein »Trotzdem« ist ein schmales Gerüst für einen Abend zwischen Holocaust und dem größten Massaker seit dem Holocaust. Erzählen, zuhören – mehr kann nicht gelingen in zwei kurzen Stunden in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal.

Vom »Universum der Einsamkeit« (Elie Wiesel) nach der Vernichtung der europäischen Juden zum Schock über das Versagen der Rettungsinsel Israel sind es Welten – auch wenn die eine zur anderen führt.

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